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Der Film "Ausgrissn!":Auf der Suche nach der großen Freiheit

Rund zwei Jahre nach ihrem Start in Lengdorf läuft am 13. August bundesweit das Roadmovie von Julian und Thomas Wittmann an. "Ausgrissn! In der Lederhosn nach Las Vegas" zeigt eine nachdenkliche Reise mit zwei Mopeds über rund 12 000 Kilometer

Von Gerhard Wilhelm, Erding

Das Erdinger Weißbier kennt man fast in der ganzen Welt, die Erdinger Therme auch in ganz schön vielen Ecken. Aber spätestens nach dem bundesweiten Start des Films "Ausgrissn! In der Lederhosn nach Las Vegas" wird man wissen, dass man mit zwei alten Mopeds mit ED-Kennzeichen ziemlich weit kommen kann. Und dass die Wittmann-Brüder Julian und Thomas, die Hauptdarsteller und Produzenten des Roadmovies, ebenfalls aus dem Landkreis kommen. Premiere des Films ist deshalb am Samstag, 8 August, im Cineplex Erding in gleich drei Sälen. Die Karten dafür waren in kürzester Zeit verkauft. Bundesweiter Start ist dann am Donnerstag, 13. August.

Fast genau zwei Jahre ist es her, dass in Lengdorf die samstägliche Ruhe unterbrochen wurde. Die Wittmann-Brüder, damals schon bekannt wie die bunten Hunde in der Gemeinde, stehen in Krachlederner und Trachtenjanker am Rathaus. Julian und Thomas wollen raus aus dem Alltag der bayerischen Provinz - einfach ausreißen. Um die große Freiheit, das Abenteuer und das Glück in der Ferne zu suchen. 12 000 Kilometer - von Bayern quer durch Europa nach Antwerpen, über den großen Teich nach New York und weiter durch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ihr Ziel: die Spielermetropole Las Vegas. Aber die Strecke soll nicht mit dem Auto oder gar bequem mit dem Wohnmobil bewältigt werden, sondern mit zwei blauen Zündapps C50 Super, Jahrgang 1968 und 1969. "Alma" und "Berta" haben Julian und Thomas ihre von einem Schrottplatz geholten Gefährte getauft. Höchstgeschwindigkeit: 40 Stundenkilometer.

Auf den Spuren der Vorbilder Peter Fond und Dennis Hoper im Film Easy Rider fuhren Julian (links) und Thomas Wittmann ebenfalls auf der Route 66. Allerdings mit Zündaps nicht mit Harley Davidson Motorrädern.

(Foto: Majestic Sunseitn/oh)

Die einen finden ihre Idee "geil", andere halten sie für verrückt. Die damalige Bürgermeisterin Gerlinde Sigl lud sie damals zum Eintrag ins Goldene Buch der Gemeinde ein, die CSU-Landtagsabgeordnete Ulrike Scharf kam mit einem Trabbi nach Lengdorf. Im Gepäck je ein Kärtchen mit dem Text der bayerischen Nationalhymne und einen Christophorus, der sie schützen soll.

Für die Brüder war es einfach an der Zeit das Projekt anzugehen, da beide "wahnsinnig reisebegeistert sind und das Filmemachen lieben". "Wir dachten, warum mach ma ned moi a bisserl einen anderen Reisefilm - wir fahren mit uralten Mopeds, filmen uns ned selber, reden bayerisch, bauen Spielfilmszenen ein", sagen die Brüder. Man habe all diejenigen mitnehmen wollen, die nicht die Möglichkeit haben, aus ihrem Alltag auszubrechen. "A moi de Möglichkeit, a bisserl Entschleunigung, sich mit uns aufs Moped zu setzen und dabei Gedanken über Heimat, Ferne und eigenen Freiheiten machen." Auf ihrer 12 000 Kilometer langen Reise treffen sie die verrücktesten Typen. Sie erleben Pannen und Unfälle, kommen sich näher und spüren, was es heißt, ganz weit weg von der Heimat zu sein. Ein Kamerateam begleitete die beiden und hielt die Erlebnisse Tag und Nacht fest: hautnaher Culture-Clash, wenn sie in New York auf dem Times Square stehen, große Faszination, wenn sie die Wüste Nevadas und das gewaltige Monument Valley durchqueren und totale Erschöpfung, wenn es endlos auf dem ersten Teil der Strecke regnet oder ein der beiden Mopeds eine Schaden hat.

Auf der Manhattan Bridge verursachen sie in der Rush Hour einen Riesenstau, als es ihren Anhänger zerlegt. In Washington diskutieren sie vor dem Weißen Haus mit Dauer-Demonstranten über Macht und Demokratie. Ein ehemaliger Afghanistan-Veteran lädt sie zu einem beklemmenden Ausflug in eine "Gun Range" ein, auf der sie mit Waffen auf Zielscheiben feuern und sich wundern, wie leicht man in den USA an Waffen kommt. In Nashville folgen sie einem spendablen Musikmanager ins Aufnahmestudio, und in Tennessee tauschen sie sich mit einem Autoteile-Händler über das Reisen und das Leben aus. In New Mexico hilft ihnen ein Mitglied der Hells Angels nach einer Reifenpanne aus der Patsche und lässt sie mit einem mulmigen Gefühl zurück, weil sie nicht wussten, ob sie heil aus der Sache kommen.

Nach drei Monaten, 36 Tankfüllungen und 17 Pannen erreichen sie schließlich ihr Ziel Las Vegas. Immer wieder fragen sie sich nach dem Sinn ihrer Reise. Und Tausende Kilometer weg von Erding erkennen sie, wo sie eigentlich zu Hause sind und dass es sich in der Heimat doch gar nicht so schlecht leben lässt.

Erzählt wird der Film in einer fiktionalen Rahmenhandlung, in der die beiden nach Rückkehr in der Gastwirtschaft ihren Reisefilm vorführen wollen. Während der Film läuft, sind beiden Brüder im Gasthaus-WC, weil sie denken, dass das Vorführgerät defekt ist, und werden von der Putzfrau - gespielt von Monika Gruber - mit gut gemeinten Ratschlägen versorgt, wie "Scheißts Euch nix, dann feid Euch nix!" oder "Jeder ist seines Glückes Schmied!", während oben in der Gaststube so mancher sich fragt, ob er nicht wenigstens einmal in seinem Leben seine Träume hätte leben sollen.

© SZ vom 05.08.2020

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