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Corona in Erding:Covid-19-Kennziffer bei 182,6

Corona-Ambulanz in München, 2020

Welche Kontaktpersonen als besonders gefährdet gelten und deswegen gleich getestet werden müssen, das ist nicht für jedermann logisch nachvollziehbar, hier die Corona-Ambulanz auf der Theresienwiese in München.

(Foto: Florian Peljak)

Landratsamt reagiert auf rasant steigende Fallzahlen: Am Wochenende sollen ein weiteres Testzentrum eingerichtet und die Arbeitszeiten im Gesundheitsamt mittels externer Mitarbeiter ausgeweitet werden

Von Gerhard Wilhelm, Erding

Auch im Landkreis Erding steigen die Infektionszahlen rasant an. Über das Wochenende waren es 74 neue Fälle, Montag auf Dienstag 46 und einen Tag später sogar 62. Die Sieben-Tage-Kennziffer steigt damit auf 182,6, wie das Landratsamt mitteilt. Viele Gesundheitsämter kommen deshalb gar nicht hinterher, die Kontakte von einer positiv auf Covid-19 getesteten Person zu ermitteln und sich mit ihnen in Verbindung zu setzen, damit die Infektionskette durch Quarantänen unterbrochen werden kann. Auch am Landratsamt Erding will man nun auf die "erheblichen, bisher nie dagewesenen Fallzahlen" reagieren und für das Wochenende eine weitere Screeningstelle im östlichen Landkreis anbieten, um die Testkapazitäten auszuweiten. Auch die Arbeitszeit des Gesundheitsamtes soll erweitert werden.

Am einzigen Testzentrum des Landkreises wurden am Dienstag nach Angaben des Landratsamtes 279 Personen getestet. Insgesamt seien bisher 14 277 Tests durchgeführt worden. Derzeit gelten 265 Personen als infiziert. Im Klinikum Erding werden acht Covid-19-Patienten behandelt, drei davon auf der Intensivstation.

"Aufgrund der bisher geringen Nachfrage und der überwiegend stemmbaren Kontaktpersonennachverfolgung wurde bisher von einem Wochenenddienst für das Gesundheitsamt abgesehen. Aber man muss situationsbedingt reagieren. Natürlich sehen wir, dass die Fallzahlen hochgehen", sagt Claudia Fiebrandt-Kirmeyer von der Pressestelle des Landratsamtes, dem das Gesundheitsamt zugeordnet ist. Die Ausweitungen werde man aber nicht alleine mit Personal des Landratsamtes stemmen können. Zurzeit liefen Gespräche, aber man könne noch keine konkreten Aussagen machen. Ob Mitarbeiter aus anderen Behörden, wie zum Beispiel vom Finanzamt Bayern oder von der Bundeswehr, hinzugezogen werden sollen, wollte die Pressesprecherin nicht bestätigen. Sie sind schon in einigen Bundesländern im Einsatz, um Corona-Kontaktpersonen abzutelefonieren.

Über fehlende Ansprechpersonen von Freitagnachmittag an hatte sich unter anderem die Mutter einer Schülerin des 12. Jahrgangs am Dorfener Gymnasium beschwert. Ihre Tochter hatte am Dienstag, 27. Oktober, eine E-Mail vom Gesundheitsamt Erding bekommen, dass sie eine Kontaktperson 1 sei und am Mittwoch, 28. Oktober, um 11.15 Uhr, ins Testzentrum in Erding kommen müsse. Das Testergebnis auf Covid-19 liege spätestens nach 48 Stunden vor.

Was ihr nicht einleuchte, sei, so die Mutter, dass man ihr gesagt habe, dass zwar ihre Tochter in Quarantäne müsse, aber weder sie noch der Bruder der Gymnasiastin, obwohl alle im selben Haushalt lebten und bestimmt weitaus engeren und mehr Kontakt hätten als der infizierte Mitschüler, der ihres Wissens nach zuletzt am 19. Oktober in der Schule gewesen sei. Sie selber und ihr Sohn seien Kontaktpersonen 2, müssten nicht getestet werden und könnten weiter zur Arbeit beziehungsweise zur Schule gehen, habe es geheißen.

Laut Kirmeyer folgt das Amt damit "den aktuellen Richtlinien". Erst wenn ein Mitschüler positiv getestet werde, "werden nach den bestehenden Richtlinien die Angehörigen dieses Mitschülers zur Kontaktperson 1. Grades und unterliegen selbst der häuslichen Quarantäne". In einer Studie der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde Center for Disease Control and Prevention infiziere sich die Hälfte der Mitbewohner ebenfalls, die meisten bereits in den ersten fünf Tagen. Das bestätigen Angaben des deutschen Robert-Koch-Instituts, das von einer durchschnittlichen Inkubationszeit von fünf Tagen ausgeht.

Freitag gegen 16.15 Uhr traf dann der positive Befund für die Gymnasiastin auf der Corona Warn-App ein, was bei der Mutter leichte Panik ausgelöst habe, weil sie nicht wusste, was jetzt zu tun sei. Was vor allem sie und ihr Sohn tun müssten. Sie habe am Freitag bei der Corona-Hotline die Ansage gehört, dass die Wartezeit 114 Minuten betrage. Von Freitag, 17 Uhr, bis Montag, 8 Uhr, seien weder das Gesundheitsamt noch Hausärzte im Landkreis zu erreichen. "Man wird einfach mit seinem Problem allein gelassen. Der Virus kümmert sich jedenfalls nicht um Bürozeiten."

"Erst nach Eingang des offiziellen Ergebnisses werden die Fälle dann durch die Fallbearbeiter in der Reihenfolge des Einganges abgearbeitet", heißt es am Landratsamt dazu. Durch zusätzliche Mitarbeiter sollen die Fälle jetzt schneller abgearbeitet werden.

© SZ vom 05.11.2020

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