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 FKK-Open Air:Zwei Nächte bei Taggrub

An diesem Wochenende findet ein kleines Festival auf einer abgelegenen Wiese im Isental statt, bei dem Stadt- und Landmenschen zusammenkommen

Es ist eine schöne Lage. Oben auf der kleinen Straße am Hang hat man einen weiten Blick nach Süden übers Isental. Das Festivalgelände liegt etwas weiter unten in einer sanften Senke eingebettet, die Bühne steht vor dem Waldrand, man ist hier mitten im Grünen. Es sind einige Kilometer bis Dorfen oder Taufkirchen, nah ist hier nur Taggrub, der Einödhof von Mathias Lohmeier und seiner Familie. "Er ist unser größter Sponsor", sagt Florian Rieder, der zusammen mit Clemens Poebing Veranstalter des FKK-Open-Air ist. Mathias Lohmeier ist aber auch einer der größten Fans des Festivals. "Es ist schon faszinierend, dass die sich das antun - aber es ist es wert", sagt Lohmeier.

Drei Tage vor dem Beginn des FKK-Open Air gibt es noch nicht viel zu sehen. Die Aussicht beim Festivalgelände ist aber schon mal herrlich.

(Foto: Renate Schmidt)

Der Aufwand, auf seiner Wiese ein dreitägiges Open Air mit 15 Liveacts zu organisieren, ist erheblich. Man braucht Wasser. Die dicke blaue Leitung, die an seinem Hof beginnt, durch die Scheune und über die Straße geführt werden muss, ist mehr als 500 Meter lang. Man braucht Strom. Ein mobiler, mit Diesel betriebener Generator, wird rund um die Uhr bis zu 80 Kilowatt produzieren. Nicht nur weil es üppig viel Licht und Ton für die Bands gibt. Auch die Kühlung für Getränke und Essen und die Beleuchtung in den zwei Klowagen brauchen Energie. Auch fürs Abwasser gibt es eine eigene Logistik. Es wird in einen Gülletank gepumpt und am Ende des Festivals mit einem Traktor zur Kläranlage nach Sankt Wolfgang gefahren.

Die Bühne am Waldrand wird von Tobi Delbeck und Martin Riedl mit viel Licht und Ton bestückt.

(Foto: Renate Schmidt)

Der logistische Aufwand ist groß, aber auch schon etwas Routine. Florian Rieder, 25, und Clemens Poebing, 23, haben mit Freunden und Bekannten bereits 2016 und 2017 in Taggrub kleine Festivals veranstaltet. Damals waren es noch die Open Airs des Dorfener Jugendzentrums. In diesem Jahr haben Rieder und Poebing eine eigene GbR gegründet und tragen das finanzielle Risiko selbst. Das ist durchaus mutig. Die Erfahrung der vorausgegangenen Open Airs hat gezeigt, dass es ein ziemliches Verlustgeschäft sein kann. Dass sie ihr Festival nun FKK-Open-Air nennen, ist nur ein Witz. Es ist kein Fest für Nackte. Die Abkürzung steht für "Förderung Konzert Kultur" - was auch immer das heißen soll.

Festival Aufbau Dorfen

Wenn die paar Bretterbuden wieder abgebaut sind, wächst das Gras einfach weiter.

(Foto: Renate Schmidt)

Bauer Lohmeier wird die ersten Bands am Freitagnachmittag verpassen. Der 51-Jährige muss zum Klassentreffen seines Meisterjahrgangs der Höheren Landbauschule Rotthalmünster. Er wird Parkpunk, die Metal-Band Abyss und The Drunken Dentists nicht miterleben, zum Auftritt von Eskalation ist er vielleicht schon da. Die Musik ist für ihn aber eh nicht der größte Reiz an dem Festival. Er findet die lockere Atmosphäre an sich herrlich.

Mathias Lohmeier musste nicht lange überredet werden, seinen Grund für das Festival zur Verfügung zu stellen.

(Foto: Renate Schmidt)

Vor drei Jahren war der Dorfener Klaus Schikora, der früher selbst Veranstalter von Jugendzentrums-Open-Airs war, auf der Suche nach einer neuen Festivalwiese zu ihm auf den Hof gekommen. Schikora musste ihn ein bisschen, aber nicht sehr lange überreden. Auch weil seine Tochter voll und ganz dafür war. Lohmeier ist aber sowieso ein aufgeschlossener Mensch. Er ist Kreisvorsitzender des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM) und hat vor vier Jahren seinen Betrieb mit knapp 100 Kühen auf ökologische Landwirtschaft umgestellt. Als BDM-Kreisvorsitzender "bin ich Berufsdemonstrant", sagt er. Mal fährt er zum Protestieren nach München, dann wieder nach Berlin oder Brüssel.

Aber, und das gibt Lohmeier zu, ein bisschen Überwindung hat es ihn doch gekostet, sich auf das Festival einzulassen: "Wir Landleute sind eben ein wenig geschreckt von den Städtern", sagte er "die schauen halt anders aus als wir." Wobei auch Lohmeier nicht zu den Glattrasierten gehört. Er hat dann schnell festgestellt, dass die Leute aus dem selbstverwalteten Jugendzentrum und die Festivalbesucher keine unangenehmen Menschen sind. Und er ist froh, dass seine Nachbarn das mittlerweile auch so sehen: "Im ersten Jahr hat mich ein Nachbarn, ein junger Kerl, noch geschimpft, dass ich die da hingelassen haben. Im zweiten Jahr hat er für die ausgemäht und nun ist es für ihn das höchste Fest." Es gibt aber auch einige, denen passt es immer noch nicht: "Die Jäger schimpfen, dass die Tiere weglaufen - aber das ist halt noch die alte Generation."

Festival-Veteranen seit hingegen Martin "Schniedl" Riedl und sein Kompagnon Tobi Delbeck. Sie sind mit ihrer Veranstaltungstechnikfirma nat.ac für den professionellen Bühnenaufbau verantwortlich. Der 47-jährige Riedl ist seit den ersten Jugendzentrum Open Airs in der 90er-Jahren dabei und durch die Festivals zu seinem Beruf gekommen. Bei Delbeck, 39, war es genauso, nur etwas später. Sie wissen noch genau, dass früher mal Blumentopf bei einem der Festivals aufgetreten sind und Texta, Hip Hop-Bands, die damals nur wenige Eingeweihte kannten.

Lohmeier freut sich auf alle Fälle, egal wer kommt. Zu groß muss das Festival nach seinem Geschmack aber nicht werden: "Bei 80 000 hören wir auf."

© SZ vom 05.07.2019
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