Energie Absurde Situation

Die Kleinstadt Dorfen darf sich über einhundert Prozent grünen Strom freuen - und muss gleichzeitig zur Kenntnis nehmen, dass ihre erfolgreiche lokale Energiewende dennoch nichts besser macht

Von Florian Tempel, Dorfen

Dorfen hat die Energiewende beim Strom geschafft: Die gleiche Menge, die in der Stadt verbraucht wird, wird aus regenerativen Energiequellen hergestellt. Doch das Dorfener Ergebnis wird durch die allgemeine Entwicklung in Deutschland erheblich getrübt. Seit 2011 steigt in der Bundesrepublik die Produktion von Kohlestrom immer weiter an und damit auch der Ausstoß von klimaschädlichem CO₂. Es ist eine absurde Situation: Eine Kleinstadt darf sich über einhundert Prozent grünen Strom freuen und muss gleichzeitig zur Kenntnis nehmen, dass ihre erfolgreiche lokale Energiewende dennoch nichts besser macht.

Der Chef der Stadtwerke Dorfen, Karl-Heinz Figl, hat das in seinem Jahresbericht zum Geschäftsjahr 2013 ausführlich dargelegt. Auf der einen Seite steht die lokale Betrachtung: In Dorfen gab es im vergangenen Jahr elf Biogasanlagen, 661 Fotovoltaikanlagen und sechs kleine Wasserkraftwerke, die 31,6 Millionen Kilowattstunden Strom aus regenerativen Quellen produzierten. Rechnet man dazu noch den Strom aus Kraftwärmekopplung sowie einen Anteil der Energie, die von Wasserkraftwerken am Inn und Windparks in Thüringen, an denen die Stadtwerke Dorfen beteiligt, hergestellt wird, kommt man in diesem Jahr auf einhundert Prozent Öko-Strom.

Deutschlandweit beträgt der Anteil von Strom aus erneuerbaren Energiequellen nur 25 Prozent. "Wir sind wird dem Durchschnitt der Republik damit um mehr als eine Generation voraus", so Figl.

Der Stadtwerke-Chef vergisst allerdings nicht, die blanken Zahlen in einen weiter gefassten Zusammenhang zu stellen. Zum einen weist er daraufhin, dass die 100-Prozent-Quote "nur rechnerisch" erreicht werde. Damit meint er vor allem eines: Die Strommenge aus den vielen Fotovoltaikanlagen kann häufig nicht in Dorfen verbraucht werden. An richtig sonnigen Julitagen gibt es so viel Dorfener Sonnenstrom, dass er im Netz "ausgespeist" werden muss. Und da Fotovoltaikstrom nicht gelagert werden kann, braucht es nach wie vor konventionelle Kraftwerke. Da sieht es so aus: Der Anteil der Kernkraft ist seit dem Atomausstieg nach Fukushima zurückgegangen, der Anteil des Kohlestroms hingegen gewachsen.

Stadtwerke-Chef Karl-Heinz Figl sieht die deutsche Energiewende erst am Anfang eines langen und schwierigen Weges.

(Foto: Renate Schmidt)

Das Umweltbundesamt schreibt auf seiner Internetseite: "Die Stromproduktion aus Braunkohle ist in den letzten vier Jahren wieder deutlich angestiegen. Sie hat mittlerweile einen neuen Höchststand erreicht, der nur im Jahr 1990 übertroffen wurde. Auch der Einsatz von Steinkohle ist in den letzten Jahren wieder angestiegen." Der Ausstoß von CO₂ steigt dementsprechend ebenfalls an. Deutschland ist aber eh schon der größte CO₂-Produzent in Europa und fünf der zehn schmutzigsten europäischen Kohlekraftwerke stehen in der Bundesrepublik. Die Zunahme des Kohlestroms "konterkariert damit das ursprüngliche Ziel der Energiewende, möglichst wenig CO₂ bei der Stromerzeugung auszustoßen", sagt Figl.

Doch das ist nicht der einzige Kritikpunkt, den Figl zur deutschen Energiewende anführt, und der, wenn man seiner Argumentation folgt, die Freude über die einhundert Prozent grünen Strom in Dorfen ebenfalls trübt: Die Lasten der Energiewende würden "auf immer weniger Schultern verteilt". Wer sich in Dorfen oder sonstwo beispielsweise eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach seines Eigenheims installieren lasse, werde Mitglied einer "privilegierten Gruppe". Private Sonnenstromproduzenten profitierten auf Kosten ihrer Mitbürger, da sie für ihren selbst genutzten Strom keine staatlichen Umlagen, Abgaben und Netzgebühren zahlen müssen. Alle anderen, die keine Stromproduzenten sind, trügen deshalb einen höheren Anteil der Kosten der Energiewende. Figl findet dafür drastische Worte: "Die Entsolidarisierung hat einen Höhepunkt erreicht." Noch dazu sei es unsinnig, Fotovoltaikanlagen zu fördern, wenn man dennoch weiterhin konventionelle Kraftwerke für die Stromversorgung brauche.