bedeckt München 13°

Archivar aus Fraunberg:Pilze sind seine Passion

Werner Jurkeit forscht seit Jahrzehnten über Täublinge. Tausende von Exemplaren hat er mittlerweile untersucht und archiviert. Seine Enzyklopädie über die Gattung Russula wird 600 Seiten haben und sie steht jetzt kurz vor dem Abschluss

Von Regina Bluhme, Fraunberg

Seit 35 Jahren arbeitet Werner Jurkeit aus Grucking an einem gewaltigen Werk, dafür hat er gut 6500 Pilze untersucht, beschrieben und in unzähligen Kartons archiviert. In eineinhalb Jahren, so schätzt der 75-Jährige, wird sie endlich erscheinen: die Enzyklopädie über die Gattung Russula, also Täublinge. Auf 600 Seiten listet der Pilzexperte mit Spezialgebiet Heringstäublinge akribisch Fundort, Aussehen und Innenleben des Sprödblättlers ab. Auf der Suche nach ihnen ist er in ganz Europa unterwegs, vor wenigen Tagen ist der studierte Maschinenbauer von einer Tagung aus Norwegen zurückgekehrt, wo er soeben eine neue Täublingsart entdeckt hat.

"Ich bin ein Waldgeher, deshalb wohn' ich in einem Holzhaus", sagt der Pilzkundler zur Begrüßung. Seit 20 Jahren lebt er in der Ortschaft Grucking. Vor der roten Eingangstür steht passend zur Jahreszeit ein buntes Herbstgesteck, in dem ein kleiner Fliegenpilz hervorschaut. Ob giftig oder nicht, das ist für den Pilzforscher nicht die erste Frage. Ihm geht um die Bestimmung der Gattung und dabei hat er seine ganz eigene Methode.

Werner Jurkeit in seinem Büro in Grucking. Seit Jahrzehnten gilt das Hauptaugenmerk des Pilzexperten einer ganz bestimmten Gattung, den Täublingen. Mithilfe des Mikroskops fertigt er für jedes einzelne Exemplar eine Zeichnung an. Sein Wissen wird er nun in einer 600-seitigen Enzyklopädie zusammenfassen, die in etwa eineinhalb Jahren erscheinen wird.

(Foto: Renate Schmidt)

Der Weg zu seinem Büro führt vorbei an Pilzbestimmungsbildern. Im ersten Stock dann: Regale voller Bücher, auf einem Tisch liegen Plastiktütchen mit Pilzen, auf dem anderen Tisch stehen ein Mikroskop und ein Computer. Vorsichtig tupft Werner Jurkeit mit einer Pipette einen Tropfen Wasser auf den Schwammerl. Dann löst er mit einer Nadel ein winziges Stück Haut ab, gibt es auf einen Glasstreifen und tropft darauf eine rote Flüssigkeit, Kongorot heißt der Farbstoff, erklärte Jurkeit. Er drückt ein Glasplättchen darauf, dann legt er es unters Mikroskop. Während er durch die Linse blickt, zeichnet er mit der rechten Hand auf einen gelben Zettel längliche Wülste: Huthauthaare. Auf anderen Blättern hat er runde Gebilde gezeichnet, die aussehen wie kleine Kugeln mit Stacheln - die Sporen.

Im Garten wachsen ganz besondere Exemplare der Heringstäublinge.

(Foto: Renate Schmidt)

Seit 35 Jahren bestimmt Jurkeit auf diese Weise die Pilze. Mikroskopisches Zeichnen heißt seine Methode. Die Bleistiftzeichnungen überträgt er mittels eines selbst entworfenen Programms auf den Computer und hat so, wie er betont, "ein weltweit einzigartiges Werk" geschaffen. Mit dem Normalen habe ich mich noch nie abgeben wollen", sagt Werner Jurkeit und deswegen hat er sich auch ein spezielles Forschungsobjekt ausgesucht: Die Gattung Russula, die Täublinge, von denen es in Europa etwa 300 Arten gibt und weltweit rund tausend. Und davon wiederum hat er sich auf Heringstäublinge spezialisiert, die tatsächlich nach Hering riechen, gebraten einen leichten Krabbengeschmack haben sollen und von denen es etwa zehn bis 30 Varietäten gibt. "Ihre Erforschung ist besonders anspruchsvoll", sagt Jurkeit. "Sie können nämlich alle Farben haben von rot, grün, blau, gelb bis Schwarz oder weiß", erklärt der Pilzkundler. Da müsse man eben schon ganz genaues Wissen haben und auf akkurate Analyse achten.

