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Archäologie in Erding:Aus gleichem Erz wie die berühmte Himmelsscheibe

Der Oberdinger Spangenbarrenschatz gesellt sich leihweise nach Halle zur Himmelsscheibe von Nebra. Dort findet eine einzigartige Landesausstellung in Kooperation mit dem British Museum statt

Von Thomas Daller, Erding

Ein Teil des Oberdinger Spangenbarrenfunds geht wieder auf die Reise. Diesmal nach Halle, zum Landesmuseum für Vorgeschichte. In Kooperation mit dem British Museum in London wird dort eine Landesausstellung zur Himmelsscheibe von Nebra gezeigt. Zu sehen sind hochrangige und zum Teil noch nie in Deutschland gezeigte Objekte von mehr als 50 Leihgebern aus 15 Ländern und in exklusiver Gestaltung in Szene gesetzt. Zu ihnen gehören zum Beispiel das goldene Cape von Mold (Wales), der Goldhut von Schifferstadt und reiche Grabfunde aus Mykene. Die Objekte umfassen einen Zeitraum von 1400 Jahren Menschheitsgeschichte und illustrieren Reichtum und Vielfalt der Vorgeschichte. Und mittendrin die Spangenbarren, das Zahlungsmittel dieser vormonetären Zeit.

Spangenbarren Reportage Landesamt Denkmalpflege München

2014 wurden die Spangenbarren bei Grabungen in Oberding entdeckt.

(Foto: Mathias Weber/dpa)

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Schirmherrschaft der Landesausstellung übernommen, in deren Mittelpunkt die Himmelsscheibe von Nebra steht. Die Himmelsscheibe, eine 3700 bis 4100 Jahre alte, kreisförmige Bronzeplatte mit Applikationen aus Gold, ist die älteste bisher bekannte konkrete Himmelsdarstellung. Das Artefakt aus der frühen Bronzezeit Mitteleuropas zeigt astronomische Phänomene und religiöse Symbole. Raubgräber haben sie im Juli 1999 mit einem Metallsuchgerät im Wald auf dem Mittelberg in Sachsen-Anhalt gefunden und an einen Hehler verkauft. Damit begann ein abenteuerlicher Krimi der deutschen Archäologie-Geschichte. Schließlich landete sie dann doch im Landesmuseum in Halle und löste dann einen Expertenstreit aus: Handelt es sich um einen sensationellen Jahrhundertfund oder um eine geniale Fälschung? Nach fast zwei Dutzend Untersuchungen geht man nun davon aus, dass sie zu "99 Prozent" aus der Bronzezeit stammt. Harald Meller, Museumsdirektor in Halle, hält sie für ebenso bedeutend wie das Grab des Tutanchamun oder den "Ötzi". Auch die Deutung der Scheibe gilt als geklärt: Bei der Darstellung soll es sich um den Mond und den Sternhaufen der Plejaden handeln, die zum Sternbild Stier gehören. Wenn im März der Mond in Konjunktion mit den Plejaden stand, war er eine schmale Sichel kurz nach dem Neumond. Im Oktober war bei einer etwaigen Konjunktion der Mond voll. Damit könnte die Himmelsscheibe für die Bestimmung des bäuerlichen Jahres von der Vorbereitung des Ackers bis zum Abschluss der Ernte gedient haben.

Spangenbarren Reportage Landesamt Denkmalpflege München

Sie dienten nicht nur Schmieden als Rohstoff, sondern das Kupfer war auch eine vormonetäre Währung.

