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Düstere Aussichten:Zimmereien droht Kurzarbeit

Ein extremer Preisanstieg und Lieferprobleme bei Baumaterialien aller Art machen dem Baugewerbe zu schaffen. Holz und Dämmstoffe sind kaum noch zu haben. Betriebe müssen trotz voller Auftragsbücher bald pausieren

Von Antonia Steiger, Erding

Der Bauwirtschaft steht ein konjunktureller Einbruch bevor, diese Aussage hat Kreishandwerksmeister und CSU-Kreisrat Rudolf Waxenberger vor wenigen Tagen in einer Sitzung des Ausschusses für Bauen und Energie des Kreistags Erding gemacht. Nicht, weil es keine Aufträge mehr geben würde, sondern weil die Baustoffe nicht mehr zu haben sind - und wenn, dann nur zu sehr viel höheren Preisen. Es werde nicht mehr allzu lange dauern, bis Zimmereien in Kurzarbeit gehen müssten, weil sie kein Holz mehr bekämen. Die Preissteigerungen bei Baumaterialien sind so bedeutend, dass Landrat Martin Bayerstorfer (CSU) in der Sitzung ein Statement der Verwaltung als Bekanntgabe vorgelesen hat. Darin ist nicht nur von Preisanstiegen die Rede, sondern auch von Verzögerungen der Leistungen und Kündigungen bereits bestehender Verträge.

Allein im Monat April sind demnach die Baumaterialpreise deutlich gestiegen. Auslöser sei die industrielle Preispolitik, urteilt das Landratsamt. Höhere Preise bei den Rohstoffen, Lieferengpässe mit Wartezeiten von zwei bis drei Monaten, höhere Transportkosten unter anderem wegen des Anstiegs der Mineralölpreise seien "bezeichnend für den Markt", hieß es in dem Statement. Dies habe nachhaltige Folgen für die Bauwirtschaft.

Seit Januar 2021 sei die Verteuerung besonders deutlich zu spüren. Bayerstorfer zitierte den Hauptverband der Bauindustrie, demzufolge der Preis für Bitumen im Dezember 2020 um mehr als fünfzig Prozent im Vergleich zum Jahresbeginn 2016 gestiegen sei. Der Preis für Betonstahl sei kurzfristig um dreißig Prozent gestiegen. Produkte wie Konstruktionsholz und Holzdämmstoffe hätten inzwischen eine Lieferzeit von mindestens einem halben Jahr. "Allein der Betonstahl verteuerte sich innerhalb eines Monats um etwa zehn Prozent, der Preis für Mineralölerzeugnisse legte um mindestens zehn Prozent zu, und Dämmstoffe für Fassaden kosten somit erheblich mehr als noch im Dezember."

Auch Waxenberger, Inhaber des Baugeschäfts Anzinger in Erding, zeichnete ein dramatisches Bild: Die derzeitige Preissteigerung sei eine "einzigartige Bewegung" nach oben, wie es sie noch nie gegeben hat. Materialen würden an die meistbietenden Unternehmer verkauft. "Die USA und China kaufen alles, was nicht niet- und nagelfest ist", sagte der CSU-Kreisrat, "und das zu nicht marktüblichen Preisen". Daher rechne er mit einem Einbruch der Bauwirtschaft, die eigentlich als eine der stabilsten Zweige gut durch die Corona-Krise gekommen sei. Eine hundertprozentige Preissteigerung hat Waxenberger zum Beispiel bei Styropor festgestellt, dazu Wartezeiten von sechs bis acht Wochen. Bei Holzfaserdämmstoffen gebe es sogar Wartezeiten von bis zu einem halben Jahr, ein Material, das "bei jedem Satteldach" verbaut werde. Diese Entwicklungen kommen auch im Landkreis an. Die Zimmereien hielten nicht mehr allzu lange aus, bevor sie ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken müssten - trotz voller Auftragsbücher. Die Sägewerke hätten eine gewisse Bevorratung, aber auch die halte nicht mehr allzu lange her, der Nachschub ließe auf sich warten.

Die Zustände schlügen sich im regionalen und überregionalen Baugewerbe nieder, sagte Bayerstorfer. Unter anderem komme es zu "massiven Verzögerungen der auszuführenden Leistungen". Bei Verträgen mit Preisgleitklausel müsse mit Preisanstiegen für bestimmte Baustoffe gerechnet werden. Es werden Angebote abgegeben, in die zusätzlich Sicherheiten auf Grund des Rohstoffpreisanstieges eingerechnet seien. Bereits bestehende Verträge könnten gekündigt werden. Im Baugewerbe komme es zu einem konjunkturellen Rückgang, und das im dem bislang noch stabilsten Wirtschaftszweigs.

Die Verwaltung im Landratsamt zitierte zudem den Bundesverband Farbe Gestaltung Bautenschutz demzufolge die Preise für Dämmstoffe wie extrudiertes Polysterol (XPS) und expandierte Polystyroldämmung (EPS) im April um rund 35 Prozent gestiegen seien. Preissteigerungen von bis zu 200 Prozent in manchen Gewerken seien zum Beispiel von der Handwerkskammer Ulm gemeldet worden.

Als Gründe für den deutlichen Anstieg der Rohstoffpreise werden weitere Ursachen genannt: Bei Stahl seien es begrenzte Lieferkapazität chinesischer Stahlhersteller, bei den Holzbaustoffen kommt es zu Engpässen, weil die Bäume sich auf Grund starker Trockenheit und Befall nicht mehr als Bauholz eigneten. Somit müsse das Holz auf dem internationalen Markt mit den geordert werden.

© SZ vom 17.05.2021
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