Erding Abschied für immer

In zwei Wochen verlässt der letzte Tornado, der in Erding instandgesetzt wurde, den Fliegerhorst. Damit einher geht auch ein schleichender Abbau von Arbeitsplätzen

Von Mathias Weber, Erding

Man darf es ruhig sagen, auch wenn es ein wenig pathetisch klingt: Dem Erdinger Fliegerhorst steht ein historischer Moment bevor. Denn derzeit wird dort zum letzten Mal ein komplettes Flugzeug der Luftwaffe instandgesetzt, der Tornado 45 61. Am 16. September wird er - sofern die Technik mitspielt und keine Probleme mehr auftreten - den Fliegerhorst verlassen und zu seiner Heimatbasis fliegen, dem Taktischen Luftwaffengeschwader 51 im schleswig-holsteinischen Jagel. Fly-Out wird dieser Moment genannt, wenn der letzte Tornado Erding verlässt, und das war's dann: Am Fliegerhorst, wo über Jahrzehnte hinweg mehr als tausend Fluggeräte der Luftwaffe instandgesetzt wurden, wird kein komplettes Flugzeug mehr stehen - nur noch einzelne Teile werden dann überholt. Und auch der Flugbetrieb wird damit eingestellt.

Sicher ist: Der Tornado, der dort gerade generalüberholt wird, ist der letzte, der von hier startet.

(Foto: Weber)

Ein historischer Moment - von Wehmut sei bei den Mitarbeitern aber keine Spur, sagt Oberst Markus Alder, der Kommandeur des Fliegerhorstes im Gespräch mit der Erdinger SZ: "Das ist kein trauriger Anlass, sondern eher ein stolzer Moment. Die Mitarbeiter sind stolz darauf, dass wir hier so viele Fluggeräte erfolgreich instand gesetzt haben." Nun gehe es darum, den Termin am 16. September auch zu halten. An jenem Dienstag nämlich wird der Fly-Out mit einem Familienfest gefeiert, zu dem der Fliegerhorst Mitarbeiter, deren Familien und Freunde des Standortes einlädt. Es soll ein fröhlicher Tag werden, an die Zukunft will man nicht denken: "Die Entscheidung wurde ja schon Ende 2011 getroffen", sagt auch Oberstleutnant Carsten Diers, der in der Instandsetzung arbeitet. Die Mitarbeiter hätten schon lange Zeit gehabt, sich mit dem Abschied zu arrangieren.

Oberst Markus Alder könnte der letzte Kommandant sein, den der Fliegerhorst in Erding erlebt.

(Foto: Weber)

Und dieser Abschied hält für manche Mitarbeiter schon einen Neuanfang bereit: Bereits Ende des Jahres sollen jene bis zu vierzig Mitarbeiter versetzt werden, die sich derzeit noch mit der Instandsetzung kompletter Flugzeuge beschäftigen. Sie kommen nach Manching, wo bald Tornados instandgesetzt werden - allerdings nicht mehr von der Bundeswehr selbst, sondern von der Firma Airbus, in Zusammenarbeit mit Luftwaffen-Offizieren. Ein System, wie es beim moderneren Eurofighter von Anfang an praktiziert wurde. Noch geht der Abbau von Stellen schleichend, aber stetig voran. Wenn bald keine Flugzeuge mehr fliegen, wird auch das Flugfeld nicht mehr benötigt und entwidmet. "Dann liegt nur noch eine Betonpiste im Gras", sagt der Oberst. Man braucht dann keine Feuerwehr mehr und niemanden mehr im Tower. Und das wiederum hat Folgen für andere Bereiche: Der Sanitätsdienst schrumpft beispielsweise oder die Gebäudesicherung, einfach weil sich weniger Soldaten auf dem Gelände aufhalten werden. Schon jetzt werden ganze Gebäude nicht mehr benötigt, sie wurden bereits an die Bima, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben übergeben, die die Flächen dann in Zukunft weiter veräußert.

In den kommenden Jahren wird es dann zu zwei weiteren Schritten kommen, so der Oberst, die die Zahl der Mitarbeiter in Erding schrumpfen lassen werde, bis der Stützpunkt im Jahr 2019 dann komplett geschlossen wird: Wenn die Mitarbeiter des Instandsetzungszentrums, das derzeit einzelne Flugzeugteile wie Waffensysteme und Antriebe instand setzt, auch nach Manching ziehen, und das Materialdepot, in dem viele zivile Mitarbeiter arbeiten, aufgelöst wird. "Soldaten kann ich versetzten", sagt Oberst Alder, wie es aber mit den Zivilisten weitergeht, das weiß er nicht. Mehr als 800 arbeiten auf dem Fliegerhorst, und alle werden nicht bei der Bundeswehr bleiben können. "Jeder, der die Möglichkeit hat, draußen etwas zu finden, der sollte gehen können", sagt Alder, auch wenn er die Mitarbeiter noch brauchen könne. "Nach 2019 kann die Bundeswehr ihnen in Erding definitiv nichts mehr anbieten." Wie viele zivile Mitarbeiter dann noch übrig sein werden und einen Job brauchen, das könne der Oberst jetzt noch nicht überblicken. Am Fliegerhorst geht also alles seinen geordneten Weg, hin zur völligen Schließung des Standortes in fünf Jahren. Doch eine Frage kann Oberst Alder nicht beantworten: Wie es mit ihm selbst weiter geht. Er kam erst dieses Jahr auf seinen Posten, nachdem sein Vorgänger Thomas Hambach nur ein Jahr im Amt war: "Ich bin relativ schnell hier hin gekommen, hoffe aber nicht, dass ich so bald wieder weg bin", sagt er. "Ich will den Verband ein längeres Stück begleiten." Vielleicht wird er so zum letzten Oberst, den Erding erlebt.