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Erding:Frauenhaus völlig überlastet

250 Frauen musste die Leiterin allein im vergangenen Jahr absagen, weil es nur fünf Plätze gibt. Es findet kaum noch eine Fluktuation statt, da die Bewohnerinnen keine Wohnungen finden

Das Erdinger Frauenhaus kann seinen Auftrag, Plätze für misshandelte Frauen bereitzuhalten, nicht mehr erfüllen. Die Einrichtung ist seit langem überbelegt. Knapp 250 Frauen, die 2012 für einem Platz im Frauenhaus angefragt haben, musste Leiterin Angela Rupp absagen, weil alle vorhandenen fünf Plätze belegt waren. Grund dafür ist laut Rupp vor allem die miserable Lage auf dem Erdinger Wohnungsmarkt. "Es gibt einfach keinen sozialen Wohnungsbau", sagt sie.

In der Richtlinie für die Förderung von Frauenhäusern in Bayern heißt es, wie lange eine Frau im Frauenhaus bleibt, richte sich nach ihrer individuellen Situation; allerdings soll sie "in der Regel sechs Wochen nicht überschreiten". Umsetzbar ist das kaum: Viele Frauen müssten teilweise bis zu einem Jahr in der Einrichtung bleiben, weil sie keine geeignete Wohnung für sich und ihre Kinder fänden. "Das ist eigentlich unser Hauptübel", sagt Rupp. "Wir kriegen die Frauen nicht mehr aus dem Haus und können keine Plätze mehr vorhalten."

Dabei wollten und könnten viele ihrer Klientinnen die Einrichtung wesentlich früher verlassen - wenn sie nur eine geeignete Unterkunft finden würden. Aber die Suche gestaltet sich oft schwierig, nicht zuletzt aufgrund der Lebenssituationen der Frauen: Ein Großteil ist alleinerziehend und ohne eigenes Einkommen, zudem, so Rupp, hätten viele einen Migrationshintergrund. Oft spreche sich auch herum, welche Frauen in der Einrichtung untergekommen sind. Ihre Klientinnen hätten dann automatisch schlechtere Chancen auf dem Wohnungsmarkt. "Ein Makler hat mal zu mir gesagt: Frau Rupp, Ihr Klientel ist nicht der Traum meiner Vermieter", erzählt sie.

"Die Makler haben für uns sowieso nichts"

Inzwischen hat Angela Rupp es aufgegeben, bei Maklern nach Wohnungen für die Frauen zu suchen. "Die haben für uns sowieso nichts." Oft bleibt den Frauen deshalb nur eines: Sich immer wieder bewerben und warten. Die letzte Klientin, die es am Ende geschafft hat, eine Sozialwohnung zu bekommen, hat alle Anfragen dokumentiert, die sie gestellt hat. Am Ende zeigte sie Rupp drei dicht beschriebene DIN A 4-Seiten. Fast ein Jahr lang musste sie im Frauenhaus bleiben, erst nach Monaten hatte sie Erfolg bei der Suche.

Für die Frauen sei diese Phase oft mit schweren Rückschlägen verbunden, sagt Rupp. Werden sie abgelehnt, beeinträchtige das ihr Selbstwertgefühl. Für die Frauen sei das insbesondere bei der Arbeits- und Wohnungssuche "fatal" und "demotivierend". "Was wir im Vorhinein an Aufbauarbeit leisten, wird da immer wieder in Frage gestellt."

Die prekäre Wohnungssituation hat sich laut Rupp besonders im vergangenen Jahr "eklatant verschärft". "Wir mussten doppelt so viele Frauen abweisen, wie in den Jahren zuvor." Inzwischen rufe fast jeden Tag jemand an und frage nach einem freien Platz. Hinzu komme, dass sich die Zielgruppe der Klientinnen erweitert habe. Kamen früher vornehmlich Frauen im Alter von 20 bis 40 Jahre in die Einrichtung, nehmen jetzt bereits junge Mütter ab 18 und bis 70 Jahre das Haus in Anspruch.

Zu 95 Prozent ist das Haus durchschnittlich belegt

Bereits im ersten Halbjahr dieses Jahres betrug die durchschnittliche Belegung 95 Prozent, das sei "sehr hoch". Um von der Regierung von Oberbayern gefördert zu werden, die die Personalkosten des Frauenhauses mit jährlich 16 200 Euro subventioniert, reicht laut der Förderrichtlinie eine Auslastung von 75 Prozent aus.

Insgesamt zehn Frauenhausplätze stehen den Landkreisen Erding, Freising und Ebersberg zur Verfügung. Diese Zahl hat sich, seit die Häuser in Freising und Erding vor mehr als 20 Jahren eröffnet wurden, nicht geändert. Rupp findet diese Berechnungsformel aber "nicht mehr stimmig": "Wir gehören zu den Zuzugslandkreise und haben inzwischen weit über 100 000 Einwohner." Sie setzt ihre Hoffnungen nun auf den Landkreis München. Dort sucht man bereits nach einer geeigneten Immobilie für ein erstes Frauenhaus. "Dann kämen fünf Plätze dazu", sagt Rupp, "und vielleicht ergeben sich Synergien."

© SZ vom 13.07.2013
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