Demonstration gegen AfD-Veranstaltung:Gegen die "Allianz der Sesshaften"

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Viele Menschen folgen dem Aufruf des Bündnisses "Bunt statt Braun" und kommen am Montagabend nach Eichenried. Prominente Redner der rechten Partei bringen derweil ihr Publikum im Saal mit kruden und dumpfen Aussagen zum Johlen

Von Philipp Bovermann, Eichenried

Vor dem Eingang zum großen Saal des Gasthauses "Stangl" hängt das Gemälde eines röhrenden Hirschen. Man kann es an diesem Montagabend als Veranstaltungshinweis betrachten, denn heute röhrt hier die AfD ihre Thesen zur Europawahl in die Mikrofone. Groß angekündigt wurde dafür ein Mann, der das inszenatorische Wechselspiel der Rechtspartei - im einen Moment der stolze Zwölfender, im nächsten schon das gehetzte Wild - besonders gut beherrscht: Alexander Gauland.

Gauland wird in seiner Rede gegen die "Agenten der Globalisierung" eine "Allianz der Sesshaften" fordern. Neben diesen "Sesshaften" - die drinnen beim Weißbier sitzen und sich anhören, wie ihnen angeblich ihre angestammten Rechte gestohlen werden - sind an diesem Abend laut Polizeiangaben etwa 250 Gegendemonstranten nach Eichenried gekommen. Sie stehen draußen vorm Stanglwirt im Regen, auf der anderen Seite der Bundesstraße B 388, die am Gasthaus entlangführt. Immer wieder hupen die vorbeifahrenden Autofahrer, um ihre Solidarität zu bekunden, woraufhin jedes Mal Jubel in der bunten Mauer aus Schirmen losbricht.

2019 gab es eine Gegendemo während einer AfD-Großveranstaltung mit Alexander Gauland in Eichenried. (Foto: Renate Schmidt)

Die Sesshaften mit den blauen AfD-Käppis, die mal kurz zum Rauchen raus sind, starren finster rüber zu der Menge, die sie mit Pfiffen begrüßt hat. Einige filmen die Gegendemonstranten, wohl um zu signalisieren: euch merken wir uns. Ein Mann in grüner Kunststoffhose und mit einem grünem Hut löst sich aus der Gruppe am Gasthaus, überquert die Straße und steuert auf Helga Stieglmeier von den Erdinger Grünen zu, die mit einem Megafon vor dem "Bunt statt braun"-Banner steht. Es geht ganz schnell: Plötzlich Aufregung in der Menge, Polizisten ziehen den Mann weg.

Anzeige läuft, sagt Stieglmeier, als sich die Lage beruhigt hat. Es war nicht die einzige an diesem Tag. Die Polizei wird später von Strafanzeigen wegen Körperverletzung, Beleidigung und Nötigung berichten. Stieglmeier ist bei der Demo kaum zu verstehen, weil aus einem Lautsprecher "Die Internationale" dröhnt, das Kampflied der internationalen Arbeiterbewegung. "Und das in Eichenried", das sei auch eine Premiere, sagt die Grünen-Kreischefin. Die nassen Haare hängen ihr ins Gesicht, aber sie strahlt. Die Moosinninger Bürgermeisterin Pamela Kruppa von der CSU sei vorher vorbeigekommen und habe ihr für das Engagement gedankt.

Der Saal im Stanglwirt war voll besetzt. Mindestens 350 Zuhörer waren gekommen um Alexander Gauland (rechts) und andere AfD-Politiker live zu erleben. (Foto: Renate Schmidt)

Drinnen im Gasthaus ist der große Saal brechend voll. Auf 350 Personen schätzt die Polizei die Zahl der Teilnehmer, die Reden werden live in den normalen Gastraum übertragen. Die Stimmung im Saal ist ausgelassen. Stehender Jubel, als der AfD-Kreisvorsitzende Wolfgang Kellermann überraschend auch noch den Bundestagsabgeordneten Gottfried Curio angekündigt. Dieser benutzt in seinen Reden gern Begriffe wie "entartet" oder fantasiert über ein "Recht der Messer" auf den Straßen. Damit hat er sich innerhalb der AfD begeisterte Fans gemacht. Für viele ist er die Hauptattraktion des Abends.

Als Erster darf aber Gauland reden. Als Ziel für seinen Spott sucht er sich ein 16-jähriges Mädchen heraus: Greta Thunberg, die schwedische Klimaaktivistin, sei "in einer professionellen Kampagne zu einem Nachwuchsheiland" für die "Klimareligion" aufgebaut worden. Die lehnt die AfD natürlich ab, alles eine große Verschwörung, trotzdem präsentiert Gauland eine Lösung für das Problem, das doch angeblich keines ist: "Wer wirklich Klimapolitik im Sinne der Grünen machen wollte, müsste zuerst die Bevölkerungsexplosion in Afrika und Asien bekämpfen." Das ist Gauland pur. Es geht ihm nicht darum, dass seine Aussagen Sinn machen, sondern dass sie dumpfe Wirkung entfalten.

Nach ihm übernimmt Katrin Ebner-Steiner, die Fraktionsvorsitzende im bayerischen Landtag. Sie spricht über den "bayerischen Sonderweg" der AfD. Bäuerliche Strukturen hätten, anders als im sozialistisch geprägten Osten Deutschlands, den "Wettbewerbsgedanken" in der bayerischen Bevölkerung verankert. Die "Liberalitas Bavariae", die von Ebner-Steiner in kruder Weise neoliberal umgedeutet wird, sei nun bedroht und damit die gesamte bayerische Lebensart: der bayerische Dialekt, die bayerische Eigenständigkeit und Tradition, sogar die bayerischen Feiertage, "natürlich auch das Bier" und das Oktoberfest. Zu den Streitigkeiten innerhalb der AfD-Landtagsfraktion kommt kein Wort von Ebner-Steiner.

Dann ist Bernhard Zimniok an der Reihe. Der bayerische Kandidat für die Europawahl stellt sich mit der Ankündigung vor, "die mich nicht kennen, die werden mich noch kennenlernen". Er sei verheiratet - "mit einer Frau!" - und "überzeugter Dieselfahrer", wofür er viel Applaus erntet. Mit Entwicklungspolitik, Islam und Terrorismus kenne er sich auch aus, weil er früher mal beruflich in Afrika gewesen sei. Als er ankündigt, er werde versuchen, in den Terrorismus-Ausschuss des EU-Parlaments zu kommen und sich dort dafür einsetzen, dass die Antifa zur terroristischen Organisation erklärt werde, johlt der Saal begeistert. Jemand schwingt eine Deutschlandfahne. Das sei "angewandter Populismus", bemerkt der Kreisvorsitzende Kellermann anerkennend.

Zum Schluss darf der Bundestagsabgeordnete Gottfried Curio lang und breit Angstzusammenhänge entfalten. Die EU sei ein "gefährliches Möchtegernregime", das die "planvolle Ausbeutung der Deutschen" betreibe. Er vergleicht sie mit einer wilden Wohngemeinschaft, "wo jeder sich am Kühlschrank bedient, aber keiner Lust hat, den Müll rauszubringen". Was genau er mit "Müll" meint, überlässt er der Fantasie seiner Zuhörer.

© SZ vom 02.05.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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