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Ebersberg:Roden für die Artenvielfalt

Im Naturschutzgebiet am Egglburger See in Ebersberg müssen einige Bäume und Büsche weichen. Der Grund: Zu viel Gehölz und Geäst nehmen seltenen Tierarten immer mehr Lebensraum weg

In den kommenden drei Wintern werden auf einer Fläche von 7000 Quadratmetern am Egglburger See in Ebersberg Bäume und Büsche weichen müssen. Heuer beginnen die Arbeiten an den ersten 2500 Quadratmetern. Dadurch sollen seltene Tier- und Pflanzenarten wieder mehr Raum bekommen. Auf den ersten Blick mag dieser Plan verwundern - schließlich handelt es sich bei dem Areal um ein Naturschutzgebiet. Wie passt das zusammen mit dem großflächigen Roden von Pflanzen?

"Letztlich kommt das der Natur und der Artenvielfalt zu Gute", sagt Tina Feuerbacher. Die Diplomingenieurin im Bereich Landschaftsarchitektur arbeitet im Ebersberger Landschaftspflegeverband (LPV). Mit dem Geschäftsführer der Behörde, Diplom-Agrarbiologe Josef Rüegg, hat sie die Rodungen in die Wege geleitet. An diesem Montagmittag stehen die beiden auf einem schmalen Schotterweg kurz hinter dem Ortsteil Vorderegglburg. Vor Ort wollen sie erklären und zeigen, weshalb die Maßnahmen notwendig sind.

Weichen müssen hier, auf der Südseite des Egglburger Sees, einige der acht bis zehn Meter hohen Bäume (Mitte). Die großen bleiben erhalten.

(Foto: Christian Endt)

Feuerbacher zieht einige Kopien von historischen Fotos hervor, aufgenommen zwischen dem Beginn des 20. Jahrhunderts und den 1950er-Jahren. Darauf zu sehen sind Perspektiven vom Süden des Egglburger Sees, dort also, wo Feuerbacher und Rüegg nun stehen. Ein prüfender Blick von den Kopien weg in die Weite der heutigen Landschaft zeigt: Früher waren hier weitaus weniger Bäume und Büsche.

Dass sich der Bewuchs im Laufe der Jahre immer weiter ausbreitete, hat zur Folge, dass die Streuwiesen rund um den Egglburger See immer kleiner geworden sind. Streuwiesen sind von Menschen gestaltete Kulturlandschaften, um Einstreu für Ställe zu gewinnen. Sie kommen häufig an feuchten oder nassen Standorten vor, etwa Moorgebieten, wie es auch am Egglburger See der Fall ist. So definiert es das Bayerische Landesamt für Umwelt. Das Besondere: Streuwiesen bieten als Biotope Lebensraum für sehr seltene Pflanzen- und Tierarten, manche von ihnen werden auf den Roten Listen gefährdeter Arten als "vom Aussterben bedroht" geführt.

Der Kiebitz zum Beispiel, so Feuerbacher, sei einer von den wiesenbrütenden Vogelarten, die vom Egglburger See verschwunden sind. "Wahrscheinlich ist es dem hier zu unübersichtlich", vermutet sie. Zu hohe Wiesen, weil sie wegen dem vielen rumhängenden Geäst und Gehölz nicht mehr gemäht werden können - denn eigentlich werden die Streuwiesen in jedem Herbst von den Landwirten, denen die Flächen gehört, gemäht. Der Kiebitz halte in der Regel 50 bis 80 Meter Abstand zu jedem Gehölz, erklärt Feuerbacher. Am Egglburger See ist das durch den aktuellen Zustand beinahe unmöglich geworden.

Tina Feuerbacher und Josef Rüegg vom Landschaftspflegeverband in Ebersberg haben Fotos dabei, die zeigen: Früher war hier weitaus weniger Gehölz und Geäst.

(Foto: Christian Endt)

Deshalb soll das Gebiet nun wieder etwas lichter werden. Eine ähnliche Maßnahme habe es vor gut 30 Jahren, 1992, schon einmal gegeben, sagt Josef Rüegg. Zunächst werden zwei Landwirte, deren Flächen von den Rodungen betroffen sind, mit Seilwinden die entsprechenden Bäume und Büsche herausziehen. In einem zweiten Schritt kommt eine Wurzelstockfräse zum Einsatz, mit der die Wurzeln beseitigt werden. Wegen des feuchten Bodens hat der LPV für diese Arbeit einen Spezialisten bestellt.

Im vergangenen Jahr hat Feuerbacher Anträge geschrieben. Einer davon ging an die Obere Naturschutzbehörde bei der Regierung von Oberbayern. Davor gab es Gespräche mit der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt. Und weil Teile der geplanten Rodungsflächen als Wald deklariert sind, mit dem hiesigen Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Nachdem alle Behörden ihr Einverständnis gegeben hatten, stellte Feuerbacher noch einen Förderantrag. Von dem insgesamt 10 000 Euro teueren Vorhaben übernimmt 90 Prozent die oberbayerische Regierung, die übrigen zehn Prozent trägt der LPV.

"Uns ist wichtig, die Menschen im Vorfeld über die Arbeiten zu informieren", sagt Rüegg. Und zu betonen, dass "der allergrößte Teil an Gehölzen stehen bleibt", wie Feuerbacher ergänzt. Von dem etwa 77 Hektar großen Naturschutzgebiet am Egglburger See sind von den Maßnahmen 7000 Quadratmeter betroffen, also nicht einmal ein Prozent - eine kleine Fläche am Nordufer, eine etwas größere am Südufer. Große und prächtige Bäume bleiben stehen, weichen müssen lediglich einige acht bis zehn Meter hohe Bäume und niedrigere Büsche. Für die Spaziergänger hat die Aktion einen schönen Nebeneffekt, so Rüegg. Es werde dann wieder ein paar Durchblicke zum See geben.