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Dorfen:Lebensadern unserer Heimat

Der renommierte Dorfener Naturfotograf Andreas Hartl erläutert den Artenschwund in Bächen und Flüssen in der Region: Landwirtschaft, Autobahn und Klimawandel beschleunigen ihn

"Bäche und Flüsse - Lebensadern unserer Heimat" lautete das Thema eines Vortrags, den der renommierte Dorfener Naturfotograf Andreas Hartl im Jakobmayersaal gehalten hat. Dabei erläuterte er anhand seiner hervorragenden Aufnahmen, welche faszinierende Artenvielfalt diese Fließgewässer einst geboten haben und warum sich der Artenschwund in einem rasanten Tempo vollzogen hat. Veranstalter waren die Ortsgruppen von Bund Naturschutz und Landesbund für Vogelschutz. Das Thema stieß auf großes Interesse, der Saal war voll.

Hartl erklärte die Lebensräume, indem er bei den Quellen der Bächlein in den Erlenbruchwäldern begann und dann flussabwärts bis zur Barbenregion erzählte. Feuersalamander und Steinkrebse gibt es in ganz wenigen Quellgebieten in unserer Region noch, aber nur, wo diese Quellen im Wald verborgen sind. "Weil es dort keine Landwirtschaft gibt", sagte Hartl. Denn die Sedimente, die bei Regen von den Äckern in die Bäche geschwemmt werden, setzen sich im Kiesbett am Bachgrund ab. Sie verschließen dieses Lückensystem und verhindern, dass Sauerstoff durch den Kies strömt. Das ist fatal für viele Arten, weil sich in diesem ansonsten lockeren Kies die Kinderstube ihrer Nachkommen befindet. Das betrifft nicht nur kieslaichende Fische wie die Bachforellen, sondern auch den Nachwuchs von Salamandern, Krebsen, phasenweise von Bachmuscheln sowie vielen Insektenarten, die ihr Larvenstadium im Wasser verbringen.

In den Oberläufen nahe der Quellen befinden sich auch die Laichgründe der Mühlkoppen, die im Bach unter Steinen Höhlen bauen und dort ihre Eier ablegen und Brutpflege betreiben. Hartl zeigte Aufnahmen aus einem kleinen Bächlein im Landkreis, wo sich Hunderte dieser sehr selten gewordenen Fische zum Laichen getroffen hatten. Als er am nächsten Tag erneut dort Fotos machen wollte, sei bei einem Landwirt die Güllegrube aus- und in den Bach gelaufen. Das sei zwar keine Absicht, sondern Unachtsamkeit gewesen, aber dadurch sei auch diese Population ausgestorben. "Das passiert in Bayern im Schnitt 60 mal im Jahr", sagte Hartl.

Nasen, eine Fischart, deren Maul einer Nase ähnelt, seien früher in der Isen in großen Schwärmen vorgekommen, erzählte Hartl weiter. Als Bub habe er noch Laichzüge dieser Fische erlebt, bei denen sie zu Tausenden zu den Kiesbetten schwammen. In den 1980er Jahren seien die Bestände plötzlich zusammengebrochen. Man habe zwar noch einzelne alte Tiere gesehen, aber es seien keine Jungfische mehr nachgekommen. Die Ursache hing mit dem Maisanbau zusammen: Dort wurde das Herbizid Atrazin verwendet. Atrazin hemmt die Fotosynthese von Pflanzen. Und wenn es bei Regen in die Bäche geschwemmt wird, hemmt es auch die Fotosynthese von Kieselalgen, die daran sterben. Und Kieselalgen seien die Hauptnahrung der kleinen, frisch geschlüpften Nasen, sobald der Dottersack aufgezehrt sei. Die kleinen Nasen seien schlichtweg verhungert. In Deutschland wurde die Anwendung von Atrazin 1991 verboten. Es dauerte jedoch etwa weitere zwei Jahrzehnte, bis die Nasen in kleinen Beständen wieder in der Isen Fuß fassen konnten.

In den Bächen und Flüssen leben auch die Larven vieler Insekten wie Libellen, Köcher- oder Eintagsfliegen. Wenn diese dann zum Schlupf und Hochzeitsflug an die Wasseroberfläche kommen, wird ein Teil davon von den am Wasser lebenden Vögeln als proteinreiche Nahrung verzehrt oder an die Brut verfüttert. Die Biomasse, die in einem gesunden Bach heranwachse, sei mit der einer naturbelassenen Wiese vergleichbar. Blau- und Rotkehlchen, Wasseramseln und Zaunkönige, die alle an der Isen vorkommen, würden auch kleine Jungfische fangen, vom Eisvogel ganz zu schweigen.

Hartl erklärte, dass auch die Fischereivereine mit falschem Besatz zum Artensterben beigetragen haben. Als Beispiel nannte er den Aal, der in den Donauzuflüssen nicht heimisch ist. Der nächtliche Räuber habe zahlreiche Kleinfischarten und den Edelkrebs sehr stark dezimiert. Der Besatz mit Aalen ist in Bayern mittlerweile nur noch auf geschlossene Baggerseen beschränkt, aber das biologische Gleichgewicht haben sie in den Bächen und Flüssen bereits nachhaltig geschädigt.

Andreas Hartl

Naturschützer und Fotograf: Andreas Hartl.

(Foto: Daller)

Auch die vor kurzem eröffnete Autobahn durchs Isental werde das Artensterben beschleunigen, prognostizierte Hartl. Sie durchschneide einen weitgehend unbelasteten Lebensraum und sei eine "Todesfalle" für Tiere, die die Fahrbahn überqueren. Auch viele Insekten würden von den Autos "geerntet".

Der Klimawandel werde wohl ebenfalls Einfluss auf das Leben in den Gewässern haben. Schon seit Jahren würden immer mehr kleine Bäche aufgrund des Niederschlagsdefizites im Frühjahr oder Frühsommer komplett austrocknen. Damit gehe nicht nur die Kinderstube vieler Fische verloren, sondern auch die Amphibien würden massiv unter diesem Verlust ihrer Lebensräume leiden.

Das Hauptproblem seien jedoch die Schwarzen Schafe unter den Landwirten, die die Bäche durch Nährstoffeintrag überdüngen und die ihre Äcker bis unmittelbar ans Ufer anlegen würden. Das sei auch auf eine "sinnlose Verteilung der Fördermittel" zurückzuführen. Hoffnungsvoll stimme ihn jedoch der Erfolg des Volksbegehrens "Rettet die Bienen", weil im Zuge dessen nun ein Uferrandstreifen verbindlich vorgeschrieben sei. Hartl betonte, er wolle seine Zuhörer trotz des Artenschwunds nicht pessimistisch stimmen. Dazu zeigte er Bilder des Flusses Regen im Bayerischen Wald. Dort habe man das touristische Potenzial des Flusses erkannt und durch den Rückbau von Kraftwerken und Wehranlagen renaturiert. Nun würden dort wieder viele seltene Arten leben. Das sei auch mit den Bächen und Flüssen im Raum Dorfen möglich, sagte Hartl: "Wir hätten es in der Hand".