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Erding:Fatale Verwechslung

Der Historiker Giulio Salvati weist nach, dass die Bombardierung Erdings vor 75 Jahren auf einem Irrtum beruhte. Die US-Piloten hielten die Stadt für Freising. Das planmäßige Ziel war der dortige Rangierbahnhof

Nach 75 Jahren ist es endgültig geklärt: Die Bombardierung Erdings am 18. April 1945 war nicht geplant, sondern erfolgte aufgrund einer fatale Verwechslung. Mit bislang unveröffentlichten Unterlagen kann der Erdinger Historiker Giulio Salvati belegen, dass an jenem Tag drei Staffeln der US Air Force mit je zwölf B 17-Bombern von England aus zunächst nach Traunstein flogen, um dort die Bahnhofsanlagen zu bombardieren. Die erste Bombardierung in Traunstein erfolgte um 14.41 Uhr. Dichter Rauch machte es einer nachfolgenden Staffel unmöglich, das Ziel zu lokalisieren. Nach zwei folgenlosen Anläufe entschied man sich deshalb, das zweite Angriffsziel, den Freisinger Bahnhof, anzusteuern. Auf dem Weg dorthin wähnten sich die Bomberpiloten aber zu früh am Ziel. Da man den vorgegebenen Rangierbahnhof nicht fand, entschied man sich, stattdessen das "industrielle Zentrum" der Stadt zu bombardieren.

Erst nach der Rückkehr in England stellte sich heraus, dass die Bomber Erding unter sich hatten und um 15.17 Uhr das Areal zwischen der Brauerei Fischer und der Molkerei zerstörten. Das muss klar geworden sein, als Luftbilder entwickelt waren, die von Kameras gemacht wurden, die in den Bombenschächten der Flugzeuge installiert waren. Die Luftbilder sind automatisch etwa eine halbe Minute nach dem Abwurf der Bomben gemacht worden. Man sieht darauf die Erdinger Innenstadt aus etwas mehr als fünf Kilometer Höhe, im südlichen Teil der Altstadt sind dichte Rauchwolken zu erkennen. Mehr als 120 Menschen starben in Erding durch den Bombenangriff. Andere US-Fliegerstaffel waren kurz zuvor planmäßig bis Freising gekommen, wo beim dortigen Bombardement mehr als 260 Menschen starben.

Die Karte zeigt die Flugrouten der drei Bomber-Staffeln am 18. April 1945, vom Start in England, nach Traunstein und zurück. Die erste Zahl einer Markierung gibt die Uhrzeit an, die zweite Zahl die Flughöhe in Fuß. Die grüne Linie zeigt die Route der dritten Staffel, die Erding um 15.17 Uhrbombardierte.

(Foto: The National Archives)

Die neuen historischen Erkenntnisse werden an diesem Samstag, dem 75. Jahrestags der Bombardierung, in zweifacher Form präsentiert. Um 15.10 Uhr beginnt ein Livestream in der Facebook-Gruppe der Erding Tower Tours, in dem Giulio Salvati und die Erdinger Gästeführerin Doris Bauer die Moderation übernehmen. Salvati und Bauer beginnen mit der Übertragung am Schrannenplatz und gehen nach dem Gedenk-Glockengeläut und einer Schweigeminute durch die Zollnergasse zum Denkmal am Grünen Markt, das an die Opfer des 18. April 1945 erinnert. Dabei zeigen sie Fotografien, Dokumente und militärische Luftbilder zum Bombenangriff.

Ebenfalls von diesem Samstag an wird auf dem von Salvati ins Leben gerufene Internetportal www.erding-geschichte.de ein langer Dokumentarfilm zu sehen sein. Salvati beleuchtet darin in einem Stadtspaziergang die historischen Hintergründe, zeigt originale Dokumente, spricht mit Zeitzeugen und vermittelt zusammen mit dem Forsterner Militärhistoriker Thorsten Blaschke die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Bombenangriff.

Bombardierung

Der Blick vom Stadtturm nach Süden zeigt die massiven Zerstörungen an der Haager Straße.

(Foto: Stadtarchiv Erding)

Schon vor zwei Jahren hatte Blaschke die Verwechslungsthese in einem Vortrag im Museum Erding vorgestellt. Seine Überlegung, dass die Bomben eigentlich Freising hätten treffen sollen, beruhten auf durchdachten Schlussfolgerungen, er hatte jedoch keine eindeutigen Belege dafür. Salvati war nicht bei Blaschkes Vortrag, da er selbst zur gleichen Zeit beim Historischen Verein über seine Forschung zu Zwangsarbeitern im Landkreis Erding während des Zweiten Weltkriegs referierte. In diesem Zusammenhang interessierte ihn auch die Bombardierung der Stadt. Unter den Opfern waren auch Menschen, die offenbar zur Zwangsarbeit nach Erding verschleppt worden waren. Es sind "die vergessenen Toten", wie Salvati sagt, etwa eine Frau aus der Ukraine oder ein vier Monate altes Baby, von dem man ebenfalls nur den ukrainischen Namen, aber weder Mutter noch Vater kennt. Salvati nahm mit Blaschke Kontakt auf, ließ sich dessen Verwechslungstheorie genau erklären und begann mit eigenen Nachforschungen.

