In Dorfen entstehen derzeit 123 Appartements, die wochenweise oder auch für ein paar Monate gemietet werden können. Zielgruppe sind etwa Handwerker, die länger in der Region arbeiten. Die Appartements sind günstiger als ein Hotelzimmer und bieten allen Komfort. Ungewöhnlich jedoch die Bauweise: Die Einheiten werden in Modulbauweise in ein mehr als 100 Jahre altes Industriegebäude eingeschoben und dort montiert. Es handelt sich dabei um das 160 mal 16 Meter große Sumpfhaus der ehemaligen Ziegelei Meindl, die 2010 stillgelegt wurde.
Der Dorfener Bauunternehmer Robert Decker, der das gesamte Meindl-Areal 2018 erworben hat, will den „Industriecharme“ einiger Gebäude dort erhalten und das Sumpfhaus als Gebäudehülle für den Appartementkomplex nutzen. Dafür waren allerdings umfangreiche Vorarbeiten nötig. Seit Anfang April werden die vorgefertigten Module eingeschoben. Der Zeitplan ist ambitioniert: 70 Module sind bereits montiert, im Herbst soll das Projekt abgeschlossen sein.
Wer sagt, er wohne in einem Sumpfhaus, muss wohl mit neugierigen Nachfragen rechnen. Denn das Sumpfhaus einer Ziegelei ist lediglich ein frostsicheres Materiallager, in dem Lehm und Ton durchmischt und mit Wasser getränkt werden, bevor der Werkstoff in die Formpressen und Brennöfen gelangt. „100 Jahre Feuchtigkeit in dem Gebäude – anfangs dachte ich, das können wir nur in die Luft jagen“, erläutert Robert Decker.
Im Zuge eines städtebaulichen Wettbewerbs für das gesamte Meindl-Areal ließ er den Zustand des Ziegelbaus dennoch prüfen. Dabei stellte es sich heraus, dass das Bauwerk sein Sumpfdasein besser überstanden hatte als erwartet: Noppenwände an den Seiten hatten direkten Wasserkontakt verhindert. Zudem besteht das Gebäude aus Vollziegeln im sogenannten Reichsformat. „Ich weiß nicht, wie die damals gebrannt haben, aber im Gegensatz zu modernen Ziegeln ziehen sie keine Feuchtigkeit“, sagt Decker. Beim Fundament war zwar stellenweise gepfuscht worden, aber nichts, was sich nicht unterfangen und beheben ließe.
Decker ließ das Sumpfhaus im Zuge des städtebaulichen Wettbewerbs in die Liste der erhaltenswerten Gebäude aufnehmen. „Es gibt nicht viel schönen Bestand beim Meindl. Das Sumpfhaus war uns wichtig, weil es eine Hommage an die Nutzung ist, die hier über hundert Jahre stattgefunden hat.“

Decker ist ein innovativer und erfolgreicher Unternehmer, der vor sieben Jahren Module aus Holz entwickelt hat, die sich in einem Baukastensystem kombinieren lassen. Sie lassen sich für Kindergärten, Schulen oder als vollausgestattete, schlüsselfertige Wohnräume mit Bad und Küche verwenden. Die Produktionshalle seines Unternehmens „Timber Homes“ befindet sich ebenfalls auf dem Areal. 50 Mitarbeiter hat das „Timber Homes“-Unternehmen. Im Einschichtbetrieb lassen sich monatlich bis zu 300 Module fertigen, im Mehrschichtbetrieb sogar bis zu 800. Diese Bauweise bot sich daher auch für das Sumpfhaus an.
Das Genehmigungsverfahren für die Nutzungsänderung zum Boardinghaus musste alle Anforderungen eines Neubaus einschließlich der Stellplatzsatzung erfüllen. Erst danach konnte der Umbau beginnen: Decker ließ ein Loch in die südliche Giebelwand reißen, groß genug für Baufahrzeuge und Module. Anschließend begannen die Erdarbeiten in der Halle. Neue Wasserleitungen mussten verlegt werden, ebenso ein neuer Abwasserkanal, Strom- und Internetanschlüsse. Ein Anschluss an das Nahwärmenetz kam hinzu und im Sommer lassen sich die Appartements auch kühlen.


In den Boden wurden Betonfundamente eingelassen, darauf Stahlträger verlegt. Sie dienen als Stützen für die Module. „Die Träger stammen von den Pfeilern der abgerissenen Biberschwanzfabrik“, sagt Decker. Recycling und Re-Use seien wichtig in der modernen Architektur.
Anfang April begann man mit dem Einbringen der Module. „Das war schon eine Challenge“, betont der Bauunternehmer. Üblicherweise werden die Module mit einem Kran platziert. Aber ein Loch in den alten Dachstuhl zu schneiden, wäre nicht infrage gekommen. Also mussten schwere Stapler die Module durch das Loch in der Giebelwand ins Gebäude bringen und zentimetergenau absetzen – und das bei einem zweistöckigen Konstrukt mit Mittelgang. Bei den Modulen rechne man mit 500 Kilogramm pro Quadratmeter, das entspreche zehn bis elf Tonnen pro Modul, erklärt Decker. Und ein Stapler sei längst nicht so wendig wie ein Kran. „Ich kenne keinen in der Branche, der das so schon mal gemacht hat“, sagte Decker. Es sei eine Premiere gewesen.
Zweifel an der künftigen Auslastung seines Boardinghauses hat der Unternehmer nicht. Der zweigleisige Bahnausbau durch Dorfen schaffe zusätzlichen Bedarf für Bauarbeiter. Zudem plant er auf dem Meindl-Areal einen neuen Stadtteil mit 700 Wohnungen: sein bislang größtes Projekt.

