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Dorfen:Streitende Lokalhistoriker

Der Historische Kreis Dorfen hat sich im Mai nicht an einer von der Geschichtswerkstatt Dorfen initiierten Aktion zum Kriegsende beteiligt. Diese wiederum reagiert mit scharfer Kritik auf einen angeblich verharmlosenden Bericht, der Monate später veröffentlicht wird

Von Florian Tempel, Dorfen

Dorfen darf sich glücklich schätzen. Es ist erstaunlich, was alles hier in den vergangenen Jahren zur lokalen Geschichte entdeckt, herausgefunden und zurechtgerückt worden ist. Die Stadt hat gleich mehrere Gruppen, die zur lokalen Geschichte forschen und publizieren. Da ist so viel Bewegung drin, dass es auch mal zu Reibung kommt. Zuletzt sind die Dorfener Lokalhistoriker sogar ziemlich heftig aneinander geraten. Wobei alles ganz gesittet zuging, ohne Beschimpfung und mit der festen Beteuerung, es gebe keine Gegnerschaft oder Konkurrenz. Aber der Streit hatte es durchaus in sich.

Los ging es im Mai, als sich der Historische Kreis nicht an einer von der Geschichtswerkstatt nach Dorfen geholten Aktion beteiligen wollte: mit weißen Fahren an das Ende des Zweiten Weltkriegs als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus zu erinnern. "Es gab unterschiedliche Auffassungen dazu im Vorstand", sagt Jürgen Weithas, der Vorsitzende des Historischen Kreises, der das aber "nicht weiter hochpuschen" möchte. Franz Streibl war zum Beispiel dagegen und er erklärt warum: Für die KZ-Häftlinge, die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter sei das Kriegsende sicher "absolut ein Tag der Befreiung" gewesen, sagt er. Aber viele andere Menschen hätten damals eben Angst gehabt. "Wir haben auch weiße Fahnen rausgehängt, doch das hieß: schießt nicht auf uns." Andere im Vorstand des Historischen Kreises, wie Wolfgang Lanzinger, hätten es besser gefunden, bei der Weißen Fahnen-Aktion mitzumachen. Um Position zu beziehen und auch, weil Bürgermeister Heinz Grundner (CSU) Schirmherr der Aktion war und die weißen Fahnen deshalb an vielen öffentlichen Gebäuden zu sehen waren - nur und ausgerechnet nicht am Dorfener Heimatmuseum.

Dorfen feiert Tag der Befreiung vor 75 Jahren, 2020

Mit "Weißen Fahnen für Frieden und Freiheit" wurde in Dorfen an das Ende des Zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus erinnert.

(Foto: Renate Schmidt)

Hier hakt auch Monika Schwarzenböck von der Geschichtswerkstatt ein. Der Historische Kreis sei zwar ein Verein, aber doch "halboffiziell" für die Lokalgeschichte in der Stadt zuständig. Schwarzenböck hat vor einigen Jahren mit Doris Minet, Bettina Kronseder und Adalbert Wirtz über jüdische Displaced Persons (DP) in Dorfen recherchiert. Sie entdeckten die vergessene Tatsache, dass nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Hunderte DPs in der Stadt lebten, was sie in ihrem Buch "Wie kam der Davidstern nach Dorfen?" publizierten. Eine erhoffte Kooperation mit dem Historischen Kreis gab es damals nicht. Bei einem Treffen mit Franz Streibl und Hermann Simmerl - Alt-Bürgermeister, Stadtarchivar und langjähriger zweiter Vorsitzender des Historischen Kreises - hätten beide beteuert, nichts dazu zu wissen, sagt Schwarzenböck. Dass es die jüdische "Blumengartenschule" in Dorfen gegeben hatte, sei von ihnen sogar ausdrücklich verneint worden. Ein weiteres lange unbearbeitetes Thema war die Ausbeutung von Zwangsarbeitern im Landkreis in der NS-Zeit.

Als dann Franz Streibl einen Bericht mit seinen Erinnerungen an das Kriegsende auf der Webseite des Historischen Kreises publizierte, schildert er unter anderem eine Begebenheit mit einem DP, sowie mehrere Passagen über Zwangsarbeiter. Insbesondere auf diese Stellen reagierte die Geschichtswerkstatt mit scharfer Kritik: "Was hier über DPs berichtet wird, bildet die heute bekannte Wirklichkeit nicht realitätsgemäß ab." Streibl "verunklart das Verhältnis von Opfern und Täter" und schlittere so, wenn auch unabsichtlich, "in eine Verharmlosung der Geschehnisse".

Auch Hans Elas von der Geschichtswerkstatt sieht Streibls Text, den dieser einen "Zeitzeugenbericht" nennt, sehr kritisch. Streibl ist Jahrgang 1939 und war bei Kriegsende noch nicht einmal eingeschult. In Streibls Text findet sich selbst Erlebtes, aber auch viel Anekdotisches, das er, wie er schreibt, "im Wirtshaus" mitbekommen habe. Solche Geschichten ohne Überprüfung und Einordnung weiterzuerzählen, trage nicht zu lokalhistorischer Erkenntnis bei, sondern sei im Gegenteil schädlich, sagt Elas. So würden unkritische und unhaltbare Narrative nur perpetuiert, "das sind nur Geschichterl, keine Geschichte". Auch dass Streibl über den Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus "sine ira und studio", also ohne Zorn und Eifer, berichten wollte, wie er schreibt, regt Elas auf. Dem Ende des Nationalsozialismus positionslos zu begegnen, sei unmöglich: "Es gab Täter und es gab Opfer, nicht nur eine schlechte Zeit."

Streibl sagt, er verstehe die Aufregung nicht. Er habe sich bemüht, zu schreiben "wie es war", so wie er das Kriegsende als Kind erlebte. Und er wollte andere anregen, sich selbst zu erinnern. "Ich weiß nicht, was ich Schlimmes angestellt habe."

Texte und Kritik im Internet auf historischer-kreis.de und geschichtswerkstatt-dorfen.de.

© SZ vom 07.11.2020
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