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Erding/Dorfen:Die Bedürftigkeit nimmt nicht ab

Es mangelt derzeit nicht an Lebensmitteln, sagt Petra Bauernfeind, Vorsitzende der Nachbarschaftshilfe Erding.

(Foto: Renate Schmidt)

Die Tafeln in Erding und Dorfen stellen sich darauf ein, dass die Zahl der Kunden weiter wächst. Als die Tüten ausgeliefert wurden, war das Interesse noch größer

Von Gerhard Wilhelm, Erding/Dorfen

Dass es bei den Berechtigten für den Bezug von Lebensmittel bei den Tafeln eine große Dunkelziffer gibt, ist allgemein bekannt. Die Corona-Pandemie hat dies jetzt bestätigt. In der Zeit, als die Tafel Dorfen auf Lieferung umgestellt hatte, wurde an weitaus mehr Kunden Lebensmitteltüten verteilt als vorher, als die Bedürftigen persönlich hätten vorbeikommen müssen. "Viele Menschen haben eine Scheu, zur Tafel zu gehen, weil dann jeder sehen kann, dass man bedürftig ist", sagt Manfred Stiegler von der Nachbarschaftshilfe Dorfen. Die Erdinger Tafel hat zwar nicht ausgeliefert, aber auch so einen zehnprozentigen Anstieg an Kunden festgestellt, sagt Petra Bauernfeind, die Vorsitzend der Nachbarschaftshilfe und Zweite Bürgermeisterin der Stadt Erding. Und sie befürchtet einen weiteren Anstieg, wenn immer mehr Firmen Personal entlassen.

Erding am Mittwoch Vormittag: Bei der Tafel am S-Bahnhof Erding reicht die Schlange etliche Meter weit. Rund fünfzig bis sechzig Menschen warten auf die Ausgabe von Lebensmitteln. Einmal in der Woche versorgt die Nachbarschaftshilfe Erding bedürftige Bürger der Stadt. "Durch Corona haben wir das Problem, dass wir nur wenige Kunden gleichzeitig bedienen können", sagt Bauernfeind. An eine Auslieferung habe man aus logistischen Gründen nie gedacht, man sei bei der Ausgabe geblieben - weshalb die Nachbarschaftshilfe einen Zeitplan erstellt habe, damit sich der Andrang entzerre. "Doch die Kunden halten sich leider nicht daran. Manche kommen dann trotzdem schon in der Frühe, obwohl sie in der letzten Gruppe eingeplant sind." Es helfe auch nicht, immer wieder zu sagen, sie sollten doch bitte bis zur Ausgabe woanders hingehen, weil es keinen Sinn mache und auch ein schlechtes Bild erzeuge. "Von den Abstandsregel her eigentlich unmöglich", gibt sie zu. Man habe wie die Tafel in Dorfen eine Farbcodierung, mit der geregelt werden soll, wer zu welcher Zeit kommt, "aber ein Teil hält sich notorisch nicht daran - warum auch immer."

Zwischen 140 und 150 Abholer seien zurzeit immer am Mittwoch da, sagt Bauernfeind. Die Zahl der Personen, die auf die Lebensmittel angewiesen seien, könne man aber "locker verdoppeln". An Lebensmitteln würde es derzeit nicht mangeln, es gebe sogar ein Überangebot an Süßigkeiten. "Unmengen" an Gummibärchen, Nachos, Chips und sonstige Naschereien würden von einem Kinogroßhandel aus Garmisch derzeit verteilt, da das Kinogeschäft fast völlig zusammengebrochen sei. Man habe so viel erhalten, dass damit die Dorfener Tafel schon zweimal mitbeliefert worden sei. "Die vergangenen Monate haben wir von den Gymnasien und Realschulen keine Lebensmittel mehr bekommen. Zum Glück geht das jetzt mit viel Power wieder an, so dass wir unser Lager wieder auffüllen können. Meistens sind es haltbare Sachen, womit man ein wenig jonglieren kann, da man im Sommer immer weniger Lebensmittel bekommt." Dazu kommen auch Lieferungen von Aktionen der Pfarreien, Kolping oder Vereinen. Jetzt sei der Puffer zwar aufgebracht, aber man hoffe, dass sich das ändern werde.

Wegen der Kälte wird die Erdinger Tafel die Ausgabe diesen Mittwoch wieder nach innen verlagern. Bis zu maximal sechs Leute können dann zur Ausgabe ins Gebäude. Zudem habe man Schutzwände zwischen Kunden und den Ausgebern. Auch wenn sich jetzt die Situation wegen Corona verschärfen sollte, will die Erdinger Tafel den Betrieb aufrechterhalten, sagt Bauernfeind. "Wir befürchten aber, dass es noch mehr Kunden werden, wenn doch die eine oder andere Firma ausstellt". Einen zweiten Lockdown würden ihrer Meinung nach viele Betriebe nicht überstehen.

Die Tafel Dorfen hatte im Sommer die Lieferung eingestellt, um Probleme mit der Kühlung zu vermeiden, sagt Manfred Stiegler. Vor Corona habe man vierzig bis fünfzig Bedarfsgemeinschaften gehabt und bis zu 120 Personen versorgt. Zu Zeiten der Lieferungen seien es bis zu 160 gewesen. Jetzt sei man wieder auf dem Stand vor Corona. Dass es bei den Lieferungen höhere Zahlen gab, führt Stiegler neben der Anonymität auch auf eine gewisse Bequemlichkeit zurück. Ein Grund, warum die Erdinger Tafel darauf verzichtet hat, wie Petra Bauernfeind sagt. Viele Menschen würden sich lieber einschränken als zur Tafel zu gehen, sagt Stiegler. Die Zahl der ausgegebenen Berechtigungsscheine sei deutlich über der Zahl der Tafelkunden.

Probleme genügend Lebensmittel zu haben, habe man nur am Anfang beim Lockdown gehabt, mittlerweile würden wieder mehr Firmen liefern. Zum Beispiel Cateringfirmen oder eben Kinos. "Auch etliche Privatspenden gibt es wieder ab und zu", sagt Stiegler. In Dorfen dürfen die Tafelkunden nicht in die Räume, weil sie so klein sind. Ob im schlimmsten Fall wieder auf eine Lieferung umgeschwenkt werde, sei noch offen, sagt Stiegler.

© SZ vom 12.10.2020
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