Arbeitsmarkt Spezialisten ohne Anstellung

Obwohl es im produzierenden Gewerbe 175 offene Stellen gibt, suchen 204 Personen in diesem Bereich eine Stelle. Viele haben zwar besondere Kenntnisse, doch die sind oft nicht mehr gefragt

Von Julia Kainz, Erding

1 718 Menschen sind im Landkreis Erding im Januar 2019 arbeitslos gemeldet gewesen, wie aus den aktuellen Statistiken der Agentur für Arbeit hervor geht, das entspricht 2,1 Prozent. Gleichzeitig gibt es jedoch viele freie Stellen. Trotzdem finden Arbeitgeber und arbeitslose Arbeitnehmer nicht zusammen, uns das liegt unter anderem an immer weiter steigenden Anforderungen. Im produzierenden Gewerbe sind 204 Menschen arbeitslos gemeldet, 175 Stellen sind offen. Auch im Bereich Gesundheit, Soziales, Lehre und Erziehung decken sich offene Stellen und Arbeitslosenzahl fast: Dort gibt es 132 Arbeitslose und 119 offene Anzeigen.

"Angebot und Nachfrage decken sich nicht", sagt Kathrin Stemberger von der Pressestelle der Arbeitsagentur. Zum einen sei das darauf zurück zu führen, dass die Kategorien sehr viele verschiedene Berufe beinhalten. Unter der Kategorie Verkehr, Logistik, Schutz und Sicherheit fallen Berufe in der Lagerwirtschaft, aber auch Zustelldienste, Fahrzeugführer, Reinigung und Spedition. Arbeitssuchender und Stellenangebot können deshalb aus komplett verschiedenen Bereichen kommen, auch wenn sie in der Statistik in einer Kategorie zusammengefasst sind. Außerdem stimmen die Kompetenzen der Bewerber und die Anforderungen der Arbeitgeber oft nicht überein, erklärt Stemberger. "Die Anforderungen nehmen immer mehr zu", sagt sie. Gefragt seien oft Kompetenzen wie Sprach- und EDV-Kenntnisse oder Zusatzausbildungen. "Vor allem im produzierenden Gewerbe wird immer mehr Spezialwissen verlangt", so Stemberger. Im sozialen Bereich sei Berufserfahrung oft eine Voraussetzung. "Das macht das Matching nicht immer einfach."

Aber auch andersherum können Probleme aufkommen, und zwar dann, wenn Personen nach langjähriger Beschäftigung in einem Spezialgebiet arbeitslos werden. Für sie sei es schwer, eine Stelle zu finden, die zu diesem Spezialwissen passt. Sie seien zwar Experten in einer Nische, haben aber kaum Auswahl auf dem Arbeitsmarkt. Das sei vor allem bei Leuten über 50 Jahren - der Alterskategorie mit den meisten Arbeitslosen - ein oft auftretendes Problem, sagt Stemberger. Fast 39 Prozent aller Arbeitslosen im Landkreis Erding sind über 50 Jahre alt. Hinzu kommen in diesem Alter zunehmende gesundheitliche Einschränkungen, erklärt Stemberger. Ein Hindernisgrund für eine schnelle Vermittlung könne außerdem sein, dass Kenntnisse teilweise veraltet sind.

Um Arbeitslose fit für Stellen mit höheren Anforderungen zu machen, bietet die Agentur für Arbeit Kurse und Weiterbildungsmöglichkeiten an. Dazu gehören EDV-Kurse, auch speziell für über 50-Jährige, oder Bewerbertrainings.

Die Arbeitslosenquote von 2,1 Prozent bedeutet im Vergleich zum Vormonat einen Anstieg um 0,4 Prozentpunkte. Für diese Jahreszeit sei das jedoch völlig normal, erklärt Stemberger. Im Januar und Februar sei die Quote immer etwas höher. Denn in diesen Monaten sind witterungsabhängige Berufe wie Gerüstbauer, Dachdecker, Bauarbeiter oder Garten- und Landschaftsbauer stark eingeschränkt. Über die Wintermonate werden sie oft ausgestellt und sind dann ein paar Monate lang arbeitslos. Stemberger zufolge sinke die Quote im März und April, wenn die Außenberufe ihre Arbeit wieder aufnehmen können. Die Arbeiter werden dann erneut eingestellt, oft kehren sie in die gleichen Betriebe zurück. Eine Sicherheit habe man aber nie, dass man wieder eingestellt wird, sagt Stemberger, und weist auf das sogenannte Saisonkurzarbeitergeld hin: Wenn Betriebe das beantragen, müssen sie ihre Angestellten über die Wintermonate nicht ausstellen, sondern erhalten von der Arbeitsagentur eine Ausgleichssumme, mit der sie die Löhne bezahlen können.

Obwohl es sich bei den 2,1 Prozent um einen Anstieg handelt, gehört Erding deutschlandweit zu den Landkreisen mit der niedrigsten Arbeitslosenquote. Zuletzt stand im März 2010 eine drei vor dem Komma, sagt Stemberger. Damals waren 3,2 Prozent im Landkreis Erding arbeitslos. Sie betont außerdem, dass die Dynamik im Landkreis Erding sehr groß sei: "Bei der Gegenüberstellung von offenen Stellen und Arbeitslosen handelt es sich nicht jeden Monat um die identischen Personen und Stellen. Im Jahr 2018 konnten 6 740 Leute ihre Arbeitslosigkeit beenden, dafür kamen 6 866 neue hinzu."