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Dorfen:Auf Mäusejagd im Schnee

Einer der Störche war vergangenes Jahr bereits im Januar zurück, um in den Isenauen nach Mäusen zu suchen. Heuer haben sich beide Vögel entschieden, den Winter in Dorfen zu verbringen.

(Foto: Andreas Hartl/oh)

Die Dorfener Störche überwintern heuer Zuhause und kommen mit der Kälte gut zurecht. Allerdings hängt das Nahrungsangebot von der Witterung ab: Sie müssen ihre Beute sehen

Von Thomas Daller, Dorfen

Dorfen bangt um sein Storchenpaar: Sie sind sehr standorttreu, fliegen eher spät in den Süden und kommen meist früh zurück. Heuer sind beide zum Überwintern hiergeblieben. In der Nachbarschaft ihres Horstes stellen ihnen zwar Anwohner Schüsselchen mit Katzenfutter, Innereien und kleinen Fischchen hin und sie finden auch noch Mäuse, die sie fangen. Aber nun kommt eine weitere Kaltfront mit mehr Schnee, was ihnen die Mäusejagd erschwert. Kann sich ihr Winterquartier in Dorfen als fataler Fehler erweisen? Nein, sagt der renommierte Dorfener Naturfotograf Andreas Hartl, der zudem Mitglied des Landesbundes für Vogelschutz (LBV) ist. Kälte schade den Störchen nicht und wenn sie keine Mäuse mehr fangen könnten, würden sie ihre Reise in den Süden vielleicht doch noch antreten.

Wenn die Sonne scheint und der Himmel blau ist, kann man sie mit etwas Glück in der Thermik über Dorfen kreisen sehen: Das Dorfener Storchenpaar hat heuer auf den Winterurlaub in südlichen Gefilden verzichtet und stakst stattdessen lieber über die verschneiten heimischen Äcker und Felder, wo sie nach vorwitzigen Mäusen Ausschau halten.

Der Weißstorch als klassischer Zugvogel verbringt normalerweise das Winterhalbjahr in Afrika. Als Segelflieger meiden die Störche das Mittelmeer und fliegen entweder als sogenannte Ostzieher über Türkei, Israel und Ägypten nach Ost- und Südafrika oder sie wenden sich als Westzieher über Spanien und Gibraltar nach Westafrika. Seit einigen Jahren gibt es dabei zwei neue Trends: Ein Teil der Westzieher spart sich den Rest der Strecke und überwintert bereits in Spanien, wo heuer auch ein strenger Winter droht. Und ein Teil der Population probiert es einfach aus, ob man auch in Bayern überwintern könne.

Hartl sagte, der Termin für die Reise in den Süden hänge für die Zugvögel mit der Dauer des Tageslichts zusammen. "Und die Evolution stattet manche anders aus, bei denen der Impuls, wegzufliegen, nicht so stark ist." Sie hätten in den vergangenen Jahren von den milden Wintern profitiert. Der Klimawandel begünstige dieses Verhalten, sei aber nicht ausschlaggebend.

Die Kälte würden die Störche gut verkraften. Dem Storch als großem Vogel macht die Kälte kaum etwas aus, da er die Wärme wesentlich besser speichern kann, als kleine Singvögel wie Meise und Spatz, die immer bei uns überwintern. Sie seien eher vergleichbar mit Reihern, die auch im Winter in Bayern gut über die Runden kämen.

Maßgeblich dabei sei jedoch, dass sie genügend Nahrung finden. Und das hänge unmittelbar mit der Schneedecke und den Mäusen zusammen, die im Winter ihre Hauptnahrung seien. Die Störche würden die Mäuse auf Sicht fangen. Erst wenn die Schneedecke etwa 20 Zentimeter oder dicker sei, könnten sie die Mäuse, die im Schnee dann Gänge graben, nicht mehr aufspüren. Bei Füchsen oder Eulen, die die Mäuse im Schnee nach Gehör orten, sei das anders, aber so habe die Evolution die Störche nicht ausgestattet. Bei ihnen hat der LBV zwei Überlebensstrategien beobachtet, wenn die Schneedecke zu dick wird: Sie suchen große Gewässer wie den Bodensee auf, die nicht zugefroren sind und ernähren sich dort von Kleintieren wie Bachflohkrebsen. Oder sie treten dann doch noch den Last-Minute-Flug in den Süden an.

Hartl schließt allerdings nicht aus, dass die in Bayern überwinternden Störche in extremen Wetterlagen auch mal Pech haben könnten. Solange sie gut durch den Winter kämen, würden sie ihr Verhalten auch an den Nachwuchs weitergeben. So sei auch die Zahl der in Bayern überwinternden Störche immer mehr gestiegen. Komme es dann aber zu einem Jahrhundertwinter, "dann sind sie weg", sagte Hartl.

© SZ vom 13.01.2021
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