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Asylpolitik:Schwieriges Zusammenleben

Sieht nett aus, ist aber äußert ungünstig gelegen: Die Unterkunft in Lindum liegt kilometerweit abseits von Dorfen.

(Foto: Renate Schmidt)

Bayern setzt auf Großunterkünfte für Flüchtlinge. Das soll Geld sparen, hat aber auch andere Folgen: Lokale Helferkreise lösen sich auf und in den staatlichen Asylheimen nehmen die Konflikte zu

Im April 2016 hat die bayerische Staatsregierung eine "Umsteuerung in der Unterbringung von Asylbewerbern" beschlossen. Soziaministerin Emilia Müller (CSU) kündigte an, wieder verstärkt auf staatliche Gemeinschaftsunterkünfte zu setzen statt auf dezentrale Unterbringung, für die die Landkreise verantwortlich sind. Das hatte Folgen: Allein im Stadtgebiet Erding sind seitdem sieben Unterkünfte geschlossen worden. Mehr als 35 Helfer haben aus diesem Grund ihre ehrenamtliche Arbeit eingestellt. Und in den staatlichen Gemeinschaftsunterkünften in Lindum und Oberding nehmen Konflikte zu.

Maria Brand von der Aktionsgruppe Asyl (AGA) findet die Schließung zahlreicher dezentraler Unterkünfte "problematisch", gerade im Stadtgebiet Erding. Denn Flüchtlinge, die in der Großen Kreisstadt arbeiten oder zur Schule gehen, haben jetzt nicht nur längere und schwierigere Anfahrtswege. Durch die Schließung der Unterkünfte in Pretzen, in St. Vinzenz, in der Wilhelm-Weindler-Straße, der Münchner Straße, der Uhlandstraße und am Rauschbergweg wird es anderswo eng. Wenn zum Beispiel in der Containersiedlung in Altenerding drei Familien in einem Raum untergebracht werden, "dann sind das inakzeptable Zustände", sagt Brand. Froh ist sie nur, dass die miserablen Container hinter dem Korbinian-Aigner-Gymnasium, die noch viel erbärmlicher als die in Altenerding waren, weg sind.

Wenn eine Unterkunft geschlossen wird, müssen die Bewohner wohl oder übel umziehen. Nicht gerade optimal für Menschen, "die ja schon alles zurückgelassen haben und dann auch in der Flüchtlingsunterkunft nicht zur Ruhe kommen". Der Grund für die zahlreichen Schließungen liegt aus der Sicht der AGA darin, dass sich die öffentliche Hand Einsparungen erhofft. Die Gemeinschaftsunterkünfte in Lindum und Oberding mit je etwa 100 Plätzen sind vom Dorfener Immobilienunternehmer Georg Scharl um- beziehungsweise aufgebaut worden. Die Mietverträge für die Großunterkünfte laufen über viele Jahre. Ein Leerstand, auch nur partiell, wäre Steuerverschwendung. In Lindum und Oberding gibt es zwar einen Verwalter, eine Hausmeister und eine Sozialarbeiterin, die ab und an vorbeischaut. Trotzdem hat Brand Zweifel am neuen Konzept: "Die Rechnung geht vielleicht nicht auf." Je mehr Menschen in einer Unterkunft sind, desto höher ist das Konfliktpotenzial.

Das kann Franz Leutner, Sprecher des Dorfener Flüchtlingshilfevereins, bestätigen. Das ehemalige Ausflugslokal Stiller in Lindum liegt zwar im Grünen, aber auch kilometerweit abseits, ohne vernünftige Anbindung an die Stadt Dorfen. Bis Ende November waren dort vor allem Familien untergebracht, mit 24 Kindern lebten dort mehr Minderjährige als Erwachsene. Anfang Dezember quartierte die Regierung von Oberbayern jedoch auf einen Schlag 17 Single-Männer ein. Eine "gedankenlose Belegung", kritisiert Leutner. Eine so große Gruppe junger Männer, die nicht arbeiten dürfen, mit den Familien zusammenzulegen, "das ist schon schwierig". Die Stimmung in der Unterkunft habe ganz massiv darunter gelitten. Noch immer sind einige Plätze in Lindum nicht belegt. Wenn demnächst weitere Bewohner kommen, wird die Situation wohl noch angespannter.

Die zweite große Flüchtlingsunterkunft im Landkreis befindet sich auf Oberdinger Gemeindeflur, haarscharf an der Stadtgrenze zu Erding und direkt neben der Flughafentangente Ost. Sie ist "rappelvoll", berichtet Andrea Hartung, die Vorsitzende des Oberdinger Helferkreises "Starke Hände". Bezogen wurde die Anlage Ende 2016 von zunächst 45 Männern. Heute sind alle 108 Plätze belegt, es sind auch einige Familien untergebracht. In den vier Containerbauten leben aktuell sechs Kinder im Alter zwischen drei und 14 Jahren. Neuzugänge, die zum Beispiel aus den Landkreisen Landshut und Bad Tölz nach Oberding verlegt wurden, erlebten erst mal einen Schock: Sie durften im Landkreis Erding plötzlich nicht mehr arbeiten. Einer habe zum Beispiel am Schliersee einen Job als Koch gehabt, berichtet Hartung, "und hier durfte er das plötzlich nicht mehr". Es sei eigenartig und schwer zu erklären, "dass die Erteilung einer Arbeitserlaubnis von Landkreis zu Landkreis so unterschiedlich gehandhabt wird".

Da aber auch Bewohnern, die in Erding schon einen Job hatten - zum Beispiel in der Therme, bei örtlichen Paketdiensten oder in Hotels -, ihre Arbeitserlaubnis entzogen wurde, sei die Stimmung in der Großunterkunft "sehr deprimiert und frustriert, was ja auch kein Wunder ist, wenn junge Männer zum Nichtstun verurteilt sind", sagt Hartung. Reibereien unter den Bewohnern kämen immer wieder vor. Eine Handgreiflichkeit zwischen einer Frau aus Russland und einer Afghanin wurde kürzlich vor dem Amtsgericht verhandelt. Die Familie der Angeklagten wohnt nun in einer anderen Unterkunft, sie habe von sich aus um eine Verlegung gebeten. Seit kurzem ist ein Security-Dienst im Haus stationiert. "Erst einmal versuchsweise für sechs Wochen", hat Hartung erfahren: "Mein Eindruck ist, dass sich gerade die Frauen sicherer fühlen, auch die Helfer." Die Betreuungsarbeit kann sehr belastend sein, "vor allem wenn man sich überfordert und alleine gelassen fühlt". Beim Oberdinger Helferkreis hat sich ein kleiner, aber fester Kreis gehalten: "Von den anfangs 50 Interessierten ist ein harter Kern von 15 geblieben."

© SZ vom 30.01.2018
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