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Erding:Das Schweigen der Familienmitglieder

Auf einer Hochzeit wird ein Mann krankenhausreif geschlagen. Keiner will aber was gesehen haben

Von Gerhard Wilhelm, Erding

Was in der Familie passiert, bleibt in der Familie und wird nicht nach Außen getragen, sondern intern geregelt. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz der Mafia, auch Omerta genannt. Die Ehre der Familie wird aber auch in anderen Ländern sehr hoch gewertet, zum Beispiel Serbien. Amtsrichterin Michaela Wawerla hätte jüngst sehr gerne noch mehr Zeugen gehört, um sich ein besseres Bild von dem Vorfall am 21. September 2019 in Finsing machen zu können, doch alle Gäste auf der Hochzeitsfeier an dem Tag beteuerten bei der Polizei, dass sie nichts gesehen hätten. Auch nicht die Personen, die der Anzeigesteller namentlich als Zeugen der Auseinandersetzung nannte. Das Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung gegen zwei Brüder musste letztlich eingestellt werden. Gegen Zahlung eines Schmerzensgeldes in Höhe von 3000 Euro an den Geschädigten, ein 44-Jähriger aus einem Familienzweig.

Die Staatsanwaltschaft hatte die 47 und 44 Jahre alten Brüder angeklagt, weil sie am frühen Abend auf der Hochzeit den Geschädigten zusammengeschlagen haben sollen. Mit Faustschlägen gegen den Kopf und sogar einem Tritt gegen dessen Kopf, als er schon am Boden lag. Im Krankenhaus stellte man später Schädel- und Schulterprellungen, etliche Schwellungen und eine Gehirnerschütterung fest. Der 44-jährige Geschädigte hatte daraufhin Strafanzeige gestellt und war als Nebenkläger mit seinem Anwalt vor Gericht erschienen. In seiner Version hatte er einen Streit schlichten wollen, der offenbar wegen eines schon länger zurückliegenden Vorfalls in den Familien entbrannt war. Dabei habe er plötzlich einen Schlag auf den Hinterkopf bekommen von dem einen Bruder. Dann hätte der andere auf ihn eingedroschen und der erste Angreifer ihn dann noch am Boden liegend gegen den Kopf getreten.

Die beiden Brüder, die ohne Anwalt vor Gericht standen, hatten zunächst nichts gesagt, sondern wollten sich erst Mal die Aussage des 44-Jährigen anhören. Ihre Aussage belastete den laut Staatsanwaltschaft geschädigten Mann. Sie hätten schlichten wollen, aber dann habe der völlig betrunkene 44-Jährige einem der beiden zwei bis drei Ohrfeigen verpasst. Der Geohrfeigte sagte vor Gericht, dass er es dabei bewenden hätte lassen wollen, man solle am nächsten Tag nüchtern über alles sprechen, aber dann habe der 44-Jährige die Fäuste eingesetzt. "Letztlich ist es dann eskaliert", sagten beide Brüder. Warum dabei sie offenbar weniger Verletzungen abbekommen hätten, der 44-Jährige aber dafür krankenhausreif geschlagen wurde, wollte Richterin Wawerla wissen - aber bekam keine überzeugende Antwort. Man habe bei der Polizei auch eigene Wunden angegeben, aber die Fotos, die gemacht worden sein sollten, waren nicht in der Gerichtsakte. Ob der 44-Jährige tatsächlich so stark alkoholisiert war, konnte an dem Abend wegen der Schwere der Gesichtsverletzungen nicht mittels Alkotest festgestellt werden.

Beide Parteien erwähnten vor Gericht, dass mehrere Personen der Hochzeitsgesellschaft den Streit und die Schlägerei beobachtet haben. Doch egal, wen die Polizei an dem Abend fragte, oder später um eine Aussage bat, es kam laut der Amtsrichterin immer nur eine Antwort: man habe nichts gesehen. Auch der vor Gericht aussagende Polizist konnte nichts zur Klärung des Falles beitragen. Er war einer von rund einem Dutzend Polizeibeamten, die nach Finsing beordert wurden.

Letztlich stehe damit Aussage gegen Aussage, sagte Michaela Wawerla. Aber angesichts der schweren Verletzungen hätten die beiden Brüder definitiv überreagiert. Sie schlug deshalb vor, dass die beiden Angeklagten dem 44-Jährigen Schmerzensgeld bezahlen. Allerdings nicht in der Höhe von 4000 Euro, die die Nebenklage forderte. Dann könnte man das Verfahren nach Paragraf 153a einstellen. Dann wäre die Sache, die offenbar eine reine Familienangelegenheit sei, erledigt. Andernfalls müsse man den Fall neu aufrollen, alle Hochzeitsgäste befragen und diejenigen, die kein Zeugnisverweigerungsrecht haben, vor Gericht laden.

Zunächst weigerte sich einer der beiden Brüder Schmerzensgeld zu zahlen, schließlich habe er nicht angefangen. Auf Zureden seines Bruders willigte er ein, 500 Euro zu zahlen. Eine Summe, die dem 44-Jährigen zu wenig war. Er sagte, er würde beide lieber im Gefängnis sehen. Bei gefährlicher Körperverletzung ist als Mindeststrafe sechs Monate vorgesehen. Wawerla hatte zunächst 1500 Euro pro Person vorgeschlagen, die Brüder hatten sich auf 1000 Euro geeinigt. Der Geschädigte bestand auf 3000 bis 3500 Euro. Erst als die Richterin darauf hinwies, dass man sich wieder vor Gericht sehe, wenn man sich nicht einige, willigten beide Brüder auf je 1500 Euro Schmerzensgeld ein. Zahlbar innerhalb von sechs Monaten. Nicht allerdings ohne Kopfschütteln darüber. Bis zur Zahlung ist das Verfahren vorläufig eingestellt.

© SZ vom 22.09.2020

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