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BRK-Kreisverband Erding:Wahldebakel beim Roten Kreuz

Franz Hofstetter hat keine "monokausale Erklärung" für das Ergebnis der BRK-Vorstandswahl.

(Foto: Renate Schmidt)

Der Kreisvorsitzende Franz Hofstetter wird völlig überraschend mit 82 zu 77 Stimmen abgewählt. Der langjährige Taufkirchener Bürgermeister, aktuelle Bezirksrat und stellvertretende Landrat hatte keinen Gegenkandidaten. Am Sonntag entscheiden die Mitglieder, wie es weiter geht

Von Philipp Schmitt, Thomas Daller, Florian Tempel und Gerhard Wilhelm, Erding

Krisenstimmung und Führungsvakuum beim Kreisverband des Bayerischen Roten Kreuz (BRK): Franz Hofstetter, seit vier Jahren BRK-Kreisvorsitzender ist bei den turnusgemäßen Vorstandswahlen nicht wieder gewählt worden. Und das, obwohl er nicht einmal einen Gegenkandidaten hatte. Der Wahlausschuss hat diese völlig unerwartete Nachricht am Montagabend auf der BRK-Homepage veröffentlicht - und dabei nicht einmal Hofstetters Namen genannt: "Bei der Wahl des BRK-Kreisverband Erding wurde bei der Wahl des Vorsitzenden folgendes Wahlergebnis erzielt: 77 Ja-Stimmen, 82 Nein-Stimmen. Er verfehlte damit die absolute Mehrheit um sechs Stimmen." Die Mitglieder sollen am kommenden Sonntag, 18. Juli, von 9 bis 15 Uhr im BRK-Gebäude entscheiden, wie es weiter gehen soll mit den Wahlen.

Auch für Franz Hofstetter, langjähriger Taufkirchener Bürgermeister, aktueller CSU-Bezirksrat und stellvertretende Landrat, war der Ausgang der Wahl überraschend. Das Ergebnis habe er nicht vom Wahlausschuss erfahren, sondern online in der Zeitung gelesen, sagt Hofstetter. Er könne sich auch keinen rechten Reim darauf machen. Er habe sich 20 Jahre beim BRK engagiert, davon vier Jahre als Vorsitzender. "Wir haben viel auf den Weg gebracht, gerade im Bereich der Pflege", bilanzierte Hofstetter. Probleme seien stets in Ruhe geregelt worden. Er habe keine "monokausale Erklärung" für das Wahlergebnis. Als er vor vier Jahren gewählt worden sei, "war ich nicht der Wunschkandidat von allen". Vielleicht bestehe da noch ein Zusammenhang. "Ich kann es mir selbst nicht recht erklären." Er hätte nur für weitere vier Jahre kandidiert, um einen Übergang für die jüngere Generation vorzubereiten: "Es war schön, aber ich klebe an keinem Amt."

Von der Geschäftsführung war keine Stellungnahme zur Wahl zu erhalten, nur wie es jetzt weiter gehen soll: "Nachdem dem Vorsitzenden nur sechs Stimmen für die absolute Mehrheit fehlten, werden die BRK-Mitglieder erneut an die Wahlurne gerufen", schreibt Pressesprecherin Danuta Pfanzelt. Bereits am kommenden Sonntag können die Mitglieder darüber abstimmen, "ob die gesamte Wahl, also alle Positionen vom letzten Sonntag, auszuschreiben sind oder ob die bisher gewählten Ämter beibehalten werden und nur die Wahl des/der Vorsitzenden wiederholt wird". In jedem Fall werde ein weiterer Termin anberaumt werden. Infos für Mitglieder gibt es auf www.brk-erding.de.

Das Wahldebakel war am Freitagabend während der Mitgliederversammlung des Kreisverbands in der Stadthalle noch nicht absehbar. Hofstetter hatte nach seinem Tätigkeitsbericht überwiegend Applaus erhalten und war von Landrat Martin Bayerstorfer (CSU) für die gute Arbeit des Kreisverbands gelobt worden. Hofstetters Wiederwahl schien nur eine Formsache. Während der Versammlung gab es keinen Streit und beim Tagesordnungspunkt "Aussprache" nur eine Nachfrage, zu einer Erbschaft zugunsten des BRK-Kreisverbands.

