Arbeiterwohlfahrt Bayern:"Es ist wichtig, dass man das richtige Werteschema mitbringt"

Lesezeit: 6 min

Nicole Schley

Seit 2014 ist Nicole Schley Bürgermeisterin von Ottenhofen. Die studierte Politikwissenschaftlerin hat früher in der Politikberatung gearbeitet, für die Regierungen in Washington und Berlin und die EU in Brüssel.

(Foto: Stephan Görlich)

Nicole Schley wird Landesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt Bayern und Chefin von 32 400 Menschen. Ein Gespräch über Chancen und Gerechtigkeit - und den Mut, einfach mal etwas auszuprobieren.

Interview von Florian Tempel

Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Bayern ist ein Großbetrieb mit fünf Bezirksverbänden, 85 Kreisverbänden, 547 Ortsvereinen und 60 000 Mitgliedern, von denen 12 400 ehrenamtlich aktiv sind. In mehr als 1800 sozialen Einrichtungen arbeiten 32 400 hauptberufliche Mitarbeiter. An der Spitze dieser großen Organisation wird bald die Ottenhofener Bürgermeisterin Nicole Schley stehen.

SZ: Frau Schley, Sie sind die designierte Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt in Bayern. Am 24. April werden Sie aller Voraussicht nach gewählt werden. Haben Sie darauf hingearbeitet?

Nicole Schley: Ich habe mich in meiner Rolle als Präsidentin der AWO Oberbayern bisher sehr wohl gefühlt. Weil man gestalten kann, als Träger von so vielen Einrichtungen wie Kindertagesstätten, Seniorenzentren, sozialtherapeutischen Einrichtungen und vielem anderen. Dort einen Neubau planen, da einen neuen Standort finden, Modernisierung und Aktualisierungen vornehmen, das hat mir sehr viel Spaß gemacht.

Sie haben das vier Jahre gemacht und nun geht es weiter nach oben. Sie werden die AWO Bayern in einer Doppelspitze führen.

Mein designierter Co-Vorsitzender, Stefan Wolfshörndl, ist als Bezirksvorsitzender von Unterfranken in Nordbayern, ich hier im Süden. So können wir die Aufgaben zum einen regional aufteilen, aber wir haben auch eine gewisse inhaltliche Aufteilung besprochen.

Die Arbeiterwohlfahrt wurde 1919 in Berlin von SPD-Politikerinnen gegründet. Sie werden die erste Frau an der Spitze der AWO Bayern sein. Das wird doch Zeit.

Ich werde tatsächlich die erste Frau an der Spitze der AWO in Bayern sein und die ehemalige bayerische Landtagsabgeordnete Kathrin Sonnenholzner die erste Frau nach Marie Juchacz an der Spitze der AWO Deutschland. Tatsächlich basiert die AWO nach wie vor auf vielen Frauen, die sich ehrenamtlich engagieren. Aber es geht nicht um die Frage, ob auch an der Spitze eine Frau stehen soll oder muss. Es geht darum, dass da jemand steht, der ein Gespür hat für all die Menschen, die im Ehrenamt und im Hauptamt bei der AWO arbeiten. Dass man versteht, was sie jeden Tag leisten und mit welchen Problemen sie konfrontiert werden. Und es ist wichtig, dass man das richtige Werteschema mitbringt. Dass einem Toleranz und Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit im Blut liegen und nicht egal sind.

Verstanden: Frau oder Mann, das ist egal - aber bei der SPD sollte man in dieser Position schon sein. Wie verlief denn Ihre sozialdemokratische Sozialisierung?

Mein Vater ist seit 45 Jahren Vorsitzender eines kleinen AWO-Ortsvereins im Saarland. Ich war als Kind bei den Haussammlungen dabei und habe mit ihm Care-Pakete verteilt. AWO-Mitglied bin ich aber tatsächlich erst vor fünf Jahren geworden. SPD-Mitglied bin ich schon seit 1989.

Welche Aufgaben werden Sie als Landesvorsitzende haben?

