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Erding/Dorfen:Unter ungewöhnlichen Umständen

Abiturprüfung Gabriel von Seidl Gymnasium

Hinreichend Abstand muss in den Turnhallen gewahrt werden. Außerdem stehen separate Räume für Schüler zur Verfügung, die zu einer Risikogruppe gehören.

(Foto: Manfred Neubauer)

Das Abitur geht an diesem Mittwoch mit den Deutschprüfungen los. Der diesjährige Jahrgang startet mit drei Wochen Verzögerung und unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen. An den drei Gymnasien ist man jedoch zuversichtlich, dass die Schüler nicht schlechter abschneiden als in normalen Jahren, trotz geänderter Vorbereitung

Der offizielle Termin steht: Am Mittwoch, 20. Mai, geht es für alle Abschlussschüler in Bayern mit dem Deutsch-Abitur los - genau drei Wochen nach dem ursprünglichen Termin. Das teilte das Kultusministerium zwar bereits am 18. März mit, dennoch wurde noch wochenlang weiterdiskutiert, in welcher Form das Abitur stattfinden solle, so auch am Korbinian-Aigner-Gymnasium und Anne-Frank-Gymnasium Erding sowie am Gymnasium Dorfen. Entgegen der öffentlichen Debatte über die Fairness der diesjährigen Abitur-Voraussetzungen gibt sich Barbara Huber, Oberstufenkoordinatorin des Abschluss-Jahrgangs am KAG Erding, nun sehr zuversichtlich. "Vielleicht wird es sogar einer der besten Abschluss-Jahrgänge aller Zeiten", schmunzelt sie.

Die diesjährigen Abiturienten des KAG gehen nicht nur als Corona-Jahrgang, sondern mit 165 Schülern auch als größter Abschluss-Jahrgang aller Zeiten in die Geschichte ein. Am AFG Erding sind es 102 und am Dorfener Gymnasium 98 Schüler, die sich durch die Höhen und Tiefen der Abitur-Vorbereitung kämpfen mussten.

Die erste Phase der Vorbereitung bestritten die Schüler im Home-Schooling. Alle drei Schulen arbeiteten mit einer internen Plattform, die als kompaktes Medium für Organisatorisches, Kommunikation und Materialaustausch fungierte. Fast bei allen Lehrern fand mehrmals die Woche Unterricht via Videokonferenz statt, in dem der Stoff aufbereitet wurde, Abituraufgaben besprochen wurden und eine Interaktion zwischen allen Beteiligten möglich war. Huber äußerte sich mehr als zufrieden über das Funktionieren des Video-Unterrichtes: "Ich würde sagen, dass es keinen Unterschied gab zwischen der persönlichen Anwesenheit im Unterricht und der Online Anwesenheit über Teams." Auch Alexander Graf, Geschichtslehrer in Dorfen, und Alexander Wolf, Oberstufenkoordinator und Mathelehrer am AFG Erding, waren von den Vorteilen des Video-Unterrichts überzeugt, betonen aber, dass dieser die Dynamik von Präsenz-Unterricht nicht ersetzen könne. An die Schüler, die während dieser wichtigen Vorbereitungszeit keinen Zugriff auf ein technisches Endgerät hatten, wurden schuleigene Tablets verliehen, erklären Andrea Hafner, Schulleiterin des KAG und Markus Höß, Schulleiter des Gymnasiums Dorfen.

Nach drei Wochen des Home-Schoolings und zwei Wochen Osterferien wurden die Abschlussklassen am 20. April wieder an den Schulen empfangen. Natürlich unter strengsten Hygiene- und Abstandsmaßnahmen: Alle drei Gymnasien empfingen ihre Schüler am ersten Tag vor dem Eingang und koordinierten ein gemäßigtes Betreten im zwei Meter Abstand. Hafner berichtet, dass es eine namentliche Zuordnung gab, welche Schüler den Haupt- und welche den Westeingang nutzen sollten. Zudem wurden in allen drei Schulhäusern Desinfektionsmittel-Spender aufgestellt, Abstands- und Hygieneplakate aufgehängt und Wege vorgegeben, sei es mit Kreide, Klebeband oder Pylonen. Das "Rechtsgeh-Gebot" sorge für den erforderlichen Abstand, so Höß. Es gebe auch ein Masken-Gebot an den Schulen. Dieses sehe vor, dass die Masken auf den Gängen, in der Pause und auf der Toilette getragen werden sollen und nur am eigenen Arbeitsplatz abgenommen werden können. "Wir wissen, das ist erforderlich", kommentiert Hafner die Sicherheitsmaßnahmen, "aber am Anfang war das schon komisch. Schule ist ja nicht nur ein Ort zum Lernen, sondern ein Ort des sozialen Miteinander."

