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Dorfen:Ohne Limit zum Abschuss freigegeben

Jäger wehren sich gegen geplante Novelle des Bundesjagdgesetzes, mit dem Rehe stärker bejagd werden sollen. "Sie dürfen nicht als Schädlinge des Waldes dargestellt werden", sagt der Vizepräsident des Bayerischen Jagdverbands

Von Philipp Schmitt, Dorfen

Für heftige Proteste bei den Erdinger Jägern sorgt eine geplante Novelle des Bundesjagdgesetzes, die noch 2020 auf den Weg gebracht werden könnte. Die Jäger sehen die Interessen der Forstwirtschaft in den Vordergrund gerückt und kritisieren die geplante stärkere Bejagung von Rehwild ohne Abschusspläne und Obergrenzen: "Rehe dürfen nicht als die Schädlinge der Wälder dargestellt werden", sagte der Vizepräsident des Bayerischen Jagdverbands (BJV), Thomas Schreder, bei einem Pressetermin auf Gut Osendorf bei Dorfen. Schreder ist Vorsitzender des Kreisjagdverbandes Erding und will im Oktober BJV-Präsident werden.

Die Lage ist heikel: Der Klimawandel samt Dürrephasen, Stürmen und Schädlingen wie dem Borkenkäfer machen Wäldern und Waldbauern zu schaffen. Der Wald soll deshalb durch einen Umbau von Nadelbäumen zu widerstandsfähigeren Mischwäldern fit für die Zukunft gemacht werden. Damit dies gelingt und neu gepflanzte Bäumchen nicht sofort durch Verbiss der Garaus gemacht wird, soll der Novelle des Bundesjagdgesetzes entsprechend, auf den sich die Bundesministerien für Umwelt und Landwirtschaft geeinigt haben sollen, ein Paradigmenwechsel hin zu einer stärkeren Bejagung mit höheren Abschusszahlen von Rehwild auf den Weg gebracht werden.

Schreder gefällt die Novelle nicht: Die Interessen zwischen Wald, Wild und Jagd müssten besser abgewogen werden, fordert er. Jäger würden beim Umbau der Wälder helfen, doch sollten Rehe als heimische Wildtiere eine gesetzlich verankerte Daseinsberechtigung haben und nicht ohne Obergrenze zum Abschuss frei gegeben werden. Eine einseitige Ausrichtung an forstlichen Interessen lehnen die Verbände ab: "Es ist ein Jagd- und kein Waldgesetz." Wildtiere seien als wesentlicher Bestandteil der heimischen Natur besser zu schützen. Stattdessen plädieren die bayerischen Jäger für eine bessere Kommunikation zwischen Waldbesitzern, Landwirten und Jägern und ein bundesweites Gesamtkonzept für Wald und Wild. "Die Jagd ist nicht der einzige Faktor für einen erfolgreichen Umbau der Wälder", sagte Schreder.

Nur ein Drittel der Fläche Deutschlands ist demnach bewaldet. Die Behauptung, dass es zu viel Rehe in den Wäldern gibt, sei nicht zu belegen, weil der Bestand kaum erforscht worden sei. Zum Schutz neu gepflanzter Bäume Wildtiere abzuballern, um ökonomische Interessen der Forstwirtschaft zu unterstützen, sei nicht der richtige Weg. Schreder und der BJV-Hauptgeschäftsführer Joachim Reddemann forderten einen Interessensausgleich zwischen allen Beteiligten.

Bei einer Freigabe ohne Abschusspläne müsste die Jagdbehörde nur noch eingreifen, wenn sich Waldbesitzer und Jäger nicht auf eine Mindestzahl der zu erlegenden Tiere einigen könnten. Eine Obergrenze gäbe es nicht mehr, die Rehe würden wie Wildschweine ohne Limit zum Abschuss frei gegeben. Der BJV verstehe sich aber als Verband für Jagd und Natur und wolle auch im Wald lebende heimische Wildtiere schützen, für die der Wald Lebensraum sei, sagte Schreder. Wissenschaftliche Untersuchungen in Schweizer Nationalparks hätten zudem gezeigt, dass eine Verjüngung der Wälder auch mit einer hohen Dichte an Huftieren klappen könnte. So wie in Osendorf könne das Zusammenspiel zwischen Waldbesitzern und Jägern auch ohne höhere Abschusszahlen funktionieren: "Hier klappt das Miteinander", sagten Schreder, Hans Millinger und Franz Streibl von der Hegegemeinschaft Dorfen. Waldbesitzer Hans Hörmann, Neffe des früheren Kreisvorsitzenden Kurt Hörmann, habe die richtige Mischung "mit gesunden Wildbestand und Verjüngung des Waldes" gefunden: "Wir müssen umbauen, aber wir sehen Wildtiere nicht als Schädlinge an, die Rehe gehören für uns zum Wald dazu", sagte Hörmann. Ein Umbau des Waldes sei bei guter Zusammenarbeit auch ohne stärkere Bejagung möglich.

Der BJV-Vorsitzende des Bezirks Schwaben, Fred Steinberger, und Präsidiumsmitglied Axel Kuttner aus Niederbayern forderten zudem Ruhezonen für Rehe, wo sie vor Spaziergängern, Radfahrern und Hunden besser geschützt werden könnten. Sie wiesen darauf hin, dass Rehe nicht nur im Wald lebten, sondern auch ruhige Wiesen mögen. Die sechs Hegegemeinschaften im Landkreis umfassen 80 000 Hektar, die Hegemeinschaft Dorfen 13 000 Hektar.

© SZ vom 08.09.2020

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