Dominikus Paulus wurde am 4. August 1802 in Dorfen als siebtes von elf Kindern in die Armut hineingeboren. Sein Vater war Gemeindediener, das Geld war knapp, Hunger begleitete ihn durch seine Kindheit. Ein Dichter, ein Poet, wollte er von klein auf werden. Aber er musste das ungeliebte Handwerk eines Schusters erlernen, um rasch für seinen eigenen Lebensunterhalt sorgen zu können.
Er hasste seine Leisten, wurde nie Meister, blieb arm und als ewiger Geselle einsam. Aber auf einer Schiefertafel in seiner Werkstatt notierte er Reime, die später auch in manchen Publikationen veröffentlicht wurden. Er gilt als einer der Pioniere, die erstmals Gedichte in bairischem Sprachstil geschrieben haben. Die Stadt Dorfen und der Historische Kreis haben nun ein altes Marterl restaurieren lassen, im Stadtpark aufgestellt und Pater Bibin hat es gesegnet. Es soll an Leben und Werk des dichtenden Schusters erinnern.
Dominikus Paulus ist in Vergessenheit geraten. Sein Grab ist verschollen, als der Friedhof an der Kirche Mariä Himmelfahrt aufgelöst und ein neuer gebaut wurde. Aber eine in das Mauerwerk eingelassene, beschriftete Steintafel am Altöttinger Tor, wo er einst seine Werkstatt hatte, erinnert noch an ihn. Darauf wird er als „Schusterpoet“ und „Dorfener Hans Sachs“ bezeichnet. Mit Hans Sachs ist der Schuhmachermeister aus Nürnberg gemeint, der als Meistersinger bekannt wurde und eine Rolle in einer Wagneroper gespielt hat. Beide waren zwar Schuhhandwerker, Sachs als Meister, Paulus als Geselle, aber auch in der Dichtkunst gibt es ein Gefälle – Paulus kann Sachs dabei nicht das Wasser reichen, der Vergleich ist geschmeichelt.
Dennoch hätte er es nicht verdient, in Vergessenheit zu geraten. Viele seiner Gedichte ranken sich zwar um profane Themen, auch ein gewisser Neid ist manchmal herauszulesen auf Menschen, die es im Gegensatz zu ihm geschafft haben, zu Wohlstand zu kommen. Paulus ist erzkonservativ, Monarchist und Kleinbürger, ein bildungsferner Schuster. Aber er schildert auch eindrücklich die Armut, in der er lebt, in anrührenden Worten aus eigener Erfahrung. Hunger, Kälte, Vorfreude auf einen Happen Essen. Ein Sittengemälde der damaligen Zeit. Hinzu kommt, dass Paulus diese Verse in bairischem Dialekt verfasst hat. Alltagssprache, die Nähe erzeugt. Und diese Erzählweise war damals neu.
„Er fühlte den Drang zur Dichtung – und musste ein eintöniges Handwerk ausüben.“
Und er kam damit an: Seine Gedichte wurden in der monarchistischen Zeitschrift „Volksbote für den Bürger und Landmann“ veröffentlicht, bei Versammlungen dieser Kreise hielt er Lesungen ab und er fand auch einen Verleger für sein Buch „Liedl im altbayerischen Sprachstil für christliche Jugendvereine“. Die Stadt und der Historische Kreis Dorfen haben diesen fast vergessenen Chronisten wieder ins Bewusstsein gerufen. Ein Marterl, das an ihn erinnerte, stand jahrzehntelang im Luitpoldpark in Dorfen, den es längst nicht mehr gibt, es rostete im Bauhof vor sich hin und wurde nun frisch restauriert im Stadtpark aufgestellt.
Franz Streibl vom Historischen Kreis hat in der Staatsbibliothek und in alten Ausgaben des „Volksboten“ über Paulus recherchiert und bei der Segnung des Marterls im Stadtpark einen kenntnisreichen Vortrag über den Poeten gehalten. Streibl konnte auch den kryptischen Vers aus der Feder von Paulus erklären, der dieses Marterl ziert: „Aber statt daß d’ Cäcilia mir die Harfn hätt gschickt, hat mir der Krispinus mit’m Pechdraht beglückt.“ Cäcilia ist nicht nur die Patronin der Kirchenmusik, sondern aller Musiker und auch der Dichter. Krispinus ist der Patron der Schuster und der Pechdraht ist ein reißfester Zwirnsfaden, der in Harz getränkt war, um damit wasserfeste Nähte für Stiefel und Schuhe zu schaffen.
Cäcilia habe ihm leider keine Harfe geschickt, um seine Gedichte mit Harfenbegleitung vorzutragen. Stattdessen habe er den Pechfaden der Schuster erhalten. „Damit drückt er die ganze Tragik seines Lebens aus“, sagte Streibl. „Er fühlte den Drang zur Dichtung, zu intellektueller Betätigung in sich – und musste ein eintöniges Handwerk ausüben.“