In diesem Jahr sei alles anders, sagt Wolf. Normalerweise sei erst zehn Tage vor der ersten Prüfung Notenschluss in allen Fächern. Dieses Jahr finde schon einen Monat zuvor nur noch der Unterricht für Abitur-Fächer statt und es seien auch einige Klausuren weggefallen. So konnten sich die Schüler nur auf die Abiturfächer konzentrieren. Was den Stundenplan anbelangt, haben die Schulen verschiedene Vorgehensweisen entwickelt: Während das KAG und das Gymnasium Dorfen neue, komprimiertere Stundenpläne bastelten, übernahm das AFG den alten Stundenplan. Ersteres Konzept solle verhindern, dass die Schüler sich zu oft und lange im Schulhaus aufhalten, zweiteres Konzept solle die gleichzeitige Anwesenheit aller Schüler entzerren. Sowohl Lehrer als auch Schüler, die zu einer Risiko-Gruppe gehören, erhielten die Möglichkeit den Online-Unterricht weiterzuführen. Für Schüler bestehe beispielsweise immer die Option sich per Video-Anruf in den Unterricht der Klasse dazuzuschalten, erklärt Wolf.

Der Ablauf des Abiturs selbst sei unter den gleichen Vorsichtsmaßnahmen wie die des momentanen Unterrichts geplant. Anstelle von zwei Turnhallen seien dieses Jahr drei Turnhallen und ein separater Raum für die Risikogruppe vorbereitet, so Wolf. Es werden Einweghandschuhe ausgelegt und den Risikoteilnehmern einzelne Duden und Wörterbücher zur Verfügung gestellt. "Außerdem", erklärt der Oberstufenkoordinator vom AFG "bitten wir die Schüler gruppenweise 15 bis 30 Minuten früher einzutreffen, damit es keine Hektik beim Betreten der Turnhallen gibt." Zu den Kolloquien werden an allen drei Gymnasien auch die Lehrer kommen, die zur Risikogruppe zählen und momentan noch von Zuhause aus unterrichten. Die Anzahl der Personen sei hier überschaubar und außerdem sei es für die meisten Schüler wichtig, von dem vertrauten Lehrer geprüft zu werden. Am KAG sollen Plexiglasscheiben zwischen den Prüfern und den Abiturienten aufgebaut werden. Ob der praktische Teil des Sport-Additums stattfinden wird, sei noch nicht sicher, moniert Jeannette Grimes, die Mutter einer Abiturientin.

Im Allgemeinen haben die Gesprächspartner aller Schulen das Gefühl, die Abiturienten seien sehr gut vorbereitet. Huber spekulierte sogar, dass der Abschluss-Jahrgang einer der besten aller Zeiten werden könnte. Die Prüfungen seien aber in keiner Weise einfacher als die der bisherigen Jahrgänge. Hafner beteuert, dass die Voraussetzungen genauso gerecht wie die Jahre zuvor seien, weil die Abiturprüfungen um genau die drei Wochen nach hinten verschoben worden seien, in denen die Schulen geschlossen waren. Zudem seien ja auch noch die restlichen Klausuren weggefallen. Trotzdem ist den Lehrern bewusst, dass die letzten Wochen eine soziale Belastung gewesen seien. Die Ausgangsbeschränkung habe gemeinsames Lernen mit Freunden und einen normalen Unterrichts-Alltag verhindert und mit Sicherheit viele Schüler an ihre Grenzen gebracht, sagen Graf und Höß vom Gymnasium Dorfen. Wolf betont, dass die gewonnene Zeit keine Wiedergutmachung sei, aber vielleicht "ein angemessenes Entgegenkommen für die Unwissenheit, den Druck und die erforderliche Eigendisziplin."

"Was aber am meisten gefehlt hat, war ein Lichtblick. Das sollte ihr Sommer der Freiheit werden", sagt die Mutter. Da die Abiturienten voraussichtlich weder die Notenbekanntgabe, noch die Zeugnisvergabe, den Abistreich oder den geliebten Abiball angemessen feiern können, fehle der Ansporn. Es gebe hierzu noch keine Angaben vom Kultusministerium, aber man wisse wie wichtig eine würdige Entlassungsfeier sei, um mit der Schulzeit abzuschließen und Anerkennung für die letzten zwölf Jahre zu erhalten. Höß, Hafner und Wolf versichern, dass man einen Weg finden werde, um die Zeugnisvergabe den Umständen entsprechend feiern zu können.

© SZ vom 20.05.2020

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