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Erding:Ein Kriminaler packt aus

Wo er hinkommt, hört man ihm gerne zu: Der frühere Kriminalkommissar Josef Wilfling hat mittlerweile vier Bücher geschrieben.

(Foto: Hartmus Pöstges)

Er hat Verbrecher zum Reden gebracht, jetzt steht der frühere Leiter der Mordkommission München, Josef Wilfling, selbst Rede und Antwort. In seiner beruflichen Vita steht auch die Aufklärung der Sedlmayr- und Moshammer-Morde. Seine längste Vernehmung dauerte 17 Stunden - am Stück

Der Mann ist ein Publikumsmagnet. Die Bestätigung dafür hat er "ganz vorne im Regal" stehen, in Form des Andreas-Hoh-Preises. Diese nach dem verstorbenen Mitbegründer des Krimifestivals München benannte Auszeichnung als "Ehren-Komplize" bekam Josef Wilfling 2019 dafür, als einer der erfolgreichsten Autoren in der Geschichte des Festivals mehr als 6 000 Zuschauer zu seinen Veranstaltungen gelockt zu haben. Dass zwei Drittel davon Frauen waren, "liegt nicht daran, dass ich so gut ausschaue", scherzt der ehemalige Leiter der Mordkommission München. Das weibliche Geschlecht komme wohl deshalb so zahlreich, weil es stark an dem interessiert sei, was er über die Seele der Täter und die psychologischen Aspekte bei der Aufklärung der Fälle zu berichten habe. "Männer wollen eher wissen, welche Löcher eine 357er Magnum macht."

Egal, ob es um Fachfragen oder Hintergründe geht, der ehemalige Kriminaloberrat hat eine Menge zu erzählen. Vieles davon hat der 72-Jährige in seine vier Bücher gepackt, die er nach der Pensionierung 2009 verfasste. An ihnen wird sich auch die Veranstaltung "Einblicke in die Arbeit einer Mordkommission" am Freitag, 27. März, in der Gemeindebücherei Poing orientieren. Dabei will der Autor sowohl über Tatmotive sprechen, als auch über die Frage, ob jeder zum Mörder werden kann. Einige "Geheimnisse der Vernehmungskunst" plant Wilfling ebenfalls zu lüften. Das entsprechende Wissen sammelte der gebürtige Oberfranke in 42 Jahren Polizeidienst, während der er sich von der Schutzpolizei über die Zivilfahndung bis zur "Königsdisziplin" Mordkommission hocharbeitete. 22 Jahre lang konnte der Ermittler, zu dessen beruflicher Vita auch die Aufklärung der Sedlmayr- und Moshammer-Morde gehört, dort seine Fähigkeiten als Verhörspezialist an Serientätern wie dem Frauenmörder Horst David und Hunderten anderer Krimineller perfektionieren. Die dafür benötigten Eigenschaften - glaub- und vertrauenswürdig sein, kompetent, unvoreingenommen und freundlich - könne man zwar bis zu einem gewissen Grad lernen, 50 Prozent seien aber sicher Veranlagung, glaubt der Wahl-Münchner. Gleichzeitig sei diese Fähigkeit aber auf jeden Fall auch eine Frage der Erfahrung.

Das Wichtigste aber, egal auf welchem Wege man bei der Ermittlungsarbeit lande: Man müsse die Menschen begreifen, wissen, wie sie ticken. Der Impuls zu leugnen ("Ich hab' meinen Bruder nicht geschlagen!") sei eine ganz natürliche Reaktion aus Angst vor Strafe, erklärt Wilfling. Konfrontiert mit Beweisen ("Ich hab dich doch dabei gesehen!") folge der Drang zu beschönigen, zu verharmlosen, zu relativieren ("Ja schon, aber nur ganz leicht!"), um dann einen Teil der Schuld abzuwälzen ("Er hat aber angefangen.").

Es sind solche eingängigen Beispiele, mit denen der Experte seinem Publikum die bei einem Verhör ablaufenden Mechanismen verdeutlicht. Doch darf eine solch kurzweilige Präsentation nie darüber hinwegtäuschen, dass die Arbeit eines Mordermittlers im echten Leben ausgesprochen intensiv, stressig und kräftezehrend ist. Am Wochenende habe man manchmal fünf Morde gehabt - "wenn man da nur zu dritt ist, gibt es zwei Stunden Schlaf und das war's dann!" Seine längste Vernehmung dauerte 17 Stunden. Am Stück. Diesem Termin ging allerdings ein ganzes Jahr an Ermittlungen voraus. Während dieser ganzen Zeit, in der man dem Verdächtigen nichts nachweisen konnte, sei man auf der Spur des "Messerstechers von Schwabing" geblieben, habe ihn immer wieder zum Gespräch gebeten. Man brauche also oft einen langen Atem. "Es gibt Fälle, die bleiben nicht nur drei Tage auf dem Schreibtisch, sondern unter Umständen drei Jahre." Ganz zu schweigen von der Notwendigkeit, viele Überstunden zu schieben, denn "das schwerste Verbrechen, das es gibt", aufzuklären, lasse sich nicht in Teilzeit erledigen - "deswegen haben wir auch so wenige Frauen in den Mordkommissionen".

Trotzdem sei ihm dieses Sachgebiet wie auf den Leib geschneidert gewesen. Auch aufgrund der hohen Sinnhaftigkeit, denn immer habe er eine Bringschuld gegenüber Opfern und Angehörigen empfunden. Diese durch die Aufklärung des Falles aus ihrer Ungewissheit zu erlösen, "die tausendmal schlimmer ist als eine Todesnachricht", sei der eigentliche Erfolg gewesen - "nicht die Beförderung".

Man kann sich gut vorstellen, wie Wilfling immer wieder die Beichtvater-Rolle übernommen, die Täter zum Reden motiviert und einfach nur zugehört hat, während sie ihr Gewissen erleichterten. Gleichzeitig merkt man, dass er auch über das "friendly pokerface" verfügt, das man im Umgang mit rational handelnden Tätern braucht. Vor allem aber ist bei Wilflings humorvollem und umfassenden Blick hinter die Kulissen der Polizeiarbeit zu spüren, wie sehr er immer noch für diese brennt, und welches Anliegen es ihm ist, Klischees abzubauen und für diesen Beruf zu werben. Liebend gern beantwortet er dabei Fragen jedweder Natur. Und selbst, wenn auch am 27. März überwiegend weibliche Fans den Weg in die Gemeindebücherei finden sollten, rechnet der Referent doch ganz fest mit mindestens einem Mann im Zuschauerraum: seinem "Freund und Kollegen" Albert Hingerl. Man kennt sich aus gemeinsamen Studientagen, "der war immer schon ein ganz G'scheiter, einer der Besten. Und sehr beliebt!" Weswegen Wilfling auch ganz besonders gern nach Poing kommt, jetzt schon zum dritten Mal: "Das ist wie Verwandtschaft!"

Einblick in eine Mordkommission mit Josef Wilfling, am Freitag, 27. März, um 19.30 Uhr in der Bücherei Poing. Anmeldung: (08121)9794940 oder buecherei@poing.de.

© SZ vom 22.02.2020
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