Preisexplosion Gemeinden leiden unter stetig steigenden Baukosten

Die Angebote für den Bau des neuen Erdinger Rathaus lagen so extrem über den errechneten Baukosten, dass die Stadt das Projekt erneut ausschrieb.

(Foto: Renate Schmidt)
  • Nicht nur private Bauherren haben mit den steigenden Preisen in der Branche zu kämpfen, auch das Budget der Kommunen wird häufig überschritten.
  • Ein geplantes Projekt wird im Durchschnitt um die Hälfte teurer und zieht sich in die Länge.
  • Grund sind unter anderem fehlendes Fachpersonal und saisonale Engpässe.
Von Gerhard Wilhelm, Erding

Die Region München wächst und wächst. In der Folge steigen die Mieten sowie die Preise für Grundstücke und Immobilien. Der Boom hat vor etwa zwei Jahren auch die Baubranche erfasst, die Auftragsbücher sind randvoll. Die Konsequenzen spürt der Privatmann genau so wie die Kommunen: Die Preise explodieren regelrecht. Bei Ausschreibungen müssen Gemeinden oft feststellen, dass kaum Angebote zurückkommen. Und wenn, dann mit Preisen, die mitunter doppelt so hoch sind wie kalkuliert. Die Architektin Annerose Rieger hat vor kurzem in Taufkirchen gesagt, dass im Großraum München die Preise auf dem Bau derzeit jährlich um 30 Prozent steigen.

"Das mit den 30 Prozent könnte derzeit stimmen", sagt auch Josef Steinkirchner, Geschäftsstellenleiter der Gemeinde Oberding. Bis vor ein paar Jahren seien die Kosten bei der Planung noch mehr oder wenig identisch mit den späteren Endkosten gewesen. Aber auch Oberding bemerke seit 2017, dass die Preise ein wenig aus dem Ruder laufen. Nur weil die Verwaltung bei jeder Planung die Baukosten nach dem aktuellen Index aktualisiere, schaffe man bei laufenden oder gerade abgeschlossenen Projekten eine finanzielle Punktlandung. Wer dies nicht mache, erlebe eine böse Überraschung, wenn zwischen Baubeschluss des Gemeinderats und Baubeginn zwei Jahre liegen.

Baukosten

Runter damit

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Auch im Erdinger Rathaus merkt man, "dass die Baukosten spürbar steigen", sagt Pressesprecher Christian Wanninger. Bei den Ausschreibungen seien die Erfahrungen ähnlich. Beim neuen Rathaus sei das Angebot für die Baumeisterarbeiten so extrem über den errechneten Baukosten gelegen, dass man erneut ausgeschrieben habe. Die Stadt habe die Erfahrung gemacht, "dass lange Vorlaufzeiten sinnvoll sind, weil Firmen ihre Abläufe dann exakt planen und damit auch die Kosten besser kalkulieren können". Sinn mache es offenbar auch, Ausschreibungen nicht nach Baufortschritt zu starten, sondern vor Baubeginn soweit wie möglich zu bündeln. "Das reduziert das Risiko unvorhergesehener Kostensteigerungen. Außerdem versuchten unsere Experten, günstige Zeitpunkte zu erwischen, zum Beispiel im Herbst, wenn Firmen ihre Jahresplanungen aufstellen, und nicht erst im Frühjahr, wenn viele Auftragsbücher voll sind", sagt Wanninger.

Eine unliebsame Überraschung erlebte heuer die Gemeinde Wartenberg bei der Ausschreibung der Baumeisterarbeiten zur Ertüchtigung der Kläranlage. Es wurde nur ein Angebot abgegeben, und das lag um mehr als 50 Prozent über der Kostenschätzung von 966 000 Euro - bei 1,466 Millionen Euro. Der Gemeinderat hob die Ausschreibung auf. Bei der neuen Ausschreibung, bei der die Baumeisterarbeiten in Hoch- und Tiefbau aufgeteilt wurden, war das beste Angebot für den Hochbau nur etwa drei Prozent über der kalkulierten Summe, dafür lag aber das Angebot beim Tiefbau um 62 Prozent darüber.

"Wenn Sie Kostensteigerungen zwischen 20 und 50 Prozent annehmen, dürften Sie auf der richtigen Seite sein", sagt Günter Mayr von der Bauabteilung der Gemeinde Taufkirchen. Die Preise schwankten, man müsse schon viel Glück haben, um einen Preis zu erhalten, der den Kostenberechnungen nahe kommt. Auch Taufkirchen hat bei einer Ausschreibung die Erfahrung gemacht, dass nur ein einziges Angebot einging - 100 Prozent über den Kalkulationen. "Wenn man es sich zeitlich leisten kann, sollte man auch mal sagen: Dann machen wird das jetzt nicht, denn es sind schließlich Steuergelder", sagt Mayr.

"Wir machen nicht nur bei den Ausschreibungen die Erfahrung, dass Firmen kein Angebot abgeben, sondern schon auch schon vorher, dass es schwer ist, einen Planer zu finden", sagt Friedhelm Eugel, Geschäftsstellenleiter der Gemeinde Fraunberg. Die Baupreise stiegen stark seit rund zwei Jahren. "Und es wird von Monat zu Monat schlimmer."

Dass alles immer teurer wird, sehen auch Bauunternehmen, die für einzelne Gewerken Firmen suchen. "Speziell bei technischen Gewerke wie Elektro und Sanitär steigen die Kosten überdurchschnittlich. Das hängt primär mit der hohen Arbeitsauslastung zusammen, aber auch mit den schon fast jährlich steigenden gesetzlichen Anforderungen", sagt Markus Maier von der Maier Bau GmbH aus Dorfen. Die Kosten steigen ihm zufolge nicht bei allen Gewerken gleich stark. Dass die Betrieben so extrem ausgelastet seien, liege unter anderem am fehlenden Fachpersonal, das Handwerk sei unattraktiv für viele Berufseinsteiger. Zum anderen müsste für zusätzliche Arbeitskräfte auf der Baustelle auch Personal im Büro bereitgestellt werden. Das brauche Zeit und zu höheren Personal- und dadurch auch zu höheren Baukosten. "Und weil es nicht absehbar ist, wie lange die aktuelle Situation anhält, ist es für viele Firmen schlicht zu riskant, im großen Stil Kapazitäten aufzubauen", sagt Maier.