Süddeutsche Zeitung

Erding:Dangl zieht Reißleine

Der Gastronom der Stadthalle lässt seinen Pachtvertrag aus wirtschaftlichen Gründen zum 31. Juli 2021 auslaufen. Die Nichtplanbarkeit und Ungewissheit durch das Covid-19-Virus machen der Eventbranche massiv Probleme

Von Gerhard Wilhelm, Erding

"Wir sind im März mit 180 Sachen an die Wand gefahren", sagt Jutta Kistner, die Geschäftsführerin der Erdinger Stadthallen GmbH. Und bis heute leidet die Eventbranche unter den Corona-Auflagen. Auch die Erdinger Stadthalle, die mit einem Minimum an Veranstaltungen mehr schlecht als recht über die Runden kommt. "Als Privatveranstalter hätte ich mir wohl schon länger angesichts der finanziellen Defizite die Frage gestellt, ob aufgeben nicht besser ist", sagte Kistner am Dienstag bei einer Pressekonferenz. Die hatte aber einen anderen Hintergrund: Stadthallenwirt Reinhold Dangl hat Konsequenzen aus den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie gezogen und wird die Bewirtschaftung zum 31. Juli 2021 einstellen. Nach 30 Jahren. "Es geht eine Ära zu Ende", sagt die Geschäftsführerin.

"Wer mich kennt, weiß, dass mir meine Arbeit immer große Freude bereitet hat. Als Gastronom konnte ich in all den Jahren der Stadthallenbewirtung viele Ideen verwirklichen und eine große Bandbreite an Veranstaltungen gastronomisch kennen lernen und betreuen", sagt Reinhold Dangl. Dafür danke er Jutta Kistner und den früheren Geschäftsführern, sowie dem Aufsichtsräten und Bürgermeistern. Leider habe keine bisher von der Politik veranlasste Lockerung eine wirkliche Verbesserung in der Veranstaltungsbranche gebracht. "Solange die 1,50 Meter-Regel nicht fällt, wird es auch keine geben", sagt der 49-Jährige. Und es sei nicht einzuschätzen, welche mittel- und langfristige Auswirkungen Covid-19 auf die Event- und Kulturbranchen haben werde, wann wieder Großveranstaltungen, Partys, Kongresse und große Familienfeiern möglich sein werden. Unter Einhaltung der neuen Anstands- und Hygienevorschriften bleibe die Frage, ob ein Betrieb noch wirtschaftlich geführt werden könne. Die Hälfte der Gäste reiche jedenfalls nicht aus, was auch Jutta Kistner für den Stadthallenbetrieb bestätigt.

"Nur wenn eine bestimmte Kontinuität an Veranstaltungen gegeben ist, ist eine Personalvorhaltung und -planung effektiv und wirtschaftlich möglich", sagt Dangl. Und nur dann könne er eine gleichbleibende Qualität und Verlässlichkeit anbieten. Diese Nichtplanbarkeit und die Ungewissheit, wie es weiter gehe, seien der Grund, weshalb die Dangl Gastronomie-Betriebs GmbH den Pachtvertrag nicht verlängert habe. Diese Entscheidung habe er bereits Ende Mai zusammen mit seiner Familie gefasst.

Die Firma werde es weiter geben, aber verkleinert. Von seinen acht Festangestellten werden wohl zwei den Betrieb verlassen, für rund 40 kurzfristig und geringfügig Beschäftigte habe er seit Mitte März keine Verwendung, sagte Reinhold Dangl. Er werden sich künftig auf sein Hotel, die Cafeteria im Klinikum Erding, sowie auf das hoffentlich 2021 stattfindende Herbstfest konzentrieren. Zudem habe er im Bereich Party und Catering ein paar Ideen.

"Für uns ist das ein enormer Verlust", sagt Stadthallen-Geschäftsführerin Jutta Kistner. Man habe ein hervorragend gebuchtes Jahr 2020 gehabt. Die Veranstaltungen seien weggefallen, auf der anderen Seite würden die Auflagen steigen, von der Personalplanung, über die Dokumentationspflicht bis hin zu Hygienekonzepten. Dazu sind die Ansprüche gestiegen, "Mit Covid-19 kam ein Wendepunkt. Keine Veranstaltungen bedeutet nicht, dass der Betrieb tot war. Wir mussten zig Veranstaltungen verschieben, mit jedem Kunden reden und vieles mehr." Im Hintergrund habe man jede Menge zu arbeiten gehabt, wobei man Kurzarbeit hatte. Da hatte man noch gedacht, im Herbst werde sich wieder alles normalisieren." Kistner sieht aber, dass sich die Verlegungswelle vom Frühjahr 2021 in den Herbst rollt. Unter den derzeitigen Bedingungen seien 170 bis 200 Personen bei Kulturveranstaltungen unwirtschaftlich. Zudem leide man unter anderen Auflagen, wie zum Beispiel eine kleiner, privater Veranstalter, wie der Jakobmayer, der auch ein anderes Programm anbiete, keine Musicals oder andere Großveranstaltungen. "Den Dschungel der Verordnungen überblickt keiner mehr richtig." Derzeit würden vor allem Tagungen etwas Geld in die Kasse bringen, während die Kosten weiter laufen würden. Kistner befürchtet, dass sich der Kunde entwöhne, dass einfach weniger kulturelle Veranstaltungen stattfinden. "Wir werden uns weiter vortasten und weiter auf Sicht fahren", sagt Kistner. "Wir rechnen aber damit, dass uns das alles bis 2022/23 begleiten wird."

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SZ vom 16.09.2020
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