NS-Geschichte:Aus Luxemburg zum Arbeitsdienst nach Dorfen

Lesezeit: 3 min

NS-Geschichte: Marthe Kettel (ganz links), damals noch Marthe Hermann, war als Luxemburgerin zum Reichsarbeitsdienst verpflichtet und von November 1942 bis Ende März 1943 in Dorfen.

Marthe Kettel (ganz links), damals noch Marthe Hermann, war als Luxemburgerin zum Reichsarbeitsdienst verpflichtet und von November 1942 bis Ende März 1943 in Dorfen.

(Foto: privat)

Zwei Enkel von Marthe Kettel haben zusammen mit der Geschichtswerkstatt Dorfen dem fünfmonatigen Zwangsaufenthalt ihrer Großmutter an der Isen nachgespürt. Ein weiteres Kapitel zur lokalen NS-Geschichte und ein schönes Beispiel internationaler Zusammenarbeit von Lokalhistorikern.

Von Florian Tempel, Dorfen

Marthe Kettel, damals noch Marthe Hermann, war 20 Jahre alt und zuvor kaum aus Ettelbrück herausgekommen, als sie 1942 zum Reichsarbeitsdienst eingezogen wurde. Von ihrem Heimatort, einer Kleinstadt in Luxemburg mit heute gut 9000 Einwohnern, ging es ins oberbayerische Dorfen. Fünf Monate musste sie hier mit Dutzenden anderen "Maiden", wie die Nazis die jungen Frauen im Arbeitsdienst nannten, in einer langgestreckten Holzbaracke am östlichen Stadtrand wohnen. Marthe Kettel wurde als Hausmädchen in der Familie des späteren Dorfener Bürgermeisters Franz Wolf eingesetzt, der damals offenbar im Haus seiner Schwiegereltern lebte. Die Mitterhofers hatten einen Lebensmittelgeschäft. Das Haus an der B15 gibt es noch, es steht leer. Gleich nebenan leben seit Jahren Geflüchtete gedrängt in einer größeren Asylunterkunft.

Die Ausnutzung der Luxemburgerin Marthe Kettel im Arbeitsdienst in Dorfen ist nur eine kleine Geschichte aus der NS-Zeit. "Unsere Oma hat nicht viel über den Arbeitsdienst erzählt", sagt Roland Flies, einer ihrer Enkel. Und Rolands Bruder Fabien Flies fügt an, "sie hat nie erwähnt, dass sie schlecht behandelt wurde". Die beiden Brüder haben aus eigenem familiären und aus allgemeinem geschichtlichen Interesse über dieses spezielle Lebenskapitel ihrer Großmutter recherchiert, und dabei einiges herausgefunden.

NS-Geschichte: Das RAD-Lager wurde an der heutigen Ludwig-Uhland-Straße errichtet. Der Sockel der Baracke war betoniert, sonst alles aus Holz gezimmert.

Das RAD-Lager wurde an der heutigen Ludwig-Uhland-Straße errichtet. Der Sockel der Baracke war betoniert, sonst alles aus Holz gezimmert.

(Foto: privat)

Zusammen mit der Geschichtswerkstatt Dorfen haben sie so dem Wissen über die NS-Zeit in Dorfen neue Erkenntnisse hinzugefügt. Das Reichsarbeitsdienst-Lager und die Ausnutzung der dort untergebrachten Frauen ist zwar nicht das düsterste Kapitel der lokalen NS-Geschichte, doch es zeigt eindrucksvoll, mit welcher banalen Selbstverständlichkeit die Nationalsozialisten über das Leben anderer Menschen verfügten.

