Erding:"Einige kommen leider nur zum Stänkern"

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Uwe Pianka, Wirt im Weißbräuzelt, redet über die Auswüchse beim Erdinger Herbstfest und was gegen den zunehmenden Alkoholkonsum und die steigende Gewaltbereitschaft unternommen werden kann. Und wo die Grenzen erreicht sind

Cornelia Weber

Der bisherige Verlauf des Erdinger Herbstfestes wird von den Schaustellern, Politikern und auch der Polizei nicht gerade positiv bewertet: In diesem Jahr stieg die Zahl der Körperverletzungen und Schnapsleichen deutlich an - auch bei Jugendlichen unter 16 Jahren. Die Süddeutsche Zeitung sprach mit Uwe Pianka, dem Festwirt des Weißbräuzeltes.

Erding: Es geht auch anders: Die allermeisten jungen Leute wollen beim Erdinger Herbstfest nur einen fröhlichen Abend verbringen.

Es geht auch anders: Die allermeisten jungen Leute wollen beim Erdinger Herbstfest nur einen fröhlichen Abend verbringen.

(Foto: Renate Schmidt)

SZ: Wie erklären Sie sich die negative Zwischenbilanz des Herbstfestes?

Pianka: Ich sehe das nicht nur als ein Problem in Erding. Das ist doch eine allgemeine soziale Entwicklung. Das fängt schon bei der Respektlosigkeit den Eltern gegenüber an. Das sind ja immer die gleichen. Die kommen nicht zum Feiern, sondern zum Stänkern. Gleich am ersten Tag haben sie unsere Toiletten kaputt getreten. Oder es wird so fest angestoßen, dass die Krüge kaputt gehen. Gerade am Wochenende haben wir über die Hälfte an Plätzen reserviert. Da können wir dann zumindest nachvollziehen, wer das war. Die bekommen dann eben das Jahr darauf keinen Tisch mehr. Oder Einzelne bekommen Zeltverbot. Ich sehe das als erzieherische Maßnahme. So wurden schon die größten Raufbolde erzogen. Das ist die schlimmste Strafe: Es ist Volksfest, und du darfst nicht hin.

War denn die Entwicklung abzusehen?

Als politisch denkender Bürger sage ich, ja, schon jahrelang. Das sehe ich ja schon seit Jahren in meinem Bekanntenkreis. Wenn die jungen Leute mit ihren Freunden abends in die Disco gehen, wird auch vorgeglüht. Um Geld zu sparen. Und so ist das auch bei uns im Festzelt: Leider kommen ja schon viele angestochen hier her. Die wollen sich möglichst schnell und billig voll laufen lassen. Im Gegensatz zu früher werden Alkoholkonsumenten auch immer jünger.

Warum werden sie dann überhaupt herein gelassen und bedient?

Das sieht man denen ja nicht an. Auch das Alter zu kontrollieren, ist immens schwierig. Am Eingang bekommen Jugendliche über 16 ein Bändchen. Bei Jugendlichen ohne Bändchen fragt die Bedienung im Zweifelsfall stichprobenartig nach dem Ausweis. Manche 13-Jährige sehen aus wie 18. Und man kann nicht alle kontrollieren. Hundertprozentig sicher gehen kann man da nie.

Könnte hier nicht konsequenter kontrolliert werden?

Das ist logistisch gar nicht zu steuern. Wir haben jeden Tag 20 Mann vom Sicherheitsdienst da. Dafür geben wir über die zehn Festtage insgesamt knapp 17 000 Euro aus. Gestern war das Jugendamt da und hat gemeinsam mit der Polizei Ausweise kontrolliert. Da wurde ein 15-Jähriger erwischt. Das Bier hatte sein Spezl gekauft. Wie die Jugendlichen an Alkohol kommen, ist dann oft nicht mehr nachvollziehbar.

Wann ist denn jemand so betrunken, dass er nicht mehr weitertrinken sollte?

Da will ich nicht urteilen, das ist jedem selbst überlassen. Es wird immer Leute geben, die ihre Grenzen nicht kennen. Wir sind auch keine Therapeuten. Bitte haben Sie Verständnis dafür, das ist nun mal unser Geschäft. Davon leben insbesondere in Erding sehr viele Mitarbeiter.

Geht letztlich der Umsatz über alles?

Wir haben es hier im Zelt wirklich nicht nötig, an Leuten zu verdienen, die sowieso schon randvoll sind. Als Festwirt steht man immer im Zentrum der Kritik. Meine Gaudi-Antwort auf Leute, die mich fragen, ob ich mich wieder dumm und dämlich verdiene, lautet immer: Das erste Wochenende verdiene ich den Rohbau, danach kommen die Fenster. Das ist natürlich nur ein Witz.

Wie sollte Ihrer Meinung nach mit der Problematik umgegangen werden?

Mein Plädoyer wäre, die Zahl der Sicherheitskräfte auf dem gesamten Festgelände zu erhöhen. Momentan sind das einfach zu wenige. Der Polizeichef sagt, sie hätten die Leute nicht. Da müssten alle in die Tasche greifen, auch die Schausteller. Ich wäre dazu bereit. Es ist ja auch ein Markenzeichen, dass das Erdinger Herbstfest friedlich abläuft und nicht, dass es als Prügelfest bekannt wird. Da müssen alle an einem Strang ziehen, damit es ein Bürgerfest bleibt. So wären die Kosten niedrig, aber die Wirkung groß. Beispielsweise ist es ja schön und gut, dass die Busse umsonst sind. Aber meiner Meinung nach, sollten die Leute besser ein bis zwei Euro dafür zahlen, dann könnte einer vom Sicherheitsdienst jeden Bus begleiten, wenn die Leute nicht anders zu erziehen sind. So nach dem Motto: Was nichts kostet, ist nichts wert.

Können Sie nicht mit Ihrem Sortiment die Zahl der Alkoholleichen reduzieren?

Fortan schenken wir das Starkbier"Pikantus" nicht mehr aus. Viele junge Leute bestellten es; teilweise tranken sie es dann mit Strohhalm - ein schneller, billiger Rausch. Außerdem bestellen viele sowieso alkoholfreies Bier. Seit zwei Jahren schon haben wir hier im Zelt ein Schnapsverbot. Aber was die Leute draußen trinken, können wir natürlich nicht beeinflussen.

Muss man einen offensichtlich Besoffenen noch weiter bedienen?

Es ist eher selten, dass eine Bedienung sagt, jetzt gebe es nichts mehr. Beim Sitzen merkt man es den Leuten ja kaum an, wie betrunken sie sind; erst beim Aufstehen oder an der frischen Luft. Deswegen haben wir hier im Zelt eine positive Bilanz: Bisher gab es innen keine Schlägereien - erst draußen dann.

Was tun Sie im Weißbräuzelt für den Jugendschutz und gegen Krawalle?

Wir investieren, wie gesagt, viel Geld in den Sicherheitsdienst. Sicherheit im Zelt ist oberstes Gebot. Hier sind täglich 20 Mann im Einsatz. Das sind erfahrene Leute, die dann in Abstimmung mit mir festlegen, wann das Zelt voll genug ist. Dann machen wir die Türen zu und lassen nur noch Leute mit Reservierungsbändchen hinein. So war das vergangenen Freitag- und Samstagabend. Und die anderen Bändchen sollen verhindern, dass Alkohol an unter 16-Jährige ausgeschenkt wird.

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