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Archäologie in Erding:Sand im Getriebe

Beim Pressetermin im Mai 2019 in der Kiesgrube von Josef Kaiser: Norbert Piller (rechts) und Uli Schlitzer vom Planateam Archäologie.

(Foto: Renate Schmidt)

Wissenschaftler vermuten unter der Kiesgrube von Josef Kaiser eine Therme. Sie würden gerne weitergraben, doch der Erdinger Unternehmer steht den Plänen skeptisch gegenüber. Ihn ärgert, dass er die Bodenuntersuchungen selbst bezahlen muss

Von Regina Bluhme, Erding

Einen Sensationsfund meldete Erding im Mai 2019: In dem Abbaugebiet der Kaiser Kies und Sand GmbH in Eichenkofen fanden sich klare Indizien für ein römisches Thermengebäude. Vor kurzem haben die Archäologen die Grabungen beendet. Sie sind sich zwar noch immer nicht hundertprozentig sicher, haben aber weitere Hinweise entdeckt. "Jetzt bin ich dann Besitzer der ,Kaiser-Therme' - aber stolz bin ich nicht drauf", sagt Kiesgrubenbesitzer Josef Kaiser. Der Unternehmer ist wenig begeistert, dass er die Kosten für die Grabungen aus eigener Tasche bezahlen muss. Bis zu einem fünfstelligen Betrag komme da zusammen, und deswegen fordert Kaiser, dass sich der Staat an den Kosten beteiligen soll. Der CSU-Stadtrat will sich für eine Gesetzesänderung einsetzen. Wann, wie und ob die Grabungen im Bereich des vermuteten Sensationsfunds weitergeführt werden können, das hängt jetzt von den Abbauplänen von Josef Kaiser ab - dieser ist noch unentschlossen.

Wer im Landkreis Erding bauen will, der sollte wissen: Unter dem Grundstück schlummern höchstwahrscheinlich jahrtausendalte Artefakte. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege hat einen Atlas ins Internet gestellt, der alle Bodendenkmäler rot markiert. An manchen Stellen ist in der Erdinger Region ein durchgängig rotes Band zu erkennen. Laut Bayerischem Denkmalschutzgesetz muss ein Bauherr immer dort, wo bereits ein Bodendenkmal bekannt oder zu vermuten ist, eine sogenannte denkmalschutzrechtliche Erlaubnis bei der Unteren Denkmalschutzbehörde beantragen, in dem Fall beim Landratsamt Erding. Den Auftrag für die Grabungen erteilt offiziell der jeweilige Bauherr. Weil der Eingriff in den Boden zugleich die Zerstörung des Denkmals bedeute, müssen die Bauherren auch die Kosten für die notwendigen archäologischen Ausgrabungen übernehmen.

So sieht es der Denkmalschutz vor. Josef Kaiser ist dagegen überzeugt: Müsste sich der Staat an den Grabungskosten beteiligen, dann sähen die Gesetzestexte anders aus. Die aktuelle Gesetzeslage sei "für den Staat ein komfortable Lösung", schließlich bezahlten die Bauherren die privaten Grabungsfirmen. Er will sich jetzt "auf politischer Schiene" für eine Gesetzesänderung einsetzen. Und überhaupt: Die Fundstücke seien sein Eigentum, und wenn sie zum Beispiel an Museen geben sollten, dann solle der Staat die Artefakte dem Eigentümer abkaufen, "ich würde sie zum Selbstkostenpreis hergeben", sagt Kaiser.

Das Fundgut gehört laut Gesetz je zur Hälfte dem Entdecker und dem Eigentümer des Grundstücks. Zur Erstversorgung kommen die Funde zunächst in die Werkstätten des BLfD. Dort werden sie untersucht und konserviert. Danach erhält sie der Eigentümer zurück. Er muss aber für eine fachgerechte Lagerung Sorge tragen. Einer der aufsehenerregendsten Funde, der Spangenbarrenhort aus Oberding, hat es bis zur Ausstellung nach Berlin geschafft und ist jetzt als Schenkung im Museum Erding ausgestellt.

Mitte Mai vergangenen Jahres gab es auf dem Gelände von Kaiser Kies und Sand einen Pressetermin. Eine Drohneaufnahme hatte eine außergewöhnliche Ansicht geliefert: mehrere engbeieinanderstehende Gebäudeumrisse. Das Grabungsteam entdeckte Grundrisse von steinernen Gebäuden mit Schürkanälen und einer Apsis, alles zusammen typische Indizien für ein römisches Badehaus aus dem 2. bis 3. Jahrhundert. Ob sich der im Mai 2019 verkündete Sensationsfund "Thermengebäude" doch noch verifizieren lässt, ist derzeit ungewiss. Grabungsleiter Uwe Schlitzer hat bis Anfang Oktober diesen Jahres den Boden untersucht. Vieles weise auf eine Therme hin, so Schlitzer. Gefunden haben er und das Grabungsteam weitere Siedlungsreste der römischen Kaiserzeit, "grob gesagt aus dem ersten bis dritten Jahrhundert nach Christus", so Schlitzer. Diese Reste stammten wahrscheinlich von einer römischen Villa rustica, also einem römischen Landgut.

Auf dem Gelände von Josef Kaiser wurden laut Schlitzer bis Oktober "vornehmlich" verschieden große Siedlungsgruben entdeckt, die unter anderem als Vorrat-, Brand- oder Abfallgruben dienten. Zudem wurde ein Fundament aus Tuffstein freigebuddelt, das zu einem steinernen Gebäude gehörte. Hier kam dann ein noch teilweise erhaltenes Hypokaustum zum Vorschein, also eine antike, römische Fußbodenheizung. Gefunden wurden außerdem noch Tierknochen, Gebrauchskeramik, Nägel sowie Relikte eines typischen römischen Tafelgeschirrs. "Recht sicher" kann laut Uwe Schlitzer aber doch von einer "als kleine Therme anzusprechenden Anlage" ausgegangen werden.

Das Projekt ist jetzt fürs erste abgeschlossen. Uwe Schlitzer und sein Team würden gerne weitergraben, hängen aber jetzt ein wenig in der Luft. Wann, wie und ob es weitere Bodeneingriffe geben wird, die einer archäologischen Begleitung bedürfen ist derzeit nämlich unklar. Im Moment sei er noch unentschlossen, ob er den angrenzenden Teilbereich noch bearbeiten werde, sagt Kaiser. Dieser sei ohnehin nur sehr klein und daher sei es fraglich, ob sich der Aufwand lohne.

© SZ vom 01.12.2020
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