Die Recherche zu Marthe Kettel ist aber auch eine gelungene Zusammenarbeit von lokal- und zeitgeschichtlich Interessierten über Grenzen hinweg. Vor drei Jahren, im März 2019, erreichte die Geschichtswerkstatt Dorfen ein E-Mail der Brüder Flies aus Ettelbrück. Der Kontakt war hergestellt, und Hans Elas, Schorsch Wiesmaier und Doris Minet begannen nachzuforschen, was es zum Reichsarbeitsdienst im Allgemeinen und und Marthe Kettel im Speziellen herzufinden gab. Mit Fotos und Daten konnten die Eckdaten eingegrenzt werden. Am Ende genug für ein einigermaßen scharfes Bild, wie man sich die fünf Monate der jungen Luxemburgerin in Dorfen wohl vorstellen darf. Vor Kurzem waren Roland und Fabien Flies nun in Dorfen, für ein paar Stunden dort, wo ihre Oma, von den Nazis gezwungen, für fremde Leute arbeiten musste. Es war freilich ein schönes und gutes Treffen mit den Dorfenern von der Geschichtswerkstatt.

NS-Geschichte: Marthe Kettel mit drei anderen Frauen aus dem Reicharbeitsdienst-Lager, in der Freizeit beim Spaziergang in Dorfen.

Marthe Kettel mit drei anderen Frauen aus dem Reicharbeitsdienst-Lager, in der Freizeit beim Spaziergang in Dorfen.

(Foto: privat)

Das RAD-Lager - selbstverständlich wurde damals abgekürzt - wurde an der heutigen Ludwig-Uhland-Straße errichtet. Da war viel Platz, weiter hin standen nur einige Häuschen der Moosener Siedlung. Der Sockel der Baracke war betoniert, sonst alles aus Holz gezimmert. Es gibt einen Zeitungsartikel vom April 1942 mit dem Titel "Das RAD-Lager Dorfen ist empfangsbereit". Typischerweise steht so gut wie nichts Lesenswertes in diesem Bericht, aber ein Menge Gesülze. Ein Beispiel: "Gestern noch hat alles hier den Schlaf der Erwartung geschlafen in der Sonne, heute nimmt das Lager schon die Maiden auf, morgen schon wird alles belebt sein von dem Aneinanderfühlen junger Menschen." Die jungen Frau kommen, so viel steht drin, aus allen Teile des Reiches.

Für die Nazis gehörte Luxemburg seit Mitte 1940 zum Deutschen Reich mehr oder weniger selbstverständlich dazu. Der rücksichtslose Trierer Gauleiter Gustav Simon und relativ wenige Nazischergen griffen hart durch, um die mehrheitlich renitente Luxemburger Bevölkerung auf Kurs zubringen. Das gelang freilich nicht wirklich, sagen Roland und Fabien Flies, die zum Widerstand und der NS-Zeit an sich forschen. Ihr Großmutter half, nach fünf Monaten zurück in Ettelbrück, der dortigen Resistance-Gruppe, das hat sie ihren Enkel erzählt. Der Großvater Jean, der zur Wehrmacht eingezogen war, desertierte wie so viele andere Luxemburger mit Hilfe der Resistance bei einem Heimaturlaub und musste sich dann bis Kriegsende monatelang verstecken.

NS-Geschichte: Hier geht die Vierergruppe durch das Isener Tor, im Hintergrund ist der Marienplatz zu erkennen.

Hier geht die Vierergruppe durch das Isener Tor, im Hintergrund ist der Marienplatz zu erkennen.

(Foto: privat)

Die Dorfener RAD-Baracken an der Ludwig-Uhland-Straße wurden nach 1945 als Flüchtlingsunterkunft verwendet. Im Februar 1949 wurde es von der Flüchtlingsverwaltung an die Finanzverwaltung übergeben und war dann ab April 1951 als Notunterkunft erfasst. Doris Minet hatte Ende der 1950er Jahre ein Schulfreundin, die mit ihrer Familien in der Baracke lebte. Die Adresse lautet weiterhin ganz offiziell "RAD-Lager". Ende der 1960er Jahre nutzte die evangelische Gemeinde die Baracke einige Zeit als Gemeindezentrum und für Gottesdienste. Dann wurde alles abgerissen und eine Münchner Wohnungsbaugesellschaft baute mehrere kleine Wohnblöcke auf dem Gelände. Doris Minet und ihr Mann leben seit 50 Jahren in einer der Wohnungen.

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