Giulio Salvati hat in München und Bamberg Politikwissenschaft und Soziologie studiert, danach in Jena einen Masterstudiengang in Geschichte und Politik des 20. Jahrhunderts absolviert. Die vergangenen drei Jahre war er zum Promotionsstudium an der New York University. In seiner Dissertation vergleicht er, wie nach 1945 Vertriebene in Deutschland und in Italien aufgenommen und angesiedelt wurden. In Erding hat er in den vergangenen Monaten eine Datenbank zu Zwangsarbeitern im Landkreis Erding aufgebaut. Eine geplante Ausstellung im Museum Erding musste verschoben werden.

Giulio Salvati hat die Beweise in den National Archives in Washington D.C. gefunden.

(Foto: Museum Erding)

Um die Bombardierung Erdings aufzuklären, bat Salvati im vergangenen Jahr eine Kollegin in Washington, in den National Archives gezielt nach Dokumenten zu suchen. Die früher als geheim eingestuften militärischen Unterlagen sind für Historiker seit Jahrzehnten zugänglich. Salvatis Kollegin scannte für ihn mehr als 500 Dokumenten ein und schickte sie ihm zu. Zusammen mit Thorsten Blaschke sichtete er die vielen Einsatzberichte, Flugkarten und Luftbildern, anhand derer sich der Angriff auf Erding am 18. April 1945 in großer Genauigkeit nachvollziehen lässt - und Spekulationen ein Ende setzt.

In älteren Zeitungsberichten finden sich etwa noch die Einschätzungen des Erdings Stadtarchivars Markus Hiermer. Er war davon überzeugt, dass die Bomber in Sizilien gestartet waren und die tschechische Stadt Pilsen angreifen sollten. Dieser Angriff sei jedoch "abgeblasen" worden und die Bomberbesatzung hätte, "danach alles getan, um ihre Last loszuwerden. Denn die Gefahr für eine voll beladene Maschine, doch noch in Gefangenschaft zu geraten, war beträchtlich". Der Erdinger Lokalhistoriker Hans Niedermayer vertrat die Ansicht, dass "die Angriffe zwar von keiner strategischen Bedeutung mehr waren", jedoch als Vergeltungsschläge. "Immerhin waren wir Deutschen die ersten, die bombardiert haben, auch die Zivilbevölkerung, dass die Antwort stärker ausfällt, ist nachvollziehbar."

Salvati und Blaschke haben auch solche Überlegungen diskutiert. Dass die Bomberstaffel, die Erding angriff, ihr eigentliches Ziel Freising nicht erreichte und den Fehler nicht bemerkte, erklären sie sich mit dem großen Druck, unter dem die Besatzung der Bomber stand. Bei einem Einsatz am Tag zuvor war eine Maschine der Staffel abgeschossen worden. Die zwölf Bomber, die Erding angriffen, flogen zeitversetzt als letzte von drei Gruppen. Nach vielen Stunden Flug über feindliches Gebiet hatte für sie der planmäßige Angriff auf Traunstein schon nicht geklappt. Sie hatten Zeit verloren und den Kontakt zu den anderen zwei Staffeln ihres Kampfverbandes. Dass man in Erding das vermeintlich industrielle Zentrum angriff - die Molkerei habe von oben wie eine Fabrik ausgesehen - beruhe auf einer militärischen Überlegung, findet Salvati: "Sie hätten genausogut die Innenstadt bombardieren können." Dass am 18. April 1945 der Krieg schon so weit fortgeschritten war, dass Luftangriffe nur zur Zermürbung der Zivilbevölkerung eingesetzt worden wären, sei nicht richtig, sagt Salvati: "Auf dem Boden ist noch massiv gekämpft worden." In den letzten beiden Kriegstagen im Landkreis Erding starben mehr als 60 Deutsche, die den amerikanischen Streitkräften bis zuletzt Widerstand leisteten.

Der Livestream zum Jahrestag der Bombardierung Erdings am Samstag, 18. April, beginnt um 15.10 Uhr auf www.facebook.com/erdingtowertours. Die Doku von Giulio Salvati mit Hintergründen, Luftbildern, Zeitzeugen- und Experten-Interviews ist auf www.erding-geschichte.de zu finden.

© SZ vom 18.04.2020

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