Jahrhundertgift im Erdinger Boden:Fliegerhorst ist ein PFAS-Hotspot

Lesezeit: 3 min

Was verbirgt sich alles im Boden am Fliegerhorst Erding? Das Thema Altlasten kann noch so manche Überraschung bieten. (Foto: Stephan Görlich)

Auf dem Militärgelände sind hohe Belastungen mit perfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS) festgestellt worden. Die Bundeswehr lässt aktuell Detailuntersuchungen vornehmen. Ob und in welchem Umfang das Gelände saniert werden muss, bevor dort ein neuer Stadtteil entstehen kann, ist noch offen.

Von Florian Tempel, Erding

Mehr als 1500 Orte sind in Deutschland mit dem Jahrhundertgift PFAS verseucht. Einer davon ist der Fliegerhorst Erding. Das Militärgelände, das Ende 2024 in die Konversion zu einem neuen Stadtteil gehen soll, findet sich auf einer interaktiven Deutschlandkarte, welche die Süddeutsche Zeitung nach gemeinsamen Recherchen mit NDR und WDR vor drei Wochen veröffentlicht hat. PFAS, perfluorierte Alkylsubstanzen, sind chemische Verbindungen, die - wenn sie einmal in die Umwelt gelangen - dort für sehr lange Zeit nicht mehr verschwinden, vielleicht über Jahrhunderte nicht.

Das Fliegerhorstgelände soll zu einem neuen Stadtteil für bis zu 6500 Menschen werden. Die Stadt, die die Konversionsfläche am liebsten komplett erwerben möchte, will alles richtig machen und das neue Quartier unter allen modernen, zeitgemäßen und notwendigen Aspekten planen und entwickeln. Der neue Stadtteil soll innovativ und zukunftsorientiert gestaltet werden. Doch wie sieht es mit Altlasten und Umweltgiften aus? Öffentlich ist noch gar nicht bekannt, wo und in welchem Umfang auf dem Fliegerhorst giftige Stoffe zu finden sind. Die PFAS-Belastung ist zumindest schon mal amtlich festgestellt - und erschreckend hoch.

Die ersten Untersuchungen am Fliegerhorst wurden bereits vor einigen Jahren gemacht

Mit einer gefundenen Menge von 2389 Nanogramm pro Kilogramm im Boden muss der Fliegerhorst Erding zu den deutschen Hotspots der PFAS-Belastung gezählt werden. Die ersten Untersuchungen am Fliegerhorst wurden bereits vor einigen Jahren gemacht. Das geht aus einer Anfrage des SPD-Landtagsabgeordneten Florian von Brunn hervor. Die bayerische Staatsregierung leitete Brunns Fragen an das Bundesverteidigungsministerium weiter und gab dessen Antworten im Juni 2019 bekannt.

In der Beantwortung wird darauf verwiesen, dass "das Altlastenprogramm der Bundeswehr seit fast 30 Jahren" laufe und "bundesweit bisher über 22.000 Flächen mit Kontaminationsverdacht bearbeitet" worden seien. Die Stoffgruppe der PFAS, die früher als PFC abgekürzt wurden, ist nur eine Art der Umweltgifte, die auf Bundeswehrgeländen anzutreffen sind. Andere Altlasten sind zum Beispiel Rückstände von Mineralölen, Sprengstoffen, Schwermetalle, Benzol oder Pflanzenschutzmittel. In einer Liste bayerischer Bundeswehrstandorte, auf denen Umweltgifte gefunden wurden, heißt es beim Fliegerhorst Erding recht kurz und knapp: "PFC im Boden und Gras." Erst auf eine zweite Anfrage des Abgeordneten Florian von Brunn werden im Herbst 2019 die konkreten Werte genannt, die in Bodenproben des Fliegerhorsts festgestellt worden sind.

Es gibt andernorts sehr viel höhere festgestellte PFAS-Werte. Dennoch wird der Fliegerhorst Erding unter den 1500 in der SZ-Recherche genannten Orte in Deutschland als einer von 300 Hotspots geführt. Nach Einschätzung von Experten muss man all die Fundorte als besonders problematische Hotspots betrachten, an denen mehr als 100 Nanogramm PFAS pro Liter Wasser oder pro Kilogramm Boden nachgewiesen worden sind. Die Werte am Fliegerhorst waren etwa 24 Mal höher.

Insbesondere der Einsatz von Löschschaum scheint als Quelle des Gifteintrags in Frage zu kommen

Woher kommt die hohe PFAS-Kontamination in Erding? In der Antwort auf die erste Landtagsanfrage heißt es sehr allgemein gefasst: "Die Kontaminationen sind auf eine Vielzahl militärischer Aktivitäten, wie zum Beispiel den technischen Liegenschaftsbetrieb sowie Schieß- und Spreng- oder Löschübungen, während der oft jahrzehntelangen Nutzungshistorie der Liegenschaften zurückzuführen." Insbesondere der Einsatz von PFAS-haltigem Löschschaum, der bei konkreten Einsätzen oder bei Übungen benutzt wurde, scheint als Quelle des Gifteintrags in Frage zu kommen.

Die SZ Erding hat bei der Bundeswehr und der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima), die den Verkauf des Fliegerhorstes vorbereitet, angefragt, ob weitere Untersuchungen und auch bereits Sanierungsmaßnahmen geplant sind. Das Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr in Bonn teilt dazu mit, dass man die erste Erkundungsphase abgeschlossen habe und sich bereits eine spezifische Stelle näher anschaue: "Im Bereich des Feuerlöschübungsbecken wird derzeit eine vorgezogene Detailuntersuchung durchgeführt." Die Ergebnisse dieser Detailuntersuchung "münden in die abschließende Gefährdungsabschätzung, anhand derer die zuständige Fachbehörde entscheidet, ob und gegebenenfalls welche Gefahrenabwehrmaßnahmen erforderlich sind". In einem allgemeinen Informationspapier der Bundeswehr heißt es: "Nicht jede festgestellte PFC-Kontamination bedeutet gleichzeitig auch eine Gefährdung der Bevölkerung. Eine Gefahr besteht nur, wenn Schadstoffe in die Nahrungskette gelangen können."

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Die Bima verweist in ihrer Antwort auf das Schreiben der Bundeswehr, mit der sie "aufgrund der Konversion im engen Austausch" stehe. Die Bima geht nicht auf Details ein. Sie verweist ebenfalls auf das festgelegte Prozedere der "Baufachlichen Richtlinien für Boden- und Grundwasserschutz", nach der auch in Erding vorgegangen werde. Wie eine Sanierung der kontaminierten Bereiche am Fliegerhorst Erding aussehen werde, sei noch nicht absehbar. "Nach Abschluss der Vorplanung entscheiden die lokalen Bodenschutzbehörden, ob und welche Sanierungsvariante zur Ausführung kommen wird. Erst dann kann durch die Bima die Planung und Umsetzung der konkreten Maßnahmen erfolgen." Die Bima betont zudem einen gewissermaßen positiven Aspekt: "Dadurch, dass die PFAS-Verunreinigungen bekannt sind, können diese bei der anstehenden Konversion berücksichtigt werden."

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