bedeckt München 26°

Erding:Ausgetrickst von der Statistik

Die meisten Arbeitsverhältnisse am Flughafen werden Freising zugesprochen. Erding kommt deswegen nicht auf den Wert, den es für eine Einstufung als Oberzentrum benötigt

Als Oberbürgermeister würde Max Gotz gerne auch ein Oberzentrum regieren

(Foto: Peter Bauersachs)

- Seit der Entwurf zum neuen Landesentwicklungsprogramm (LEP) raus ist, ist Erdings Bürgermeister Max Gotz (CSU) verstimmt. Es wurmt ihn gewaltig, dass seine Stadt nicht wie Freising als Oberzentrum eingestuft werden soll. Erding soll wie gehabt Mittelzentrum bleiben und würde damit fortan auf einer Stufe mit Dorfen und Markt Schwaben stehen. Das könne und dürfe nicht sein, wettert Gotz. Doch die Aussichten, dass Erding nach der Beförderung zur Großen Kreisstadt auch in der landesplanerischen Zentren-Hierarchie nach oben klettern sollte, sind gering. Erding erfüllt die seit Jahren festgelegten Kriterien für ein Oberzentrum schlicht und einfach nicht.

Das System der zentralen Orte hat der deutsche Geograf Walter Christaller in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelt. Er kam in seiner Theorie auf drei Hierarchiestufen - Grund-, Mittel- und Oberzentren - mit denen sich die verschieden große Bedeutung von Hauptorten gut beschreiben ließ. In der politischen Landesentwicklung wurde Christallers System übernommen. Die zentralen Orte erfüllen, so steht es auch im LEP, vor allem drei Funktionen: Sie sind in ihrem Umfeld die Hauptorte zum Einkaufen, zum Arbeiten sowie sozialer und kultureller Einrichtungen. Erding und Freising gleichen sich zwar in fast allen Punkten. Jede Stadt hat ein Amtsgericht, ein Finanzamt, alle Arten weiterführender Schulen, ein Krankenhaus und so weiter. Doch es gibt - neben dem Fehlen eines Fernbahnanschlusses in Erding - zwei Kriterien, die den Unterschied ausmachen.

Laut Landesentwicklungsprogramm sollten in einem Oberzentrum mindestens 21 000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte arbeiten und täglich mindestens 12 000 Pendler zum Arbeiten in die Stadt fahren. Ein Mittelzentrum braucht hingegen nur 6500 Arbeitnehmer und 4000 Einpendler. Erding kommt laut der Statistik der Arbeitsagentur auf 12 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und 7800 Einpendler, ist in dieser Hinsicht also ganz Mittelzentrum. Für Freising weist die Statistik hingegen 40 000 Arbeitnehmer und 32 000 Pendler aus. Wie kann das sein? Ganz einfach: Der Stadt Freising wird der Großteil der Menschen angerechnet, die am Flughafen München arbeiten. Das dürften mehr als 22 000 sein. Ohne diese vielen Flughafenarbeitnehmer würde auch Freising nicht die Kriterien für ein Oberzentrum erfüllen und könnte genau wie Erding nur Mittelzentrum sein.

Das bayerische Wirtschaftsministerium sieht bei dem gewaltigen Zuschlag an Arbeitnehmern für Freising kein Problem. Die Statistik sei wie sie sei, heißt es aus dem Ministerium. Und immerhin liege der Flughafen ja tatsächlich zum Teil auf Freisinger Stadtgebiet, andere Bereiche auf den Gebieten der Gemeinden Hallbergmoos und Oberding. Erding sei hingegen elf Kilometer vom Flughafen entfernt. Die Pressestelle der Arbeitsagentur Freising teilte mit, die Zurechnung der Arbeitnehmer am Flughafen zu Freising liege auch darin begründet, dass die Stadt Freising und der Flughafen die gleiche Postleitzahl bekommen haben und sich die Statistiken an Postleitzahlen orientierten.

Was macht es überhaupt bedeutsam, ob eine Stadt das Etikett Mittel- oder Oberzentrum bekommt? Der wesentliche Punkt ist, dass einem Oberzentrum ein größeres Einzugsgebiet zugeordnet wird. Und die Größe des Einzugsbereichs ist für die Ausweisung von Gewerbegebieten maßgeblich. Je größer der Einzugsbereich, desto leichter lassen sich Gewerbegebiete ausweisen. Der Umkreis eines Oberzentrums ist mit 40 Minuten Autofahrzeit festgelegt, der Umkreis eines Mittelzentrums ist mit 25 Minuten Fahrzeit viel kleiner. Allein diese Festlegung führt dazu, dass Freising ein Potenzial von fast 230 000 Menschen, die in die Stadt zum Einkaufen fahren könnten, zugesprochen wird. Für Erding errechnet sich hingegen nur ein Einzugsbereich mit gut 90 000 Menschen.