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Auszeichnung für  Hl. Blut:Gemischte Sichtweisen

Relaschülerinnen bekommen Preis für ihr "100 Jahre Freistaat"-Projekt

Die CSU-Abgeordnete Ulrike Scharf in einer Reihe mit zwei Kommunistinnen? Was sich anhört wie ein grober Irrtum, ist in einer Projektarbeit von neun Schülerinnen der katholischen Mädchenrealschule Heilig Blut zur Realität geworden - und vom bayerischen Kultusminister mit einem Preis ausgezeichnet worden. Das Projekt war ein Rückblick auf die ersten 100 Jahre des Freistaats Bayern, bei dem die Schülerinnen unter der Anleitung ihrer Lehrerin Christine Graßl die Politikerinnen Betty Landauer, Hilde Kramer-Fitzgerald und Ulrike Scharf auf preiswürdige Weise vereint haben.

Nun ist die Geschichte des Freistaats Bayern sicher nicht von Monotonie geprägt. Und warum die Welt heute so ist, wie sie eben ist, lässt sich bestimmt nicht auf das Handeln einiger weniger zurückführen. Dass aber Frauen politische Ämter bekleiden dürfen, hat seinen Ursprung durchaus in dem hartnäckigen Engagement politisch aktiver Frauen vor hundert Jahren. Was allerdings nicht heißt, dass sich Ulrike Scharf ihren Wegbereiterinnen so verpflichtet fühlen müsste, dass sie selbst bald für eine Räterepublik auf der Münchner Theresienwiese demonstrieren geht.

Die Erdinger Schülerinnen versetzten sich in ihrer Arbeit in die Lage der drei Frauen und kamen zu spannenden Ergebnissen. Aus der Perspektive von Hilde Kramer-Fitzgerald schrieben sie über den 7. November 1918: Am Friedensengel für den Sturz der Monarchie demonstrierend, hätte sie feststellen müssen, dass Kurt Eisner politisch sehr wenig raushole und dass ihm das Sozialisieren nicht wichtig sei. Ihr hingegen wäre eine Räterepublik viel lieber. Zu dem Zeitpunkt war Kramer-Fitzgerald gänzlich in das Projekt Revolution eingebunden.

Scharfs politischen Alltag wird aus Sicht der Schülerinnen viel gesitteter und bürgerlicher, aber nicht weniger stressig vorgestellt: Scharf frühstückt um 5.30 Uhr ausgiebig, weil ein langer Tag mit Ausschusssitzungen, Gespräch mit dem Ministerpräsidenten und Treffen an der Basis auf sie wartet. Ob diese Form des streng getakteten Bürokratischen den damaligen Freiheitsvorstellungen der Revolutionärinnen Landauer und Kramer-Fitzgerald entspricht? Eine Frau zu sein, macht einen natürlich nicht automatisch zur Freiheitskämpferin. Aber solange das demokratische Prinzip der Vielstimmigkeit gilt, darf wohl jeder noch so fern liegende Vergleich seine Berechtigung haben. Die Landtagsabgeordnete Scharf jedenfalls findet das Projekt "toll".