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Aying:"Erschlagen von Jemandem"

Aying, Peißer Straße, Ecken Mühlenweg, Marterl, das von einem Mord im 19. Jahrhundert erzählt,

Georg Kirner holte den Berndlbauer aus der Vergessenheit, auch wenn seine Theorie zur Mordtat offenbar nicht stimmt. Das Opfer wurde brutal erschlagen, weil es zwischen zwei Streitenden vermitteln wollte.

(Foto: Angelika Bardehle)

Der Berndlbauer von Aying starb, als er einen Streit schlichten wollte, wie eine alte Zeitungsnotiz zeigt

Von Michael Morosow, Aying

"Geliebt und unvergessen" liest man nicht selten auf verwitterten Grabsteinen, vor denen schon lange niemand mehr eine Blume hingelegt hat und Gras gewachsen ist über ein Leben. "Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt", soll einst Bertolt Brecht gesagt haben. In diesem Sinne genießt Georg Schneider, der Berndlbauer von Aying, eine Sonderstellung. Er hat sein Leben vor mehr als 196 Jahren ausgehaucht, aber an ihn und die Aufsehen erregenden Umstände seines Dahinscheidens erinnert noch heute ein Marterl, das bald nach dem Drama neben dem Tatort am Mühlenweg an der Einmündung zur Peißer Straße aufgestellt wurde. Die Inschrift lautet: "Hier gab seinen Geist auf der ehrbare Georg Schneider Berndlbauer allhier, er wurde an diesem Orte aus Rache seines Feindes erschlagen. 17.5.1824." Generationen von Wanderern haben schon inne gehalten vor dem Marterl, das den uralten Kriminalfall bis heute dokumentiert, auch mit einer bildlichen Darstellung. Sie zeigt das Opfer sterbend auf dem Weg liegend und, hinter einer Baumgruppe, den Ayinger Kirchturm und im oberen Teil Maria und das Jesuskind.

Wenn sich der Berndlbauer für einen kurzen Moment aus dem Jenseits ins Hier und Jetzt zurückmelden könnte, dann würde er wohl zuallererst zum Mühlenweg laufen und den Passus "aus Rache seines Feindes" löschen. Und vielleicht würde er auch Georg Kirner in Baldham besuchen und den 83-Jährigen Autor, Abenteurer und Weltenbummler wissen lassen, dass auch seine Vermutung der Tatumstände nicht zutrifft, er also nicht Opfer eines von langer Hand geplanten Raubüberfalls war, sondern aus ganz anderen Gründen zu Tode geprügelt wurde. Kirner, der nur einen Steinwurf vom Marterl entfernt aufwuchs und nach eigener Darstellung vom damaligen Dorfpolizisten Josef Beyer allerlei Details zum Mordgeschehen erfahren hat, war von Anfang an überzeugt , dass die Inschrift auf dem Marterl falsch sein muss. Über die von ihm aufgestellte These von einem Raubüberfall berichtete die SZ im August 2019 in ihrer Serie "Tatort Region". Die Geschichte von einem Racheakt sei nach einer Streiterei in einem Wirtshaus verbreitet worden, in dessen Verlauf ein Zecher dem Berndlbauern vorgeworfen habe, ihn über den Tisch gezogen zu haben und ihm vor versammelter Runde gedroht habe: "Dich derwisch ich schon noch einmal, dann derschlag ich dich - du weißt schon warum."

In Wirklichkeit aber sei Georg Schneider von einem Räubergesindel überfallen worden, das es auf klingende Münze abgesehen hatte, von der er nach einem Verkauf mehrerer Ochsen auf dem Viehmarkt Holzkirchen genügend in der Tasche hatte. Drei Banditen hätten dem Bauern auf dem nächtlichen Nachhauseweg aufgelauert und ihn totgeschlagen. Beweise für seine Theorie konnte Kirner freilich nicht vorzeigen, wie auch 195 Jahre nach dem grausamen Geschehen, über das man im Ort nicht mehr wusste als das, was auf dem Marterl geschrieben steht. Die mündlichen Überlieferungen der sicher großes Aufsehen erregenden Tat haben die vielen Generationen nicht überdauert, wie auch schriftliche Zeugnisse darüber zunächst nicht bekannt waren. Das erste fand sich dann doch im Archiv des Erzbistums München und Freising, ein Taufbuch der Pfarrei Aying für die Jahre 1803 bis 1851, in dem die Beerdigung des Berndlbauers dokumentiert ist: So steht unter anderem geschrieben: "Todesursache: erschlagen worden von Jemand; beschaut von Wundarzt Insinger zu Kleinhelfendorf; Tod: den 17ten May 1824 um 1 Uhr; Beerdigung: den 19ten May zu Aying; Alter: im 45sten Jahr seines Alters; beerdigender Geistlicher: Philipp Eyerschmalz, pro. tempore. Pfarrvikar." Dadurch bekam das Mordopfer wenigstens ein Gesicht.

Florian Sepp von der Bayerischen Staatsbibliothek hat es der Berndlbauer nun zu verdanken, dass seine Seele endlich Frieden finden kann. Sepp fand im Archiv einen am 7. Juli 1824 in der Ausgabe der Zeitung "Der bayerische Volksfreund" erschienen Bericht über den Mord. Jetzt weiß man: Es war alles anders, vor allem sehr grausam: "Vor Kurzem erschlug zu Aying im Landgerichte Miesbach ein Bauernknecht einen Bauersmann und Vater einer zahlreichen Familie auf die grausamste Weise. Die Veranlassung hiezu gab ein zwischen dem Knechte und seinem Dienstherrn entbrannter Streit, bey welchem der Berndlbauer als Vermittler auftreten wollte. Morgens 5 Uhr fand man den Berndlbauer in seinem Blute schwimmend mit wenigen Lebenszeichen auf der Straße; er ward zu seiner verzweiflungsvollen Familie nach Hause getragen, wo bald nachher der Tod seine entsetzlichen Leiden endete. Bey der Obduction des Leichnams hat man den Kopf auf die grausamste Art zerschmettert, und auf dem Platze, wo die That verübt worden, in der Nähe des Leichnams ein paar blutige Prügel und einen blutigen Stein gefunden. Die Untersuchung gegen den Thäter ist eingeleitet."

Aber wer war der Totschläger und wie lange wurde er dafür eingesperrt? Ein entsprechender Bericht über eine Strafverhandlung lässt sich bis heute nicht finden.

© SZ vom 13.06.2020

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