Süddeutsche Zeitung

Hemadlenzen-Umzug in Dorfen:Der "Winter" brennt und die Sonne kommt raus

Lesezeit: 3 min

Tausende Narren strömen bei Bilderbuchwetter zum Höhepunkt des Dorfener Faschings in die Innenstadt. Nach der Pandemie-Zwangspause ist der Ansturm noch größer als sonst.

Von Philipp Schmitt, Dorfen

Der traditionelle Hemadlenzen-Umzug als Höhepunkt der Dorfner Faschingssaison hat am Donnerstag zahlreiche Narren in die Isenstadt gelockt. Die Veranstaltung am "Unsinnigen Donnerstag" verlief wie aus dem Bilderbuch. Zum Höhepunkt drängten Tausende Narren in weißen Nachthemden in die Altstadt. Der Ansturm war nach mehr als zwei Jahren Pandemie-Zwangspause enorm: "Ein Highlight, schöner geht es gar nicht, die Stimmung war super, das Wetter toll. Es sind mehr Leute gekommen als sonst", sagte die 31-jährige Prinzessin Susanne I. "Ein krönender Abschluss der Faschings-Saison, eine super Erfahrung", fügte der 43-jährige Prinz Matthias I. an.

Dem Majestäts-Ehepaar Neumayer aus Hofkirchen hat der Umzug gut gefallen. Auch der Präsident der veranstaltenden Karnevalsgesellschaft Dorfen von 1899 (KG), Martin Pommer, zog ein positives Fazit: "Es war ein traumhaft schöner, toller Umzug. Wir sind begeistert, es ist eine Schau, dass wir nach zwei Jahren Pause wieder bei traumhaften Wetter loslegen durften." Bürgermeister Heinz Grundner fügte an, dass drei Jahre Abstinenz die Freude daran, wieder richtig feiern zu dürfen, gesteigert hätten. Unter den Besuchern waren der Bundestagsabgeordnete Andreas Lenz, Landrat Martin Bayerstorfer, Bürgermeister, Gemeinderatsmitglieder.

Als sich vor zehn Uhr Teilnehmer neben der in einem Holzkäfig gesperrten Puppe des Hemadlenzen drängten, war es noch neblig und winterlich kalt in Dorfen. Noch hatte der den Winter symbolisierende Lenz das Zepter fest in der Hand. Doch als kurz vor Mittag die Puppe binnen Minuten am Marienplatz neben der Marienstatue verbrannt und damit der Winter ausgetrieben wurde, hatte sich die Sonne als Vorbote des nahenden Frühlings durchgesetzt und für angenehme Temperaturen gesorgt.

Von allen Seiten waren die weiß gekleideten Besucher aller Altersstufen zuvor in die Innenstadt geströmt. In der Erdinger Straße setzte sich der Tross der Faschingsfans zu den Klängen der Stadtkapelle in Bewegung. Neben weißen Nachthemden gehörten bunte Ringelstrümpfe, schwarze Zipfelmützen, weiße Hauben, Ketten mit Brezen oder Rucksäcke mit Teddy-Bären zu den Utensilien der meist mit schwarzen Leitern und roten Herzen im Gesicht geschminkten Närrinnen. Auf dem Weg gab es an Ständen in der Altstadt Bier, Glühwein, Prosecco und Partymusik aus Lautsprechern.

Für junge Leute eine Party, für die älteren Besucher Erinnerung daran, wie es früher beim Umzug war. Denn den Brauch gibt es seit mehr als 100 Jahren. Für den Nachwuchs - Kinder hatten keine Schule - gab es bunte Bonbons und Gummibärchen, die aus Häusern und dem Rathaus zur Freude der Kleinen verteilt wurden. Zunächst wurde über den Johannisplatz und durch das Kirchtor in der Altstadt der Untere Markt angesteuert, wo im mit einem Narrenkonterfei bemalten Unteren Turm das Prinzenpaar "geweckt" wurde. Die ganze Altstadt war mit Narren dicht gesäumt. KG-Präsident Pommer als Vertreter der 220 Mitglieder stieg die Leiter hinauf, um an den geschlossenen Fensterläden zu den Rufen "Aufstehn!" die Tollitäten zu wecken. Zu reichlich Luftballons und Konfettisalven stieg das Prinzenpaar zum Hofstaat hinab. Immer wieder wurde dazu die Narrenhymne "Oh du Himmel auf Erden" intoniert und Walzer zu den Klängen der Stadtkapelle und der Gugga Musik der Dorfner Faschings-Deife getanzt.

In Kostas Tagescafé beobachten Besucher das närrische Treiben. Wirt Kosta war zufrieden: "Das Wetter und die Stimmung passen, es ist toll", sagte er. Der Tross zog weiter Richtung Rathaus. Dort stieg Stadtchef Grundner über die Leiter zu seinen Bürgern hinunter. Den Schlüssel für das Rathaus hatte er bereits bei der Maschkeraversammlung der KG am 13. Januar für die fünfte Jahreszeit "übergeben". Auch der Schneewalzer und Karnevalshits wie "Die Hände zum Himmel, lasst und fröhlich sein" wurden gespielt, als sich der Zug vorbei an Faschingsflaggen und Plakaten ("In der Stadt der Hemdadlenzen, soll Humor und Gaudi glänzen"; "Dorfen, die Stadt der Hemadlenzen") mit dem Prinzenpaar, KG-Präsident und Landrat an der Spitze durch die enge Bäckergasse wieder zum Unteren Markt und Richtung Marienplatz bewegte.

Kurz vor Mittag wurde der Hemadlenz im weißen Nachthemd dann zum Finale aus dem Holzkäfig gezogen und zum Jubel der Menge binnen Minuten am Galgen über dem Feuer neben der Mariensäule verbrannt. Die Puppe brannte lichterloh, war in Sekunden nur noch Fetzen - bis vom symbolisierten Winter nur noch ein Gerippe blieb und der Frühling freie Bahn hatte.

Aber auch Nachdenkliches gab es im Frohsinn: Das Aktionsbündnis "Dorfen ist bunt" hatte ein Plakat mit den Worten "Frieden und Demokratie hier und überall" an der Mariensäule zur Erinnerung an die Kriegswirren angebracht. Wer wollte, konnte nach dem närrischen Treiben in Dorfen am Unsinnigen Donnerstag noch in zahlreichen Lokalen der Stadt weiter feiern.

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