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Erding/Dorfen:Gemischte Gefühle

Kein Zutritt ohne Schnelltest: Das gilt noch immer in den Seniorenheimen, auch wenn Bewohner und Angehörige geimpft sind. Unser Bild zeigt den Eingang von Fischers Seniorenzentrum in Erding.

(Foto: Renate Schmidt)

An Muttertag vor einem Jahr werden nach wochenlangem Lockdown endlich wieder Besuche in Seniorenheimen möglich gemacht. Dieses Jahr bleibt der große Ruck aus: Schnelltests, Maskenpflicht und Abstandsregeln bleiben bestehen, auch wenn inzwischen der Großteil der Bewohner und Angehörigen und des Personals geimpft ist.

Von Regina Bluhme, Erding/Dorfen

"Angst vorm Muttertag", so lautete im vergangenen Jahr die Überschrift in der SZ über die Besuchslockerungen in den Seniorenheimen, die Bayerns Ministerpräsident Markus Söder zu diesem Stichtag in der Corona-Pandemie kurzfristig beschlossen hatte. Drei Einrichtungen im Landkreis erzählten damals von ihren Schutzkonzepten und von der Sorge vor einer Einschleppung des Virus. Ein Jahr ist vergangen, an diesem Wochenende ist wieder Muttertag. Ein Großteil der Bewohner und Bewohnerinnen der drei Heime ist inzwischen durchgeimpft. An den strengen Regeln mit festen Besuchszeiten und obligatorischen Schnelltests, auch für geimpfte Angehörige, hat sich aber nichts geändert. Der Weg zu einer relativen Normalität ist ein langer.

Nach wochenlangen Besuchsverboten gab es zum Muttertag 2020 endlich Lockerungen. Innerhalb von wenigen Tagen stemmten die Heime Hygienekonzepte aus dem Boden. Georg Edenhofer, Heimleiter des Heiliggeist-Stifts in Erding, spricht von "gemischten Gefühlen", wenn er an den kommenden 9. Mai denkt. Im Dezember 20 kam es im Heilig-Geist-Stift zu einem massiven Corona-Ausbruch, 61 Bewohner und 17 Mitarbeiter waren infiziert, 13 Bewohner sind laut Edenhofer an und mit Corona gestorben, "die Mehrheit eher mit Corona", sagt Edenhofer: von den 13 hätten acht zuvor bereits auf der Palliativstation gelegen. Nun sei der überwiegende Teil der Bewohner und Bewohnerinnen geimpft, zur Zeit kein einziger Positivfall, weder bei Bewohnern noch Personal zu vermelden. Solange die Angehörigen mitmachten bei den Auflagen, und das täte die allergrößte Mehrheit, habe er ein "gutes Bauchgefühl", was Muttertag im Besonderen und die künftige Entwicklung im Allgemeinen angeht. Für Besucher gilt weiterhin an der Pforte: Anmelden, Fiebermessen, Schnelltests. Beim Organisieren der Schnelltests hatte eine Zeitlang die Bundeswehr ausgeholfen. Nun hat Edenhofer dafür vier Mitarbeiter auf 450 Euro eingestellt. "Mit unsere Pflegepersonal ist das nicht zu stemmen." Vorsicht bleibt: Neuzugänge würden in den 120-Betten-Haus noch nicht aufgenommen, auch Kurzzeitpflege bietet Heiliggeist zur Zeit nicht an.

Von Corona verschont geblieben ist bislang das Marienstift Dorfen. "Wir hatten sehr viel Glück und wir waren aber auch am 31. Dezember als erstes beim Impfen dran", sagt Heimleiterin Marion Prey. Inzwischen ist der Großteil der Bewohner und des Personals durchgeimpft. "Das macht alles ein bisschen leichter", sagt Prey. Tages- und Kurzzeitpflege würden wieder aufgenommen, ebenso neue Heimbewohner. In kleinen Schritten geht es Richtung Normalität. Zum Beispiel seien letzte Woche erstmals pro Station die Bewohner zu einer Gruppenstunde zusammengekommen. "Wir haben gesehen, wie sich die Leute gefreut haben."

Bei der Organisation der Schnelltests hat das Marienstift tatkräftige Unterstützung bekommen. Zwei Frauen übernehmen ehrenamtlich vor allem am Wochenende und an Feiertagen und entlasten damit das Personal des 89-Betten-Hauses.

Die Heime haben im Rahmen ihres Hausrechts einen gewissen Spielraum, auch was zum Beispiel die Anzahl der Besucher pro Tag betrifft. Beim Testen sieht das anders aus. "Die Notwendigkeit eines aktuellen negativen Testnachweises und die übrigen Schutzvorschriften zugunsten der Bewohnerinnen und Bewohner bleiben wie bisher bestehen", schreibt die Pressestelle des Bayerischen Gesundheitsministeriums auf Nachfrage. So gelte auch weiterhin die Pflicht der Besuchspersonen zum Tragen einer FFP2-Maske und das Gebot, nach Möglichkeit den Mindestabstand von 1,5 Metern einzuhalten. Eine Gleichstellung der geimpften Personen mit denen, die ein negatives Testergebnis vorweisen, gelte nicht. "Das heißt zum Beispiel, dass auch die geimpfte Besuchsperson, die eine geimpfte Bewohnerin oder einen geimpften Bewohner besucht, über einen Testnachweis verfügen muss."

Von Corona nicht verschont geblieben ist das Fischers Seniorenzentrum in Erding. "Aktuell ist die Lage aber gut", sagt Heimleiterin Michaela Neß-Sauer, kein positiver Fall sei in jüngster Zeit aufgetreten, weder bei Bewohnern noch beim Personal. 96 Prozent der Senioren und Seniorinnen des Zentrums seien inzwischen durchgeimpft. Von den 160 Mitarbeitern sind circa 120 geimpft. Für vergangenen Freitag war der Betriebsarzt angekündigt, der nochmals für die Impfung werben sollte. Auch hier geht es in kleinen Schritten Richtung Normalität. Gottesdienste werden zum Beispiel wieder gefeiert, getrennt nach den verschiedenen Häusern und mit Abstandsregeln. Die Tagespflege soll ab 10. Mai geöffnet werden. Drei Zimmer des 145- Betten-Hauses werden freigehalten, falls doch ein Bewohner aufgrund Covid-19 isoliert werden müsste.

Mühe macht der Heimleitung weiterhin die Organisation der Schnelltests. So recht könne sie nicht verstehen, dass ein geimpfter Angehöriger beim Besuch seiner geimpften Mutter im Heim zuvor getestet werden müsse, sagt Heß-Sauer. Der Aufwand sei für das Personal kaum zu stemmen. Einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es aber. In der Corona-Krise suchten einige "einen sicheren Job in der Pflege". Sie habe erst kürzlich zwei neue Mitarbeiterinnen einstellen können, eine davon komme aus der Hotelbranche.

Muttertag wird in allen drei Einrichtungen nur im kleinsten Rahmen gefeiert, in Heiliggeist gruppenweise auf den einzelnen Stationen mit Blumen, Vorlesen und Kaffee und Kuchen. In Fischers wird Muttertag erst am Montag gefeiert in den jeweiligen Wohnbereichen, es wird Kaffee und Kuchen und Sekt geben, "wir feiern Vatertag gleich mit", sagt Michaela Heß-Sauer. Eins habe sie festgestellt: "Es ist schwieriger wieder in die Realität zurückzukommen als zuzumachen."

© SZ vom 08.05.2021
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