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Blasmusik gehört zur Tradition und Kultur:Bis die Wände wackeln

Spielmannszug Beyharting

Fast ein komplettes Blasorchester: 80 Köpfe zählt der "Spielmannzug Beyharting", viele davon sind jung und weiblich.

(Foto: Andrea Cardin/oh)

Der Spielmanns- und Fanfarenzug Beyharting, derzeit amtierender zweifacher Bayerischer Meister, reist zum ersten Mal zur Deutschen Meisterschaft nach Osnabrück. Ein Probenbesuch lässt durchaus hoffen

Am Ende der Probe bleibt dem einen oder anderen schon mal die Luft weg. Oder es gilt, das Instrument kurz abzusetzen, weil die Lippen so langsam spröde werden. Die rettende Wasserflasche steht gleich neben dem Notenständer, doch der Inhalt geht schon zur Neige. Da fordert der Dirigent noch einmal: "Takt 99, mit aller Kraft..." Seit über zweieinhalb Stunden sind die Musikerinnen und Musiker des Spielmanns- und Fanfarenzugs Beyharting an diesem Sonntagvormittag schon am Üben. Aber keiner will aufgeben oder Schwäche zeigen. Schließlich geht es um viel: Am 1. Juni sind Deutsche Meisterschaften in Osnabrück, zum ersten Mal hat sich die Kapelle dafür angemeldet. Deswegen es kommt es jetzt auf Kleinigkeiten an und aufs große Ganze zugleich. Also: Takt 99, mit aller Kraft... Dann fegt ein Sturm von biblischer Macht durch den Raum, es wackeln die Wände nicht nur in der Ostermünchener Turnhalle, sondern vermutlich noch in der Nachbarschaft.

Dass es in einer oberbayerischen Ortschaft eine Blasmusik gibt, gehört zur Tradition und Kultur. Dass sie aber eine rot-weiße Uniform und schwarze Schildmütze trägt, statt einer Tracht, das fällt aus dem Rahmen. In der beschaulichen Gemeinde Beyharting, Ortsteil von Tuntenhausen, dort gelegen, wo sich die Landkreise Rosenheim und Ebersberg gute Nacht sagen, ist das seit mehr als 40 Jahren so. Wobei am Anfang, 1976, ein klassischer Spielmannszug stand, wie man ihn zum Beispiel von Karnevalsumzügen aus dem Rheinland kennt, mit Trommeln und Flöten.

Dass das große Ensemble des Vereins heute in fast kompletter Blasorchesterbesetzung auftritt, ist drei Umständen zu verdanken. Zum einen, dass es eben in Oberbayern diese Tradition gibt und damit ein Bewusstsein für die nötigen Instrumente. Zum zweiten, dass gerade junge Menschen Spaß daran haben, etwas anders zu machen als die anderen. Und zum dritten einer beharrlichen und kontinuierlichen Aufbauarbeit durch die Gründer um Bernhard Schweiger, den musikalischen Leiter, und seine Frau Gabi, eine von fast 20 ehrenamtlichen Instrumentallehrerinnen und -lehrern, die sich um die großen und kleinen Musikanten der Kapelle kümmern. Denn auch das gehört dazu, dass sich eine "Musik" im Ort verankert: eine intensive Nachwuchsarbeit. Entsprechend viele junge Gesichter finden sich im 80-köpfigen Orchester, fast zwei Drittel davon weiblich.

Die Selbstverständlichkeit, mit der die beiden Schweigers beim Gespräch im Probenraum - dem inzwischen zu klein gewordenen Beyhartinger Torbogen - von dieser Entwicklung berichten, ist durchsetzt von Momenten voller unbandigem Stolz über das Erreichte. Etwa darüber, wie breit das Spektrum an Instrumenten inzwischen ist, die, wie die Uniformen, alle dem Verein selbst gehören, zum Teil dank tatkräftiger Unterstützung von Sponsoren wie der Firma Cadfem aus Grafing. Zu den Spielmanns- und Konzertflöten haben sich Saxofone aller Tonlagen gesellt, Oboen, Trompeten, Posaunen. Markantestes Merkmal aber sind vier mächtige Sousafone. "Nur von den Klarinetten lassen wir die Finger," sagt der Dirigent und lacht, "das wäre zu nahe an der Blasmusik". Und so entsteht ein eher sinfonischer Sound, wie man ihn zum Beispiel aus Filmmusiken kennt. Nicht von ungefähr ist eine der beiden Nummern für den Wettbewerb eine instrumentale Fassung des Bryan-Adams-Hits "I do it for you", Titelthema des Robin-Hood-Films mit Kevin Costner.

Vom Spielmannszug sind es nur wenige, aber umso intensivere Schritte in die Gilde der Marching Bands, der orchestralen Ballettform, wie sie die Nordamerikaner perfektioniert und die Niederländer nach Europa gebracht haben. Auch das ein Unterschied zur typischen Blasmusik: "Wir laufen nicht nur geradeaus, wir spielen auch in bewegter Formation", erklärt Gabi Schweiger. Außer in Osnabrück, da haben sich die Beyhartinger bei ihrer Premiere nur für das Standkonzert gemeldet, dafür aber in der oberen Kategorie. "Wir wollten zeigen, dass wir anspruchsvolles Material beherrschen", sagt Bernhard Schweiger. "Gleichzeitig auch noch Formation zu spielen, das war uns fürs erste Mal noch zu viel." Wobei die Teilnahme beileibe nicht vom Himmel gefallen ist: Die Aktiven im Alter zwischen acht und 59 Jahren erweitern wöchentlich in mehr als 20 Proben der verschiedenen Gruppen ihr Können, absolvieren also insgesamt im Jahr mehr als 800 Proben. Das hat seit 2007 eine ganze Reihe bayerischer Meistertitel eingebracht - und die derzeitige Doppelmeisterschaft eben die Startberechtigung in Osnabrück.

Gleichwohl steht nicht nur die Deutsche Meisterschaf den beiden Schweigers vor Augen, die inzwischen den Vorsitz im Verein an die nächste Generation abgegeben haben und sich aufs Musikalische konzentrieren. Sie sehen ein weiteres, langfristiges Ziel: "Wir orientieren uns da an einem hervorragenden bayerischen Spielmannszug, der in Militärmusikparaden und bei Tattoo-Veranstaltungen auftritt", berichtet Gabi Schweiger. "Da halten wir Kontakt, um uns weiterzuentwickeln, zum Beispiel bei den anspruchsvollen Kurventechniken. Ich weiß noch nicht, wohin uns die Reise in Zukunft führt. Aber einen Ausbau in diese Richtung traue ich unserem Nachwuchs zu." Dessen Qualität - zuletzt gab es 29 Auszeichnungen vom Landesverband für Spielmannswesen, darunter auch Dirigenten-Abzeichen - spräche schließlich für sich. Ein guter Auftritt in Osnabrück aber, da sind sie sich einig, wäre eine große Motivation, ein anfeuernder "Fanfarenstoß".