"Bier wird unterschätzt" 188 Alkoholvergiftungen in einem Jahr

Rein rechnerisch wird jeden zweiten Tag ein Patient mit Alkoholvergiftung ins Klinikum Erding eingeliefert.

(Foto: Dpa/Jens Büttner)

Laut Kaufmännischer Krankenkasse gibt es in Bayern immer mehr Rauschtrinker, im Klinikum Erding stagnieren die Behandlungszahlen auf hohem Niveau

Von Regina Bluhme, Erding

Drei Halbe Bier an einem Abend - das klingt für viele nicht nach so viel Alkohol, "aber die haben es in sich", betont Thomas Pölsterl, Leiter der Suchtberatungsstelle Prop Erding. Schließlich besitze eine Halbe genauso viel Alkohol wie drei Stamperl Schnaps. Vor kurzem hat die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) Alarm geschlagen: In Bayern gebe es immer mehr Rauschtrinker. 4400 ihrer Versicherten in Bayern wurden 2017 wegen eines akuten Alkoholrausches oder psychischer Probleme aufgrund von Alkohol behandelt. Das sind 31 Prozent mehr als vor zehn Jahren. Das Klinikum Landkreis Erding hingegen registrierte für 2018 bei den behandelten Alkoholvergiftungen einen leichten Rückgang.

Nach der Statistik des Landratamts Erding wurden im vergangenen Jahr am Kreisklinikum Erding 188 Menschen wegen einer Alkoholvergiftung stationär behandelt, das wäre rein rechnerisch jeden zweiten Tag ein Patient. Davon waren 120 Männer. Zum Vergleich: 2017 waren es 205, 2013 sogar 217. Das Durchschnittsalter lag insgesamt bei 35,5 Jahren. Die Kurve für mehr als 65-Jährige geht dabei nach unten. Waren es 2014 insgesamt 14 Fälle, so waren es 2018 neun.

Bundesweit hat die Kaufmännische Krankenkasse ein Plus von 37 Prozent bei den Rauschtrinkern festgestellt. Bayern liege mit 31 Prozent zwar darunter, aber auch das sei ein deutlicher Anstieg, so die KKH. 2017 waren deutschlandweit rund 33 500 Versicherte betroffen. Nach Auskunft der Krankenkasse sind in ihrer Untersuchung alle Versicherten jeder Altersklassen verzeichnet. Ob nun mehr jugendliche Komasäufer darunter sind oder Senioren, das wurde bei der Studie nicht unterschieden.

Wer beim Volksfest oder auf einer Party drei Maß Bier trinke, der habe eine kleine Flasche Schnaps intus, betont Thomas Pölsterl. Nur würden drei Maß Bier für viele wesentlich harmloser klingen als 18 Stamperl Schnaps. "Meiner Ansicht nach wird die Wirkung von Bier deutlich unterschätzt."

Wo liegt nun die Grenze zu schädlichem oder abhängigem Konsum? Die KKH zitiert in der Pressemitteilung die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Danach bewegen sich gesunde Frauen bereits bei mehr als 0,3 Litern Bier und gesunde Männer bei mehr als 0,6 Litern Bier pro Tag in einem "gesundheitlich riskanten Bereich".

Immer wieder und auf jeden Fall viel zu oft muss die Polizei im Landkreis alkoholisierte Autofahrer aller Altersklassen aus dem Verkehr ziehen. Nach Auskunft des stellvertretenden Erdinger Inspektionsleiters Harald Pataschitsch sehen die Zahlen für Trunken- oder Drogenfahrten in seinem Einzugsbereich fürs Jahr 2018 folgendermaßen aus: 22 alkoholbedingte Unfälle mit Verletzten, zwei Unfälle mit Verletzten wegen Drogenkonsums, 15 alkoholbedingte Unfälle ohne Verletzte, dazu kommen 51 Anzeigen für Autofahrer, die mit 0,5 bis 0,8 Promille hinterm Steuer erwischt wurden, 58 Anzeigen im Bereich über 0,8 Promille beziehungsweise über 0,3 Promille mit Ausfallerscheinungen und 52 Anzeigen wegen Fahrten unter Drogenkonsums. Dies sind allerdings nur diejenigen, die bei Unfällen oder Kontrollen verzeichnet wurden. Häufigere Kontrollen würden sicher noch mehr Fälle ergeben, "wir würden ja gerne mehr und häufiger kontrollieren, doch dafür fehlt das Personal", sagt Inspektionsleiter Anton Altmann.