Süddeutsche Zeitung

Eisstockschießen im Landkreis:Stockschützen sind stocknarrisch

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Der internationale Verband der Eisstockschützen zwingt Mitglieder zu teurem Materialwechsel - auch in den unteren Klassen. Spieler kündigen nun ihren Rücktritt an.

Matthias Vogel

Ein Aufschrei der Entrüstung hallte im vergangenen Jahr durch Bayern, als die International Federation Icestocksport (IFI) einen Großteil des alten Materials für regelwidrig erklärte und bis zum 1. Oktober 2010 durch neues ersetzt haben wollte. Und er hallt nach. Offizieller Grund ist der Wunsch des internationalen Verbandes, seine Sportart olympisch zu machen.

Doch es ist auch eine gewollte Materialschlacht. "Das wird von den Herstellern vorangetrieben", sagt Korbinian Gruber, aus der Gemeinde Bockhorn im Landkreis Erding, Obmann für den Bezirk III, der grob Oberbayern umfasst. Doch bis zu den untersten Spielklassen müssen die Spieler nun Stöcke, Grundkörper und Laufsohlen erneuern.

Gerade viele der älteren Eisstockschützen machen da nicht mit. Gruber macht sich Sorgen um den Sport, der ohnehin Probleme mit dem Nachwuchs hat. "Wenn von Garmisch bis Ingolstadt Spieler ihren Rücktritt ankündigen, dann tut das schon weh. Man entzieht den Vereinen ihre Basis."

50 bis 75 Euro kostet eine Laufsohle, ein kompletter Eisstock bis zu 500 Euro. Wem das zu teuer ist, hängt den Sport eben an den Nagel. Gruber ist selber einer von 500 aktiven Wettkampfschützen, die in den 30 Vereinen des Landkreises Erding organisiert sind. Er spielt beim FC Hörgersdorf in der Landesliga Nord, also relativ hoch. Für ihn gehört neues Material in regelmäßigen Abständen zum Hobby, weil es von einem bestimmten Niveau an eine Rolle spielt.

Der Bezirksobmann kann die Empörung dennoch nachvollziehen. "Der Sport kann vielleicht bis 75 ausgeübt werden. Wenn heute ein Schütze 65 Jahre alt ist, seit 30 Jahren mit dem gleichen Stock schießt, dann deckt der sich nicht jetzt noch mit neuem Material ein." Für Gruber müsste das Regularium nicht bis nach unten durchgedrückt werden. "In der A-Klasse geht es ja auch um die Geselligkeit." So sei es nun einmal im Sport. "Als damals die Länge der Stollen an Fußballschuhen für die Bundesliga begrenzt wurde, galt das auch für die unterste Spielklasse."

Natürlich hat die IFI ihre Beweggründe. Wer seine Sportart bei Olympia-Bewerbungen mit einem eigenen Filmchen ins rechte Licht rücken will, möchte eben auch, dass sie modern daher kommt. Und das alte Material hat auch seine Nachteile. Bislang durften beispielsweise höhenverstellbare Stöcke verwendet werden. Einige findige Köpfe gossen den hohlen Stiel mit Blei aus und veränderten damit die Eigenschaften des Sportgerätes.

Gruber: "Diese Stöcke sind schwerer aus dem Haus zu schießen. Da geht es vielleicht um einen Zentimeter. Aber im Verlauf eines Wettkampfes summiert sich das und kann entscheidend sein." Übrigens hätten Profis ihren Stiel manipuliert, nicht etwa Amateure. Auch die Grundkörper müssten - zumindest in höheren Spielklassen - ab und an ausgetauscht werden.

Trifft Platte auf Platte, wird sie gestaucht und dämpft den nächsten Zusammenprall mehr. Auch diese Geräte seien nicht mehr so leicht wegzuschießen, so Gruber. Bei den Gummimischungen der Laufsohlen verhalte es sich andersherum. Sie härten aus, können leichter aus dem Haus befördert werden.

"Wer weiter an Wettkämpfen teilnehmen will, muss jetzt investieren. Im Januar beginnen die Meisterschaften der Landesligen. In den Klassen darunter geht es erst im Februar los. Der Ärger ist deshalb immer noch akut", sagt Gruber. Doch die Ankündigung der IFI sei keinesfalls überraschend gekommen. "Die Entscheidung, jetzt alte Materialien von der Liste zu streichen, ist vor sechs oder sieben Jahren gefallen. Genauso wie bereits jetzt feststeht, welches Material im Jahr 2016 hinfällig wird."

Offenbar wird die Verwendung des richtigen Materials auch penibel kontrolliert. Acht Laufsohlen dürfen die Spieler in einem Körbchen mit zum Spiel bringen. "In der Landesliga Süd, die schon angefangen haben, wurden bereits zwei Mannschaften von der laufenden Meisterschaftsrunde ausgeschlossen, weil jeweils ein Spieler eine falsche Sohle dabei hatte.

Er muss sie nicht einmal eingesetzt haben." Hinter der harten Konsequenz vermutet Gruber wirtschaftliche Interessen: "Dem Verband sitzen die Hersteller im Nacken." Gruber hält nichts von Katzenjammer. "Es ist müßig, darüber zu diskutieren, die IFI wird ihre Entscheidung nicht zurücknehmen."

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Quelle:
SZ vom 07.01.2011
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