Unsere Aufgabe ist die generelle Förderung der Wohlfahrtspflege. Dazu gehören alle Bereiche: Wie gehen wir mit Menschen mit Behinderung um? Wie gehen wir mit unseren Senioren um? Wie wollen wir unsere Kinder erziehen? Wie stellen wir uns all das in der Zukunft vor?

Stellt die AWO dazu selber Konzepte auf?

Wir sind in vielen Gremien dabei, zum Beispiel in der Landesarbeitsgruppe der sechs großen Wohlfahrtsverbände, in der man sich mit den Vorständen von Caritas, Diakonie, Paritätischen Wohlfahrtsverband, Israelitischer Kultusgemeinde und Bayerischem Rotem Kreuz regelmäßig trifft und austauscht zu bestimmten Fragen, Kräfte bündelt. Und am Ende kommt ein gemeinsames Papier mit Empfehlungen heraus, mit dem man zur Ministerin geht oder in einen parlamentarischen Ausschuss oder zu einer Kommune. Es ist wie Politikberatung.

Sie haben Politikwissenschaft, Jura und Amerikanistik in Mainz studiert. Danach war Politikberatung für einige Jahre Ihr Beruf.

Ich habe die Regierungen in Washington und Berlin beraten und die EU-Kommission in Brüssel. Ich war nach dem Studium wissenschaftliche Assistentin an der Uni München und Teil eines Think Tank, der von der Bertelsmann-Stiftung und der Bundesregierung projektbezogen finanziert wurde. Ich war zum Beispiel im Weißen Haus, als Bill Clinton Präsident war. Die transatlantischen Beziehungen waren sozusagen meine Abteilung. Neben der Zukunft der Nato ging es bei mir auch um die Möglichkeiten der Weiterentwicklung der Europäischen Union. Politikberatung hat mir sehr viel Spaß gemacht, neue Konzepte zu denken, mal etwas ausprobieren. Es war irre spannend, mit am Tisch zu sitzen, im State Department oder in Brüssel. Manchmal war es auch frustrierend. Ich war 29, als ich in Genf vor Nato-Funktionären über die Zukunft der Nato referiert habe, die waren alle 79 plus. Man kann sich vorstellen, wie das abgelaufen ist. Ich habe aber auch sehr positive Erfahrungen. Zum Beispiel mit Joschka Fischer, als er Außenminister in der Regierung von Gerhard Schröder war. Er war einer derjenigen, die am meisten zugehört haben, wenn es um externe Expertise ging.

Das ist schon eine Zeit lang her. Sie haben in anderen Berufen gearbeitet, sind seit sieben Jahren Bürgermeisterin und kehren nun, auf dem Gebiet der Sozialpolitik, zurück in der Politikberatung?

Das reizt mich sehr. Als ich darüber nachgedacht habe, ob ich den AWO-Landesvorsitz anstreben soll, ist mir klar geworden, ich bin qualifiziert dafür. Weil ich die Ausbildung und die nötigen Erfahrungen habe. Ich habe auch richtig Lust, mich da einzubringen und im Sinne unserer Werte die Politik auf einen besseren Weg zu bringen.

Nach dem Subsidiaritätsprinzip gibt der Staat doch eh weite Felder seiner sozialen Aufgaben an die Wohlfahrtsverbände ab.

Das ist ja richtig so und prima organisiert. Aber man muss auch unbedingt miteinander sprechen, die staatliche Seite muss den Wohlfahrtsorganisationen zuhören.

Welche Themenkreise halten Sie für besonders wichtig, was wollen Sie anpacken?

Mich beschäftigen die Themen Kinderarmut, Obdachlosigkeit, Gewaltprävention und Leben im Alter sehr stark. Zu all diesen Bereichen möchte ich mich mit Experten treffen und Neues anstoßen.

Ein konkretes Beispiel?

