Süddeutsche Zeitung

Dorfen:Avantgarde im ländlichen Raum

Die Stadt feiert zwei "Leuchtturmprojekte": Den Ausbau des Biomasse-Fernwärmesystems und ihr eigenes Glasfasernetz, das die bisher unterversorgten Außenbereiche ans schnelle Internet anschließt

Von Florian Tempel, Dorfen

Die Feier hatte ländlichen rauen Charme. Der Festsaal war eine große offene Lagerhalle, die Gäste saßen an Biertischgarnituren mit Papiertischdecken und hinter ihnen türmte sich ein riesiger Haufen brauner Hackschnitzel. Doch der Eindruck täuschte. Der doppelte Anlass machte aus dem Ganzen in zweifacher Hinsicht ein topmodernes Ereignis: Die Stadt Dorfen geht mit dem Ausbau des Biomasseheizkraftwerks ihrer Stadtwerke einen weiteren großen Schritt Richtung Klimaneutralität und durfte zugleich mit der Einweihung eines stadteigenen Glasfasernetzes in den Außenbereichen die digitale Erschließung bis in den letzten Winkel feiern.

Stadtwerke-Chef Klaus Steiner hatte allen Grund zufrieden zu sein. Beide Projekten sind "am Puls der Zeit", wie er betonte, und die Zahlen dahinter sind beeindruckend. Das bereits seit langem bestehenden Heizkraftwerk wurde um einen zweiten Block mit einer Leistung von zwei Megawatt erweitert. Zu ganz überwiegenden Teilen werden die beiden Kraftwerke mit Biomasse aus heimischen Wäldern betrieben. Neben privaten Garten- und Waldbesitzern, die Äste und andere Holzabfälle anliefern, stammt ein nicht unbeträchtlicher Anteil der zu Hackschnitzeln gehäckselten und dann verfeuerten Biomasse aus dem Nickelholz, dem Forst der städtischen Nikolaistiftung. Mit der bestehenden Anlage zusammen können die Stadtwerke Dorfen nun 3,5 Megawatt Fernwärme produzieren. Vom Heizkraftwerk aus wird die Wärme über ein Fernwärmeleitungssystem zu den Kunden geführt. Laut Angaben der Stadtwerke sind insbesondere große Teile der Dorfener Altstadt an das ökologische Fernwärmenetz angeschlossen, das kontinuierlich erweitert wird. Das neue Kraftwerk hat 1,6 Millionen Euro gekostet, wobei die Stadtwerke 300 000 Euro Technologieförderung erhielten.

Zur Beseitigung der letzten weißen Flecken ohne vernünftigen Internetanschluss sind im 100 Quadratkilometer großen Dorfener Stadtgebiet 467 Kilometer Glasfaser verlegt worden. Über das Glasfasernetz werden etwa 700 Immobilien erschlossen und circa 1000 private und gewerbliche Kunden mit schnellem Internet versorgt. Das Glasfasernetz bleibt Eigentum der Stadt, die Stadtwerke haben es nur als Betreiber gepachtet. Die veranschlagten Baukosten von 8,9 Millionen Euro wurden eingehalten und das Projekt termingerecht abgeschlossen. Der Bund übernahm mit gut vier Millionen Euro den größten Teil der Kosten und der Freistaat Bayern überwies etwa 2,8 Millionen. Der Eigenanteil der Stadt Dorfen beträgt etwas mehr als zwei Millionen Euro.

Zur Feier des Glasfasernetzes, das Steiner und Bürgermeister Heinz Grundner (CSU) mit einem Druck auf einen großen Leuchtknopf einschalteten, waren neben dem Stadtrat, der Stadtwerkebelegschaft und beteiligten Baufirmen auch der Bundestagsabgeordnete Andreas Lenz, die Landtagsabgeordnete und ehemalige Umweltministerin Ulrike Scharf sowie Landrat Martin Bayerstorfer (alle CSU) erschienen. In ihren Ansprachen lobten alle, wie gelungen und herausragend die beiden Projekte seien.

Die Biomasse-Fernwärme sei "ein Leuchtturmprojekt unserer Stadtwerke", sagte etwa Grundner. Und die nun noch einmal ausgebaute Glasfasersparte der Stadtwerke habe als "das jüngste Kind unserer Stadtwerke bestens Laufen gelernt". Und auch wenn Bund und Bayern die Kosten zum größten teil übernommen hätten, sei der Eigenanteil von 2,1 Millionen Euro für die "nicht auf Rosen gebettete" Stadt Dorfen eine ganz erhebliche Investition. Lenz lobte, dass in Dorfen Stadt, Stadtrat und Stadtrat "an einem Strang gezogen haben". Die Verwertung von Holzabfällen aus der Forstwirtschaft gefielt Lenz sehr gut. Auch die Digitalisierung des ländlichen Raums sei äußerst wichtig: "Wir brauchen schnelles Internet bis an die letzte Milchkanne." Scharf wählte als Lob ein Bonmot des ehemaligen Boxweltmeisters Wladimir Klitschko: "Wer sich nicht digitalisiert, wird ausgeknockt." Dorfen hat in dieser Hinsicht nichts zu befürchten.

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SZ vom 28.07.2021
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