Die Abgabe der Wahlzettel fand nicht während der Versammlung statt, sondern erst am Sonntag in der Fahrzeughalle des BRK-Kreisverbands. Die Wahlbeteiligung war sehr viel geringer als vor vier Jahren. Nur 159 Mitglieder stimmten ab. 2017 waren mehr als doppelt so viele gültige Stimmen gezählt worden. Hofstetter hat offenbar nicht genügend Unterstützer mobilisieren können. Vor der Wahl vor vier Jahren waren die Wogen bereits im Vorfeld offen hoch geschwappt. Hofstetter hatte sich damals als Nachfolger von OB Max Gotz (CSU) mit 232 Stimmen gegen Siegfried Ippisch, der 151 Stimmen erhielt, durchgesetzt.

Die BRK-Kreisverbände in Bayern werden traditionell von hochrangigen Kommunalpolitikern geführt. In Erding war das nie anders. Mit Siegfried Ippisch trat 2017 erstmals ein aktiver Ehrenamtlicher für den Vorsitz im Kreisverband an, explizit mit dem Versprechen, die Rolle der Ehrenamtlichen wieder zu stärken. Es gab damals und gibt noch immer BRK-Mitglieder, die mit dem Kurs von Geschäftsführerin Gisela van der Heijden nicht so zufrieden sind. Deshalb ist eine mögliche Erklärung für Hofstetters Wahlschlappe, dass viele BRK-Mitglieder mit ihren Nein-Stimmen gegen den Vorsitzenden vor allem ihre Unzufriedenheit mit der Geschäftsführerin zum Ausdruck bringen wollten. "Man haut den Sack und meint den Esel", beschrieb ein langjähriges BRK-Mitglied seinen Eindruck.

Hofstetter hatte bei der Mitgliederversammlung am Freitag in seinem Tätigkeitsbericht, den ihm van der Heijden vorbereitet hatte, das Positive stark betont: "Die Corona-Zeit hat uns ehren- und hauptamtliche Mitarbeiter enger zusammengeschweißt." In den vier Jahren seiner Amtszeit sei vieles auf den Weg gebracht worden. Unter anderem wurde als neues Geschäftsfeld der Zukunftssektor Pflege intensiv vorbereitet. Man müsse zudem in bessere Rahmenbedingungen für die Rettungswachen investieren, sagte Hofstetter, in Erding und Dorfen herrsche Platznot. Das BRK-Impfzentrum sei "sehr gut gelaufen". Auch im 2018 übernommenen Erdinger Frauenhaus werde gute Arbeit geleistet, ebenso im 2018 eröffneten Haus der Begegnung am Rätschenbach. 2021 ging der bayernweit einzigartige Pflegekrisendienst an den Start, der mit öffentlichem Geld durch den Landkreis und mehrere Kommunen finanziert wird. Geplant ist noch in diesem Jahr die Einführung von Tagespflege in Privathaushalten und von sogenannten Demenzpaten. Ein Misserfolg sei hingegen der rollende Supermarkt gewesen, der mangels Resonanz eingestellt wurde. Hofstetters Fazit fiel positiv aus: "Wir haben viel erreicht, die Zusammenarbeit war gut."

Eines aber fehlte in seinem Bericht: Wichtige ehrenamtliche Bereiche wie die Wasserwacht, das Jugendrotkreuz und die Sanitätsbereitschaften fanden keine Erwähnung. Das kam bei vielen wohl gar nicht gut an.

Die finanzielle Lage des Kreisverbands bezeichnete Schatzmeister Christian Berther trotz der "sehr deutlichen Umsatzeinbußen" wegen des finanziell "warmen Regens durch das Impfzentrum" als "solide". Das durchschnittliche Jahresergebnis der vergangenen vier Jahre betrage 61 000 Euro. Nur 2019 waren die Aufwendungen höher als die Erträge. Die Bilanzsumme des Kreisverbands betrug im vergangenen Jahr 4,2 Millionen Euro.

© SZ vom 14.07.2021
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