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Auf Erfolgskurs:Regionale Nähe kommt gut an

"So aktuell wie nie" sei das Tagwerk-Konzept, sagt Christian Empl, hier zusammen mit seinem Sohn Luis Böhling vor seinem Laden in Dorfen.

(Foto: Renate Schmidt)

Die Tagwerk-Genossenschaft und die Tagwerk-Läden erleben eine gestiegene Nachfrage: Mit ökologisch produzierten, fair gehandelten und im Umkreis von 100 Kilometern erzeugten Lebensmitteln liegt man aktuell voll im Trend

Die Leute kaufen Mehl und Hefe und backen Brot, probieren es zumindest mal aus. Die Leute nähen Schutzmasken, weil die sonst nur in Asien produziert werden und die Lieferketten nicht mehr funktionieren. Die Leute hoffen, dass sie gesund durch die Corona-Zeiten kommen. Wen wundert es da, dass die Tagwerk-Genossenschaft und die Tagwerk-Läden eine gestiegene Nachfrage erleben: Mit ökologisch und regional erzeugten Lebensmitteln liegt man voll im Trend.

Bei der Bio-Genossenschaft ist man sich dessen durchaus bewusst. Auf der Homepage von Tagwerk steht zum Beispiel: "In dieser Zeit des Verzichts, der sich auch in der fehlenden Verfügbarkeit mancher Produkte spiegelt, kann Tagwerk dank unabhängiger regionaler Kreisläufe die Sicherheit bieten, auch jetzt den Tisch für die Menschen zu decken, die vielleicht ein bisschen mehr als nur satt werden wollen. Zu wissen, woher ein Lebensmittel stammt, wie es erzeugt und verarbeitet wurde, wer dahinter steht, hat in Zeiten sozialer Distanz eine ganz besondere Bedeutung."

Christian Empl, der den Tagwerk-Laden in Dorfen betreibt, sieht die Sache mit weniger Pathos, kann den für ihn und seine Genossenschaft positiven Schub aber sehr wohl bestätigen. Grundsätzlich profitiere derzeit ja der gesamte Lebensmittelhandel davon, dass mehr zu Hause gegessen wird und die Menschen dementsprechend mehr einkaufen, sagt Empl. Da er seine Kunden kennt, bemerkt er aber sehr genau, wer neu in seinen Laden kommt. Die Verbindung von ökologisch und regional erzeugten Lebensmitteln, die dank dem Genossenschaftsmodell auch zu fairen Preisen für die Erzeuger gehandelt werden, "ist so aktuell wie nie". Die Corona-Krise setzte dem Aufwärtstrend, der schon im vergangenen Jahr begonnen habe, noch eines drauf. Mit dem Artenschutz-Volksbegehren "Retten die Bienen" und der durch "Fridays For Future" befeuerten Klimaschutzdiskussion sei ein ökologisch orientierter Lebenstil auch wieder eine politische Haltung geworden.

Das sieht Klaus Hutner, der Vorstand der Tagwerk-Genossenschaft, genauso: In den vergangenen Jahren habe der Aspekt gesunder Ernährung für viele Kunden im Vordergrund gestanden. Nun werde, wie in den Anfangsjahren der Öko-Bewegung, wieder die allgemeinere und politische Bedeutung stärker betont.

Die vor 36 Jahren gegründete Tagwerk-Genossenschaft gehört zu den Öko-Pionieren in Deutschland. Am 30. August 1984 war die Top-Nachricht des Tages der erste Flug der Raumfähre Discovery ins Weltall. Ein Start ins Ungewisse und ein Vorstoß in weitgehend unbekanntes Neuland fand am gleichen Tag auch im Gasthaus Zur Post in Erding statt. "Genossenschaft gegründet: Neuer Markt für naturreine Lebensmittel" titelte die Erdinger SZ zwei Tage später in heute nostalgisch anmutender Diktion. Auch im Text des damaligen Artikels finden sich die Vorsilben Bio- oder Öko- nicht ein einziges Mal. Das Ziel der Genossenschaft wurde dennoch prägnant und nach 36 Jahren noch immer gültig zusammengefasst: Verbraucher und Erzeuger hatten sich zusammengeschlossen, um "für chemisch unbehandelte Erzeugnisse aus der regionalen Produktion einen Markt zu schaffen".

Der aktuelle Vorstand der Genossenschaft ist aktuell sehr zufrieden. Es sei insbesondere die Regionalität, die bei den Kunden derzeit so gefragt sei, sagt Klaus Hutner: "Speziell die Umsätze bei Produkten unsere Regionalmarke haben zugenommen." Tagwerk habe es dabei gar nicht so einfach, als regionale Marke wahrgenommen zu werden, weil es keine geografische Entsprechung gibt, wie etwa das "Echt Erding"-Motto der von Landrat Martin Bayerstorfer (CSU) ins Leben gerufenen, aber noch nicht mit Leben erfüllten Regionalmarke für den Landkreis Erding. Die Tagwerk-Region definiere sich für ein größeres Gebiet mit einem Umgriff von etwa 100 Kilometer rund um Erding. Dass in diesem Radius gut 100 Produzenten ökologische und fair gehandelte Lebensmittel herstellen, sei aber ebenso wichtig. "Regional ohne bio hat für mich nicht unbedingt einen Vorzug", sagt Hutner.

Und was wird in den Tagwerk-Läden so richtig aus den Regalen geräumt? Reinhard Bloch, der Betreiber des Tagwerkladens in Erding sagt, da seien die Biokunden offensichtlich genau wie alle anderen: Hefe ist ausverkauft, Mehl kaum noch zu bekommen und Klopapier in Ökoversion gibt's vorerst auch nicht mehr.

© SZ vom 04.05.2020
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