Geschichtswerkstatt Dorfen:Hexenprozess gegen Johann Endtgruber

Geschichtswerkstatt Dorfen: Ein Verhörzimmer im Alten Gefängnis in Freising: Der Beschuldigte kam auf den Foltertisch und wurde gequält, um ein Geständnis zu erhalten. Alles wurde fein säuberlich protokolliert.

Ein Verhörzimmer im Alten Gefängnis in Freising: Der Beschuldigte kam auf den Foltertisch und wurde gequält, um ein Geständnis zu erhalten. Alles wurde fein säuberlich protokolliert.

(Foto: Marco Einfeldt)

Im Jahr 1715 wird der Mesner und Schlossgärtner von Zeilhofen bezichtigt, mit dem Teufel im Bund zu sein. Unter Folter gesteht er alles mögliche Unmögliche. Schorsch Wiesmaier hat die alten Akten gesichtet und erzählt die ganze Geschichte in einem Vortrag.

Von Florian Tempel, Dorfen

Zumindest in einem Punkt war man absolut modern: Das ganze Verfahren, von den ersten Beschuldigungen angeblicher Zeugen, über die Verhöre des angeblichen Hexers, die obligaten Nachfragen bei übergeordneten Behörden und deren Anweisungen bis zum Urteil und seiner Vollstreckung, all das wurde fein säuberlich dokumentiert, notiert und aufgeschrieben. Dieser ausgeprägten Justiz-Bürokratie ist es zu verdanken - wenn das der richtige Ausdruck wäre -, dass man den kompletten Wahnsinn noch immer in allen Einzelheiten nachlesen kann.

Schorsch Wiesmaier von der Geschichtswerkstatt Dorfen hat es mithilfe von Joachim Wild, dem ehemaligen Direktor des Bayerischen Hauptstaatsarchivs, getan, um noch einmal die traurige Geschichte des Johann Endtgruber 300 Jahre nach seiner staatlich veranlassten Ermordung auf dem Schrannenplatz in Erding zu erzählen. Am kommenden Dienstag kann sich das jeder und jede anhören, wenn Wiesmaier im katholischen Pfarrsaal seinen Vortrag "Wie es dazu kam, dass der Mesner und Schlossgärtner Johann Endtgruber aus Zeilhofen zuerst erdrosselt und dann verbrannt worden ist" halten wird.

Die zeitliche Einordnung lässt einen erschauern. Der Hexenprozess gegen Johann Endtgruber fand in den Jahren 1715 und 1716 statt. In der europäischen Kulturgeschichte setzt man als Beginn des Zeitalters der Aufklärung um das Jahr 1700 an. Aufklärung bedeutet, dass rationales Denken als Basis für Fortschritt und Weiterentwicklung akzeptiert wurde. Isaac Newton hatte die Grundlage der modernen Physik und damit aller moderner Wissenschaft gelegt, Thomas Locke und Baron de Montesquieu hatten die Philosophie erneuert. Der zerstörerische und mörderische Glaube an Hexerei mutet da wie eine trotzige, mutwillige Regression an.

Schorsch Wiesmaier ist, wie so oft, durch aufmerksame Lektüre auf den speziellen Fall des Johann Endtgruber gekommen. Im Buch von Sigmund von Riezler "Geschichte der Hexenprozesse in Bayern" findet Endtgrubers Schicksal auf zwei knappen Seiten Erwähnung. Wiesmaier wollte mehr wissen, und da Riezler ganz ordentlich seine Quellen angegeben hatte, machte er sich bald darauf an die Arbeit, mehr zu erfahren. Die vollständigen Akten umfassen weit über 300 Seiten, die gesammelt im Stadtarchiv München lagern. Wiesmaier fotografierte jede einzelne Seite und stand dann vor einem Problem. Das war alles mit der Hand geschrieben, für ihn nicht leserlich. Ein großer Glücksfall war für ihn die Bekanntschaft zum Historiker Joachim Wild, der ihm bereitwillig half. Über viele Nachmittage las ihm Wild die alten Akten vor - er kann Handschriften lesen -, mit all ihren sonderbaren Formulierungen und den vielen lateinischen Begriffen, die er ihm kundig übersetzte und erklärte. Wiesmaier machte Tonaufzeichnungen und schrieb das Ganze bei sich zu Hause zusammen.

In monatelanger Kleinarbeit hat er es geschafft, dass er nun die vollständige Geschichte erzählen kann. Wie Schulbuben und ihr Lehrer aus Maitenbeth erst selbst der Hexerei verdächtigt wurden, und der Lehrer - wohl unter Folter - den Johann Endtgruber, Mesner und Schlossgärtner in Zeilhofen bei Dorfen, als Hexen-Lehrmeister bezichtigte. Wie dann Johann Endtgruber verhaftet wurde und unter Folter alles mögliche Unmögliche gestand: dass er mit einer Kutsche, an der statt Pferden Geißböcke angespannt waren, durch die Lüfte gefahren sei. Oder wie bei einem Hexentanz, an dem er teilnahm, verstellte Teufel auf dem Hackbrettl, dem Dudelsack und der Schalmei aufgespielt hätten.

Hexenprozess gegen Johann Endtgruber, Dienstag, 12. Dezember, 19.30 Uhr, Pfarrsaal Dorfen, Eintritt frei.

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