Nur der Kopf und das Skelett eines Rehbocks waren übrig von dem Kadaver, den Spaziergänger rund 200 Meter nördlich des Dorfener Stadtrands entdeckt haben – an einem Feldweg zwischen Vilstalradweg und Schulzentrum. Die Spuren deuten auf ein großes Raubtier hin, vermutlich einen Wolf. Möglich wäre theoretisch auch ein Goldschakal, der im Landkreis Erding bereits vereinzelt nachgewiesen wurde. Ausgeschlossen ist laut Experten hingegen ein wildernder Hund; das Fraßbild wäre eindeutig anders.
Spaziergänger hatten den frischen Kadaver am Donnerstag entdeckt. Sie verständigten die Polizei, die am Fundort ein Foto aufnahm und es mitsamt den Koordinaten der Fundstelle an den Dorfener Jäger Max Streibl übermittelten. Streibl leitete die Informationen dann an den Revierinhaber Daniel Bauer weiter. Bauer machte sich auf die Suche nach dem Kadaver, er wollte insbesondere ein Stück Fell des Rehs sichern, um es vom Landesamt für Umwelt untersuchen zu lassen. Anhand der Bissspuren können die Experten dort feststellen, ob ein Wolf oder ein Goldschakal das Tier gerissen hat.
Doch der mutmaßliche Wolf dürfte noch in der Nähe gewesen sein, als die Spaziergänger und später die Polizei den Kadaver inspiziert haben. Als Bauer am Fundort ankam, waren die Überreste des toten Rehbocks verschwunden. „Ich habe alles abgesucht, aber nur noch ein paar Haare gefunden“, sagte Bauer. Der Untergrund des Fundorts bestehe zudem aus verdichtetem, mit Gras bewachsenen Boden. Da ließen sich keine Pfotenabdrücke erkennen. Offenbar hat der Wolf die Reste des Tiers in ein Versteck geschleppt, das bislang nicht gefunden wurde.

Aufgrund des Fotos lassen sich dennoch einige Rückschlüsse ziehen: Das Tier muss völlig ausgehungert gewesen sein. Ein junger Rehbock hat etwa zehn Kilo Fleisch auf den Rippen, die hier mit nahezu chirurgischer Präzision innerhalb weniger Stunden abgenagt wurden – ein typisches Anzeichen für einen Wolf. „Das Fleisch hatte eine relativ frische Farbe“, sagte Bauer. Er geht davon aus, dass das Reh in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag gerissen wurde. Ferner sehe man Spuren, dass bereits ein Greifvogel und Krähen an den Überresten gepickt haben.
Früher waren Wölfe im Landkreis Erding keine Seltenheit, zumindest zeugen zwei Wolfsmarterl davon. Eines steht bei der Einöde Stilln in den Gatterbergen. Hier sollen im Jahr 1747 zwei junge Frauen auf dem Heimweg von einer Faschingsfeier von einem Wolf attackiert worden sein. Das andere steht in einem Wäldchen in der Nähe von Rappoltskirchen. Dort soll eine junge Näherin, wohl um das Jahr 1800, von einem Wolf angefallen worden sein. Der letzte Wolf in der Gegend wurde im Jahr 1864 zwischen Ober- und Untergebensbach bei Dorfen geschossen.
Danach gab es im Landkreis Erding lange keine Wölfe mehr. Erst 150 Jahre später, im April 2014, wurde wieder einer im Dorfener Umland gesichtet. In Lengdorf gelang es zwei Frauen, das Tier aus dem Auto heraus zu fotografieren; durch die Aufnahmen konnte es eindeutig als Wolf identifiziert werden. 2023 sahen dann vier Jäger auf der Rückfahrt von einer Hegeschau in Isen bei Pastetten einen Wolf an ihrem Auto vorbeilaufen. Zudem haben Wildkameras in den Gatterbergen schon vereinzelt einen Wolf dokumentiert und gelegentlich finden Jäger Pfotenabdrücke.
Heimisch ist noch kein Wolf in der Region geworden. Der Landkreis Erding hat den geringsten Waldanteil in Bayern, in den hiesigen Fichtenplantagen finden die großen Beutegreifer kaum Unterschlupf. „Auch die Zersiedelung spielt eine Rolle“, sagte Bauer. „Alle 200 Meter steht ein Bauerhof mit einem Hofhund. Das ist Stress für den Wolf, er findet keine Rückzugsbereiche.“
Der Jäger geht davon aus, dass das Tier bereits weitergezogen ist. „Sie laufen oft entlang von Straßen, weil sie in den Gräben zusammengefahrenes Vieh finden.“ Er empfehle allerdings Hundehaltern, ihre Tiere beim Spaziergang an der Leine zu halten. „Nur zur Sicherheit.“