In der Seniorenarbeit ist immer ganz wichtig, was die Bewohner wollen. Das Konzept kleiner Wohngruppen wird immer beliebter und funktioniert super. Aber man muss auch im Auge behalten, was das Personal will. Die Mitarbeiter brauchen einen technisch guten Arbeitsplatz und günstigen Wohnraum für sich selbst. In Freilassing haben wir deshalb gleich auch Wohnungen für die Mitarbeiter mitgebaut.

Gut, aber wie sieht es bei einem unkonkreteren Thema wie dem Kampf gegen Kinderarmut aus? Was kann die AWO tun?

Wir haben vor drei Jahren die Volkshilfe Österreich besucht, das österreichische Pendant zur Arbeiterwohlfahrt. Die Volkshilfe hat ein tolles Projekt zum Thema Kinderarmut ins Leben gerufen. Zuerst hat man mit einem Gutachten feststellen lassen, was braucht ein Kind, damit es am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann. Man ist auf einen bestimmten Betrag gekommen für Wohnen, Essen, Kleidung, Schule und Vereinsmitgliedschaften, diese fünf Pfeiler. Die Volkshilfe hat sich dann 20 Pilot-Familien gesucht und den Kindern das Geld übergeben. Das Ganze wurde von Sozialpädagogen begleitet, die geschaut haben, was machen die Kinder und ihre Familien mit dem Geld, was macht es mit ihnen. Da kamen faszinierende Ergebnisse heraus. Das Wichtigste war, kurz gesagt, dass sich Kinderarmut abschaffen lässt. Man müsste bei uns auch mal so ein Pilotprojekt machen, wir sind so ein reiches Land. Man muss einfach mal den Mut haben zu sagen, ja, das probieren wir jetzt auch.

Sie haben gesagt, wir sind so ein reiches Land, Sie sehen aber auch den großen Handlungsbedarf etwa bei der Kinderarmut. Brauchen immer mehr Menschen Unterstützung? Gibt es eine zunehmende Armutsklasse?

Es gibt die totale und die relative Armut. Unsere Klienten sind oft von relativer Armut betroffen. Menschen, die sich keinen Kinobesuch leisten können und kein gesundes Essen. Und von denen wir auch wissen, dass ihr Zugang zu Bildung schlechter ist, weil ihr Einkommen geringer ist. Ja: Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Wir haben immer mehr Familien, die aufstocken müssen. Die haben zwar ein Gehalt, aber es reicht nicht aus, um die Miete zu zahlen und andere Dinge zu finanzieren.

Die Bedrohung von Obdachlosigkeit wird gerade auch hier, in einer weitgehend wohlhabenden Gegend, immer mehr zum Problem. Was kann ein Wohlfahrtsverband tun?

Es ist wichtig, dass man die Leute erreicht, bevor es zu spät ist, dass sie rechtzeitig zu uns in die Fachstellen und zur Beratung kommen. Wenn die Kündigung da ist, kann man oft noch etwas machen, aber nicht mehr, wenn der Räumungsbefehl da ist. Wir begleiten die Leute, bieten ihnen Lösungsansätze an, gehen mit ihnen zum Vermieter. Solche Fachstellen müssen flächendeckend angeboten werden. Damit jeder weiß, wenn der Kündigungsbrief kommt, dort kann ich mich hinwenden.

Warum ist es so wichtig, dass es unabhängige Sozialberatung durch Wohlfahrtsorganisationen gibt, nicht nur das Sozialamt und die Jobcenter?

Weil Leute, die ihren Job oder die Wohnung verlieren oft in Scham versinken. Da ist es ganz wichtig, dass es Menschen gibt, die sagen, hey, das sehen wir uns mal zusammen in aller Ruhe an, und dann schauen wir, wie wir das wieder hinkriegen. Das erlebt man doch nicht in irgendeiner behördlichen Sozialstelle in der großen Stadt, wo du eine Nummer ziehst. Manche brauchen einfach Hilfe, menschlich und fachlich. Man muss die Menschen immer mit Respekt behandeln, ob sie behindert sind, ob sie Kinder sind, ob sie arm sind oder alte Leute. Das ist mein Leitbild.

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