Erding :Corona-Babyboom im Landkreis

Weihnachtsseite - Neugeborenes

Jedes Neugeborene ist ein kleines Wunder, das mit Statistiken nicht recht zu fassen ist.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die Zahl der Geburten ist stark gestiegen. Der März - neun Monate nach dem Ende des ersten Lockdowns - ist ein Rekordmonat. 149 Neugeborene waren 30,7 Prozent mehr als im Vorjahr und im langjährigen Durchschnitt

Von Florian Tempel, Erding

Am Mittwoch hat es das Statistische Landesamt für den Freistaat Bayern bestätigt, was schon für andere Länder gemeldet worden war: Seit Jahren sind nicht mehr so viele Babys auf die Welt gekommen. Die kühlen Rechner des Landesamtes haben zwar vorsorglich ein Fragezeichen hinter die These "Corona-Babyboom in Bayern?" gestellt. Dabei ist es offensichtlich. Im März wurden sogar so viele Kinder in Bayern geboren wie seit zehn Jahren nicht mehr. Der Blick in den Landkreis Erding, wo bekanntlich sehr viele junge Familien leben, macht es überdeutlich. Die SZ Erding hat bei allen Kommunen im Landkreis die Geburtenzahlen von Dezember 2020 bis Mai dieses Jahres abgefragt. Mit einem eindeutigen Ergebnis: Es sind mehr und der März ein Babyrekordmonat.

Der Kindersegen im Landkreis Erding ist sogar viel stärker als anderswo in Bayern. Im März kamen 149 Mädchen und Buben im Landkreis Erding auf die Welt. Der langjährige Monatsdurchschnitt liegt bei lediglich 114 Babys. Exakt so viele Kinder kamen - zufälligerweise - auch im März 2020 auf die Welt. Das heißt: Im März dieses Jahres sind 30,7 Prozent mehr Babys geboren worden als im Vorjahr und im langjährigen Durchschnitt. Für ganz Bayern wurden "nur" 7,8 Prozent mehr Babys im März 2021 registriert als im Vorjahr. Erding liefert also eine besonders starke Bestätigung für den Corona-Babyboom.

Die Daten für den Landkreis Erding sind so prägnant, dass der Zusammenhang zwischen Geburtenzahlen und der Corona-Pandemie unübersehbar erscheint. Jeder Monat, der mindestens ein Dreivierteljahr nach Beginn des ersten Lockdowns liegt, hat im Landkreis Erding überdurchschnittlich hohe Geburtenzahlen. Dass unter diesen der März ganz besonders heraussticht, hat eine eigene Erklärung. Anfang Juni 2020 war der erste Lockdown vorbei, die Infektionszahlen waren so stark zurückgegangen, dass man schon an das Ende der Pandemie denken mochte. Die Stimmung im Juni war besonders optimistisch - was sich neun Monate später durch mehr Geburten noch einmal manifestierte.

Einzelne Kommunen zu betrachten, bringt in diesem Fall allerdings nichts. Die Geburtenzahlen in den zwei Städten und 24 Gemeinden des Landkreises zeigen für sich genommen keinen klaren Trend. In der Großen Kreisstadt Erding kamen zum Beispiel im März 56 Babys auf die Welt, im Januar waren es mit 58 aber noch mehr. In den vier kleinen Holzlandgemeinden Inning, Hohenpolding, Steinkirchen und Kirchberg war dafür der Dezember 2020 mit elf Geburten außergewöhnlich geburtenstark. Und in Dorfen war der April kinderreicher als der März. In Bockhorn waren neun Baby im Dezember sogar dreimal so viel wie die drei Neugeborenen im März. Und in Taufkirchen war der März den Geburtenzahlen nach sogar ein eher mauer Monat. In der Summe aber bleibt kein Zweifel, der März 2021 hatte es in sich.

Die Experten vom Landesamt für Statistik haben es sich nicht leicht gemacht und ganz gewissenhaft nach der richtigen Erklärung gesucht. In der Einleitung ihrer Presseerklärung treten sie stark auf die Bremse: "Ob der jüngste Anstieg der Geburtenzahlen in Bayern tatsächlich in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie steht oder ob es sich um eine Fortsetzung des allgemeinen Trends zu steigenden Geburtenzahlen handelt, muss weiter untersucht werden." Dabei wurde die nun beobachtete Entwicklung durchaus vorausgesehen. Das Statistische Landesamt schreibt, man habe sich schon vor einem Jahr gefragt, "ob auf den Lockdown - mit viel von Paaren gemeinsam verbrachter Zeit und wenig alternativen Freizeitmöglichkeiten - neun Monate später ein Anstieg der Geburtenzahlen folgen wird." Dass es nun so ist, überzeugt dennoch nicht alle - es könnte ja auch andere Gründe geben. "Eine mögliche Erklärung wäre eine gestiegene Anzahl junger Frauen und damit potenzieller Mütter", heißt es. Und dann: Tatsächlich habe sich in dieser Hinsicht gar nicht so viel geändert. Die Zahl der Frauen im Alter zwischen 15 und 49 Jahren in Bayern ist in den vergangenen Jahren sogar leicht gesunken. "Ein anderer Erklärungsansatz besteht darin, dass sich die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau erhöht haben könnte", heißt es weiter. Ob das zutrifft, können man aber erst nach Jahren in der Rückschau beantworten.

© SZ vom 29.07.2021
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