(Foto: Matthias Weber/dpa)

Eine Sensation war auch der Spangenbarrenfund: Entdeckt wurde der Hort im Frühjahr 2014 vor dem Bau eines Wohnhauses am südlichen Ortsrand von Oberding. Da der Bauplatz innerhalb eines bekannten Bodendenkmals in Form einer Siedlung der frühen Bronzezeit lag, erfolgte vor dem Bau eine archäologische Untersuchung des Baugrundes. Dabei fand sich der Hort in etwa 1,3 Meter Tiefe. Spangenbarren gelten als bronzezeitliche Tauschgrundlage und als das älteste Primitivgeld. Sie sind Rohmaterialstücke, die für die Weiterverarbeitung bestimmt sind. In Oberding fand man 71 Bündel von je zehn Stangen aus Kupfer, zwei Bündel von zwölf Stangen und jeweils ein Bündel von acht und elf Stangen. Der Rest von rund 40 Stangen konnte keinen Bündeln zugewiesen werden. Das Kupfer hat ein Gewicht von 82 Kilogramm. Auffällig an den Bündeln ist die Zahl 10, da die rund 100 Gramm schweren Barren im Zehnerbündel etwa ein Kilogramm wiegen. Dies ist ein Hinweis darauf, dass das Dezimalsystem eine Rolle spielte.

Himmelsscheibe von Nebra in Halle ausgestellt

Die Spangenbarren und die Himmelsscheibeverbindet nicht nur das Zeitalter, sondern auch eine gemeinsame Herkunft.

(Foto: Matthias Weber/dpa)

Himmelsscheibe und Spangenbarren sind aber nicht nur Zeitgenossen, denn die Bronzeplatte, die aus Kupfer und Zinn besteht, enthält Kupfer, das aus einem Bergwerk in Mitterberg im Salzburger Land gefördert wurde. Die Spangenbarren bestehen aus Kupfer, das im Inntal, im heutigen Slowakien und eben auch in jenem Bergwerk bei Mitterberg gefördert wurde. Die Spangenbarren von Oberding werden daher bei der Landesausstellung im Kontext der Rohstoffe gezeigt, aus denen die Himmelsscheibe hergestellt wurde.

Das Zinn der Himmelsscheibe stammt aus Cornwall. Zinn war damals sehr begehrt, weil durch dessen Zugabe bei der Schmelze des reichlich vorhandenen weichen Kupfers die härtere Bronze entstand. Das sorgte in der Bronzezeit für einen florierenden Handel zwischen Kontinentaleuropa und dem Süden von England.

Das Leben in der Bronzezeit war aus heutiger Sicht kein Ponyhof, aber es war auch eine Blütezeit der Metallurgie mit Spangenbarren als früher Währung, weitgehend offenen Grenzen und einem großen Bedürfnis nach Kunst und Kultur. Dieses Bild der Vorgeschichte soll auch die Landesausstellung vermitteln, zu der man die prachtvollsten Stücke aus dieser Zeit zusammengetragen hat. "Die Ausstellung behandelt die Zeit zwischen 2800 und 1500 vor Christi. Im Vordergrund stehen die weitreichenden Kontaktnetzwerke besonders im frühen zweiten Jahrhundert vor Christi, die nicht nur für den Austausch und Transport von Objekten, sondern auch von Ideen und Kenntnissen entscheidend waren. Diese reichten offenbar von Mitteleuropa sogar bis in den Vorderen Orient. Ein Produkt dieser Fernkontakte stellt die Himmelsscheibe von Nebra im Zentrum der Ausstellung dar, die Wissen aus dem Vorderen Orient und aus Ägypten enthält und aus Rohstoffen aus verschiedenen Regionen Europas besteht", fasste der stellvertretende Landesarchäologe Alfred Reichenberger die Intention der Ausstellung zusammen.

Die Menschen seien schon damals gereist und hätten über weite Strecken Handel betrieben, betont auch der Leiter des Museums Erding, Harald Krause. Sie hatten Muße, Lust an Kultur und Sinn für das Schöne. Krause freut sich schon, die Ausstellung besuchen zu können, obwohl er den Eröffnungstermin am 4. Juni für etwas gewagt hält. Ob dann schon Besucher strömen dürfen, sei dahingestellt, aber ein Besuch im Spätsommer oder im Herbst liege im Bereich des Möglichen. Immerhin dauere die Ausstellung bis einschließlich 9. Januar 2022.

© SZ vom 30.04.2021
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