Erding:Frauenhaus ist fast immer "komplett voll"

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Schutz vor ihrem gewalttätigen Partner finden Frauen im "Frauenhaus". (Foto: Maja Hitij/dpa)

Die Leiterin der BRK-Frauenbereiche Steffi Irmscher-Grothen gibt im Kreistag einen Überblick zu Frauennotruf, Interventionsstelle und Second Stage. Die steigenden Zahlen sind für manchen Politiker "erschütternd".

Von Gerhard Wilhelm, Erding

"Von Januar 2022 bis Anfang Oktober war das Frauenhaus Erding komplett voll belegt." Steffi Irmscher-Grothen, die Leiterin der BRK-Frauenbereiche, fasste in ihrem Überblick zu den Bereichen Frauenhaus, Frauennotruf, Interventionsstelle und Second Stage das Dilemma in einem Satz zusammen. Die steigenden Zahlen in allen Bereichen, die Irmscher-Grothen vorstellte, waren für manchen Kreisrat und manche Kreisrätin "erschreckend". Die Anträge des BRK auf Defizitausgleiche für nächstes Jahr durch den Landkreis Erding - insgesamt knapp 400 000 Euro - wurden wohl auch deshalb einstimmig vom Kreistag abgesegnet.

In diesem Jahr habe man 18 Frauen und 22 Kinder aufnehmen können, sagt die BRK-Leiterin. "Zum Vergleich: im gesamten Jahr 2022 sind es 19 Frauen und 16 Kinder gewesen. Eine enorme Steigerung." Aus dem Landkreis Erding komme 2023 aber nur ein "Klient", wie Irmscher-Grothen sagte. Vor allem aus Sicherheitsgründen würde man auf eine wohnortnahe Unterbringung verzichten, da die Gefahr zu groß sei, dass die Männer die Frauen finden. 72 Prozent der aufgenommenen Klientinnen stammen aus dem Freistaat Bayern, der Rest kommt aus anderen Bundesländern.

"Der Anteil der Frauen mit Migrationshintergrund ist um ein Viertel gegenüber 2022 gesunken."

In einem Bereich konnte Irmscher-Grothen sinkende Zahlen vermelden: "Der Anteil der Frauen mit Migrationshintergrund ist um ein Viertel gegenüber 2022 gesunken." Ebenfalls gesunken: das Durchschnittsalter der Frauen. Es liege jetzt zwischen 30 und 40 Jahren. "Ein sehr junges Alter für uns." Auch das Alter der Kinder, die mit ins Frauenhaus kommen, ist geringer geworden: 2022 lag es bei sechs bis zehn Jahren, jetzt zwischen Null bis drei Jahren. Eng verbunden sei mit der Aufenthaltsdauer ein grundsätzlich großes Problem: eine geeignete und bezahlbare Wohnung zu finden. Zwei Frauen seien deshalb schon seit sieben Monaten im Erdinger Frauenhaus.

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"Leider sind auch in diesem Jahr wieder Frauen nach einem Gewaltvorfall zu ihrem Partner zurückgegangen", sagt Irmscher-Grothen. Auch bei diesen Frauen spiele der fehlende Wohnraum oft eine Rolle. "Die Frauen merken leider, dass es keine Möglichkeit gibt, mit ihren Kindern schnell und günstig an eine Wohnung zu kommen. Auch wir finden für die Frauen einfach keinen Wohnraum, auch, wenn man sie auf sämtliche Listen setzt." Der Wohnungsnot gegenüber steht bei den Platzanfragen im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung von 35 Prozent. Im Frauenhaus selber habe es bisher heuer 101 Anfragen gegeben, und über die ehrenamtliche Schiene 50. Das Erdinger Frauenhaus könne aber nur maximal fünf Frauen und neun Kinder aufnehmen.

Eine große Hilfe ist Whatsapp

Auch der Frauennotruf war mehr als gut ausgelastet, wie die Leiterin sagte. Dort konnten bisher 61 Frauen und vier Männer beraten werden. Im vergangenen Jahr seien es ausschließlich Frauen gewesen. Auch Männer würden also jetzt die Hilfe in Anspruch nehmen, sagt Irmscher-Grothen. Die Steigerung sei wohl auch auf eine gesteigerte Öffentlichkeitsarbeit zurück zu führen. "Es trauen sich immer mehr Menschen anzurufen und in die Beratung zu kommen." 2022 habe man insgesamt 361 Beratungen durchgeführt, bisher seien es 640 - "eine ganze Menge". Eine große Hilfe sei im Gegensatz zur allgemeinen Vermutung Whatsapp.

Für Personen mit Migrationshintergrund, die kein Deutsch sprechen, sei dieses Medium eine "wahnsinnige Erleichterung", zumal die Mitarbeiter dort leicht ein Übersetzungsprogramm anwenden können. "Die Frauen verstehen uns besser und wir können leichter einen Kontakt herstellen." Hauptthema der Beratungen sei nicht mehr physische Gewalt, sondern die psychische und die wirtschaftliche Seite. Frauen würden häufig von jeglicher finanziellen Unterstützung abgeschnitten, das Konto werde eingefroren oder sogar weggenommen.

Großes Glück habe man, dass man in ein Second Stage einziehen kann, sagte Irmscher-Grothen, und betont, "dass es kein zweites Frauenhaus ist", sondern ein weiteres Unterstützungsangebot, welches an das Frauenhaus angegliedert sei. Second Stage sei eine Übergangswohnung zwischen dem Frauenhaus und dem Bezug einer eigenen Wohnung. Es soll bereits psychisch wieder so weit stabilen Frauen, die sich nicht mehr in akuter Gefahr befinden und ihren Alltag selbständig meistern können, bei dem angespannten Wohnungsmarkt die Möglichkeit bieten, ohne Druck nach geeignetem Wohnraum für sich (und ihre Kinder) zu suchen.

Derzeit gibt es laut BRK drei trägereigene Wohneinheiten. Die Wohnungen sind möbliert mit eigener Küche und Bad. Die Frauen und deren Kinder können in diesen Räumlichkeiten für bis zu sechs Monate leben - verlängerbar um weitere vier Wochen nach Absprache mit der zuständigen Fachkraft. Die Adressen der Wohnungen sind im Gegensatz zum Frauenhaus nicht mehr anonym. Dadurch können die Frauen - auf Wunsch - auch wieder Besuch empfangen und ihre eigene Post erhalten - ein weiterer Schritt in Richtung eines eigenständigen und selbstgeführten Lebens.

Das Frauenhaus ist Tag und Nacht unter der Telefonnummer 08122/976242 erreichbar. Weitere Infos unter www.brk-erding.de/frauenhaus-erding

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