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Corona in Dorfen:Auf Distanz

Das gesellschaftliche Leben läuft in Dorfen auf Sparflamme: In manchen Cafes ist nachmittags jedoch fast normaler Betrieb. Parks und Spielplätze sind leer, und es ist still geworden

Seltsam ruhig ist es geworden in Dorfen. Es erinnert an einen Sonntagmorgen, wenn viele Menschen ausschlafen und die meisten Geschäfte geschlossen sind. Der Autoverkehr ist überschaubarer geworden, die älteren Leute, die ansonsten tagsüber in ihrem Mercedes oder Opel mit Tempo 30 gemütlich durch die Stadt tuckern, bleiben lieber zuhause. Lieferfahrzeuge bestimmen das Straßenbild. Die lokale Brauerei und der Getränkehandel sind mit ihren Kleinlastern unterwegs, um Tragel auszuliefern, auch der Obst- und Gemüseladen am Unteren Markt bekommt Nachschub. DHL-Fahrzeuge und der Postbote mit seinem gelben Dienstfahrrad klappern ihre Adressen ab. Polizei und ein Rettungsfahrzeug des Roten Kreuzes sind zu sehen, fahren aber ohne Martinshorn und Blaulicht. Und wenn man nach oben in den blauen Himmel blickt, sieht man auch keine Kondensstreifen mehr. Sogar der oftmals störend laute Flugverkehr über Dorfen scheint nunmehr nahezu verschwunden zu sein.

Vor den Cafes sitzen vereinzelt Menschen in der Sonne. Man unterhält sich, spricht über Ärgernisse: Die Bahn stößt einem Dorfener sauer auf. Sie lasse jeden zweiten Zug für die Pendler nach München ausfallen, so dass sie noch enger aufeinander hocken müssten. So spare sie nur Kosten und fördere die Ansteckung. Eine Sauerei sei das. Er mache jetzt Homeoffice.

Im Straßenbild fallen jetzt auch die Handwerker und Bauarbeiter auf. An eingerüsteten Fassaden wird gearbeitet, vor der Bäckerei Stelzer wird ein kleines Stück der Haager Straße asphaltiert. Normalerweise würde das ganz schnell zu einem Stau führen, aber derzeit tröpfelt der Verkehr nur.

Ein Großteil der Bürger geht diszipliniert mit der Ansteckungsgefahr um und hält sich an Vorschriftsmaßnahmen.

(Foto: Tom Daller/oh)

Die Gastwirtschaften sind beleuchtet, aber leer. Der Jakobmayer bietet per Aushang nun 30 Prozent Rabatt auf alle Getränke an; auf den Plakatständern mit den Ankündigungen von kulturellen Veranstaltungen kleben Zettel mit dem Hinweis "Abgesagt". Das Gasthaus am Markt, nach einem Wirtewechsel gerade wieder eröffnet, preist einen neuen Liefer- und Abholservice an. Das Cafe am Marienplatz ist jedoch weiterhin gut frequentiert. Mehrere Menschen sitzen nah aufeinander, kümmern sich wenig um Vorsichtsmaßnahmen. Vor der Bäckerei Brugger bilden eine Handvoll Kunden eine sehr lockere Schlange, man hält rund zwei Meter Distanz. "Abstand halten", kommentiert ein älterer Herr mit Hackelstecken das Offensichtliche.

In der Innenstadt sind vereinzelt Passanten unterwegs. Man nickt sich freundlich grüßend zu, aber weicht einander dann aus. Der sonst allgegenwärtige Ratsch beim Einkauf, für viele Alleinstehende ein wichtiger sozialer Kontakt, fällt aus. Auch in den Parks finden kaum noch Begegnungen statt. Am Isenauenpark, ein beliebter Treffpunkt spielender Kinder und Hundehalter, herrscht die meiste Zeit Leere. Nur ein paar Amseln suchen auf dem Bolzplatz nach Futter. Auch im Stadtpark sieht man nur vereinzelte Radfahrer oder Hunde mit Herrchen oder Frauchen.

Das Kino im Jakobmayer ist geschlossen.

(Foto: Tom Daller/oh)

Manche nutzen den Zwangsurlaub für Haus- und Gartenarbeiten. Hinter manchen Hecken hört man das blecherne Zittern der Laubrechen. Gelegentlich dröhnt auch der Lärm von Bohrmaschinen oder Motorsägen durch die Siedlungen. Einer putzt seinen Grill, ein anderer räumt das Schmuddeleck hinterm Gartenhäuschen auf. In den Gärten herrscht Geschäftigkeit. Der allgemeine Geräuschpegel ist jedoch trotz Bohr- und sonstiger Maschinen gesunken. Wo Wege baumbestanden sind, hört man vor allem eines: das Zwitschern der Vögel.

Überall scheint das gesellschaftliche Leben auf absoluter Sparflamme zu laufen. Lediglich bei den Discountern, die sich auf der "Galgenwiese" aneinander reihen, herrscht weiterhin Betriebsamkeit. Die Regale sind so voll, dass Hamsterkäufe absurd erscheinen. Zusätzlich stehen palettenweise Schokoosterhasen in den Gängen. An der Fleischtheke muss man einen Moment warten, bis sich die Fachverkäuferin die Hände gewaschen hat. Währenddessen unterhält sie sich mit ihrer Kollegin, ob als nächstes eine Ausgangssperre drohen könnte: "Einsperren mag ich mich nicht lassen." Im Hintergrund hört man aus dem Lautsprecher: "Dritte Kasse, bitte" - die Kunden sollen sich nicht stauen.

Cafes und Spielplätze sind wenig besucht.

(Foto: Tom Daller/oh)

An den Kassen sind Hinweisschilder angebracht: Man solle Abstand halten, möglichst bargeldlos zahlen und den Gesprächskontakt kurz halten. Und immer wieder zückt die Kassiererin eine Sprühflasche und Einwegtücher und reinigt damit ihren Arbeitsbereich. Ein exponierter Job in diesen unsicheren Zeiten.

Am Fahrradständer neben dem Laden unterhalten sich zwei Damen, Thema ist, natürlich, das Coronavirus und seine Folgen. Auch hier geht es um Italien, wo bereits Ausgangssperre herrscht und drastische Strafen bei Verstößen drohen. Die Vorstellung sei bedrückend, meint eine. "Wir kommen ja eh nicht aus", kommentiert fatalistisch die andere.

© SZ vom 20.03.2020
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