Professionelle Institute setzen bei der Pilzbestimmung inzwischen auf die DNA Analyse, die aber laut Jurkeit auch durchaus fehlerhaft sein kann. Er ist überzeugt, dass seine Methode der Mikroskopzeichnungen absolut aussagekräftig ist. Seine Monografie, an der er seit 35 Jahren arbeitet, soll 600 Seiten mit 200 mikroskopischen Tafeln enthalten, dazu kommen 200 Seiten Text und bis zu 200 Seiten mit Fotos. Ein Werk, das "weltweit einmalig" sei, betont Jurkeit. In eineinhalb Jahren soll das Werk erscheinen, im Selbstverlag und in einer Auflage von 1000 Stück.

Heringstäublinge sind das Spezialgebiet von Werner Jurkeit.

(Foto: Renate Schmidt)

Der Pilzexperte aus Grucking hat schon mehrere Beiträge für Täublinge in Fachzeitschriften veröffentlich. Regelmäßig besucht er Tagungen, erst kürzlich war er auf einem internationalen Kongress von Pilzexperten in Norwegen. Von dort hat er wieder Pilze mitgebracht, darunter ein Exemplar "mit einer Sporenform, die es so noch nicht gegeben hat", erzählt Jurkeit strahlend. Hier ist der Pilzexperte wieder echt gefordert. Auf einem langen Tisch in seinem Büro liegen unzählige kleine Plastiktütchen aufgereiht. Darin die neuesten Funde aus Norwegen. Jeder Pilz wird einzeln abgepackt. Seine Funde lagert Jurkeit in Schuhkartons, alle von der gleichen Schuhmarke, die passe von der Größe am Besten, erklärt Jurkeit. Er hole sie sich immer in einem Erdinger Laden, "die kennen mich da schon".

Aufgewachsen ist Werner Jurkeit in Thüringen. Als Kind habe er die Mutter beim Brennholzsuchen im Wald begleitet und natürlich dabei auch Pilze gesammelt. Einmal hätten sie die kleinen braunen Exemplare einem bekannten Pilzkenner vorgelegt. Alles giftig, so habe sein Urteil gelautet. "Trotzdem wurden die Pilze von Oma zubereitet", erzählt Jurkeit. Und ohne Probleme gegessen. So kann man sich täuschen, und das kann auch der Wissenschaft passieren. Jurkeit wurde in den vergangenen Jahren gebeten, die Revision von Täublingsaufsammlungen im Münchner Staatsherbar zu übernehmen. Dabei geht es unter anderem darum, Arten aus Neuesseland, Australien oder Papua Neuguinea voneinander abzugrenzen, keine leichtes Unterfangen.

Im Büro von Jurkeit stapeln sich Funde.

(Foto: Renate Schmidt)

Als Werner Jurkeit anfing, sich mit den Pilzen zu beschäftigen, war das zunächst als Entspannung zu seinem Beruf gedacht. Für den studierten Maschinenbauer mit eigener Firma entwickelte sich das Hobby zur Passion. Über die Zusammenarbeit mit dem Pilzexperten Alfred Einhellinger sei er in die Gattung der Täublinge eingestiegen. Seit dem Tod Einhellingers 1999 macht er alleine beim Thema Russula weiter. Studienreisen führten ihn von Südtirol bis zu den Ostfriesischen Inseln, nach Holland und Polen. In Fachzeitschriften sind Expertisen von Werner Jurkeit erschienen. Einige Täublingsarten tragen sogar den Namen Jurkeit als Autor im Namen, zum Beispiel gibt es "Russula columbicolor Jurkeit &Herches".

Auch wenn Werner Jurkeit vor allem wissenschaftlich an Pilzen interessiert ist, stehen doch jedes Jahr "zwei bis vier Leute mit einem großen Korb in seiner Tür". Da berate er dann natürlich. "Das macht ja auch Spaß", sagt er. In der Erdinger Stadtapotheke sei auch noch immer seine Adresse für Notfälle hinterlegt. "Wenn sie mich anrufen, dann helfe ich gerne."

Erst vor Kurzem ist der Pilzkundler Werner Jurkeit in seinem eigenen Garten auf einen für ihn ungewöhnlichen Fund gestoßen. Vor zwanzig Jahren hat er eine fünfblättrige Kiefer eingesetzt, diese Art wächst normalerweise in über zweitausend Metern Höhe. Im Wurzelwerk muss sich ein Pilz befunden haben, denn seit drei Jahren wachsen Zirbelröhrlinge wie wild in seinem Garten. Schwammerl aus dem Hochgebirge tummeln sich im Gruckinger Land - "das dürfte hier in der Region einmalig sein".

© SZ vom 02.11.2019
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema