Süddeutsche Zeitung

Dorfen:Integrationszentrum steht vor dem Aus

Die Corona-Pandemie hat das Zentrum für Integration und Familie hart getroffen. Viele Kurse sind ausgefallen und damit die Einnahmen weggebrochen. Die Stadt sieht sich außer Stande, den von der Insolvenz bedrohten Verein mit 6920 Euro monatlich zu unterstützen

Von Thomas Dallerund Florian Tempel, Dorfen

Das Dorfener Zentrum für Integration und Familie (DZIF) wird die Corona-Pandemie aller Voraussicht nach nicht überleben. Ein Antrag des Zentrums auf finanzielle Unterstützung in Höhe eines für dieses Jahr veranschlagten Defizits von 69 200 Euro wurde im Haupt- und Finanzausschuss der Stadt Dorfen abgelehnt. Das DZIF hatte beantragt, von März an jeden Monat 6920 Euro zu erhalten. Ohne dieses Geld fehlt dem Verein die Basis, um seine Räumlichkeiten weiter mieten zu können. Hinzu kommt, dass alle drei Vorstände bereits angekündigt haben, bei der anstehenden Mitgliederversammlung am 17. März nicht mehr antreten zu wollen. Angesichts der finanziell aussichtslosen Situation sieht es für eine Nachfolge schwarz aus und eine Auflösung des Vereins erscheint als wahrscheinlich.

Das DZIF war im östlichen Landkreis eine wichtige Anlaufstelle für Migranten und Flüchtlinge. Es bot nicht nur Integrationskurse, sondern auch Deutschkurse an und hatte als Alleinstellungsmerkmal eine Kinderbetreuung, sodass die überwiegend jungen Mütter entlastet wurden, wenn sie die Kurse besuchten. Das DZIF half nicht nur Flüchtlingen bei der Integration über die Sprache, sondern auch vielen Teilnehmern aus EU-Staaten, die ein gewisses Sprachniveau erreichen müssen, um eine Arbeitserlaubnis zu erhalten. Bereits vom 16. März bis 1. September 2020 hatte das DZIF wegen der Pandemie den Betrieb eingestellt. Zum 1. Dezember mussten erneut alle Präsenzveranstaltungen im Bereich der Erwachsenenbildung schließen. Auch die Integrationskurse mussten unterbrochen werden, so sah es die Maßnahmenverordnung zum Infektionsschutz vor. Da sich der Unterricht hauptsächlich über die Kursgebühren finanziert, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlingen bezahlt, blieb der Großteil der Einnahmen aus. Weil noch Gebühren aus 2019 im vergangenen Jahr nachgezahlt wurden, ist der Verein noch nicht zahlungsunfähig. Doch für das laufende Jahr ist kein Geld mehr vorhanden.

Annkatrin Wollersheim, die 2018 zusammen mit Barbara Siebert und Andrea Widl die Vorstandschaft von DZIF-Gründerin Marianne Ehrler übernommen hatte, hat am Donnerstag bereits alle Mitarbeiter informiert, dass man bei der Mitgliederversammlung die Auflösung des Vereins auf die Tagesordnung setzen werde. Theoretisch könnte das Zentrum nur weitermachen, wenn ein neuer Vorstand mit einem neuen Konzept, mit günstigeren Räumen und ohne Zertifizierung die Kurse weiter laufen lassen würde, sagte Wollersheim. Aber das klang schon nach dem sprichwörtlichen Strohhalm, an den sich ein Ertrinkender klammert. Dabei war das DZIF zwischenzeitlich so erfolgreich, dass es Ende 2017 freiwillig auf weitere Zuschüsse der Stadt Dorfen verzichten konnte, das Zentrum trug sich von allein. Fünf Mitarbeiter waren in der Verwaltung beschäftigt, zehn als Lehrkräfte. Das DZIF ging 2008 aus dem Verein "Frauen für Frauen" hervor, der ursprünglich Hausaufgabenbetreuung für Migrantenkinder angeboten hatte.

Der Antrag auf eine massive finanzielle Unterstützung durch die Stadt war am Mittwochabend im Hauptausschuss des Dorfener Stadtrats aus mehreren Gründen durchgefallen. Bevor sich das Gremium mit dem DZIF und dessen Geldnöten befasste, hatte Kämmerin Maria Bauer dargelegt, dass die derzeitige finanzielle Situation der Stadt Dorfen sehr schwierig ist. Die Einnahmen brechen wegen der Corona-Pandemie derart ein, dass die Stadt Probleme hat, einen genehmigungsfähigen Haushalt für 2021 aufzustellen. Der finanzielle Spielraum der Stadt ist aktuell minimal.

Bürgermeister Heinz Grundner (CSU) betonte zwar die "sehr wertvolle Arbeit" des Zentrums. Für die Stadt wäre es jedoch auch in finanziell besseren Zeiten nicht möglich "ein prognostiziertes Defizit" vorab auszugleichen. Ein Defizit müsse durch eine Jahresrechnung belegt werden. Im Haushalt der Stadt seien 20 000 Euro für Integrationsarbeit vorgesehen, sagte Grundner weiter, ein Teil davon sollte jedoch auch anderen Einrichtungen wie dem Verein Flüchtlingshilfe Dorfen zukommen. Der vom DZIF gewünschte Betrag von knapp 70 000 Euro übersteige außerdem "bei weitem" die Beiträge, die die Stadt Dorfen für andere wichtige Bildungseinrichtungen wie die Kreismusikschule oder die Volkshochschule zahle. Man könne deshalb nur den grundsätzlichen Beschluss fassen, dass man bereit sei, einen kleineren Zuschuss zu gewähren, "sofern ein tragfähiges Konsolidierungs- und Fortführungskonzept" vorgelegt werde.

Nachdem mehrere Stadträtinnen deutlich ausgesprochen hatten, dass das DZIF unter diesen Umstände wohl kaum zu retten sei, diskutierte der Hauptausschuss noch gut 45 Minuten in nichtöffentlicher Sitzung weiter. Am Ergebnis ändert das nichts. Die Frauen des Vereinsvorstands, die als Gäste zur Sitzung gekommen waren, hatten da schon alle Hoffnung aufgegeben und waren gegangen.

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Quelle:
SZ vom 05.03.2021
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