Wanderausstellung in Wartenberg„Antisemitismus ist leider wieder lauter geworden“

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Bei der Eröffnung der Ausstellung „Antisemitismus in Bayern“ an der Marie-Pettenbeck-Schule in Wartenberg (von links): Historikerin Melanie Falzetta, Schulleiter Michael Braun, Zeitzeuge René Kaufmann und Bürgermeister Christian Pröbst.
Bei der Eröffnung der Ausstellung „Antisemitismus in Bayern“ an der Marie-Pettenbeck-Schule in Wartenberg (von links): Historikerin Melanie Falzetta, Schulleiter Michael Braun, Zeitzeuge René Kaufmann und Bürgermeister Christian Pröbst. (Foto: Regina Bluhme)
  • In Wartenberg ist bis 6. Februar die Wanderausstellung „Antisemitismus in Bayern" zu sehen, die den wieder erstarkten Judenhass in Deutschland thematisiert.
  • Zeitzeuge René Kaufmann (88) berichtet regelmäßig an der Schule über seine Erfahrungen als Sohn eines jüdischen Vaters unter der Naziherrschaft.
  • Auch an der Marie-Pettenbeck-Schule sind bereits Hakenkreuz-Schmierereien aufgetaucht, weshalb präventive Aufklärung gegen Antisemitismus wichtig sei.
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In der Marie‑Pettenbeck‑Schule ist derzeit die Ausstellung „Antisemitismus in Bayern“ zu sehen. Darin geht es um den erstarkten Judenhass. Am Eröffnungsabend spricht auch der Überlebende René Kaufmann, der im benachbarten Langenpreising wohnt.

Von Regina Bluhme, Wartenberg

Vorsichtig steigt René Kaufmann die Stufen hoch zum Podest in der Aula der Marie-Pettenbeck-Schule. Der 88-Jährige wirkt zerbrechlich, doch was er zu sagen hat, entwickelt große Kraft. An der Schule in Wartenberg hält er immer wieder Vorträge über das, was er als Sohn eines jüdischen Vaters unter der Naziherrschaft erlebt hat. Diesmal ist er einer der Redner bei der Eröffnung der AusstellungAntisemitismus in Bayern“, die bis 6. Februar im Schulhaus zu sehen ist.

„Der Hass schlägt Jüdinnen und Juden immer offener entgegen“, heißt es in der Beschreibung der Wanderausstellung „Antisemitismus in Bayern – Judenhass heute“ von Rias, der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern. Mehrere Schautafeln stellen den Antisemitismus im Alltag der Gegenwart und dessen Auswirkungen auf jüdische Menschen dar. Im Landkreis Erding hat sich Wartenberg um die Ausstellung beworben. Warum Wartenberg?

„Wir müssen uns ehrlich machen: Antisemitismus ist nicht verschwunden“, sagt Bürgermeister Christian Pröbst (CSU). „Antisemitismus ist leider wieder lauter geworden“, er trete selbstbewusster auf, werde relativiert, verharmlost, sogar offen verteidigt. „Auch bei uns hier am Ort sehen wir Zeichen davon: Schmierereien, Parolen, Symbole des Hasses.“

Der Tag der Ausstellungseröffnung, der 27. Januar, der Tag der Befreiung des KZ Auschwitz, sei für ihn kein reiner Gedenktag, „sondern ein politischer Auftrag“, erklärt Pröbst. „Antisemitismus hat bei uns in Wartenberg keinen Platz“, ebenso wenig Rassismus und Menschenfeindlichkeit. Für die Politik bedeute das, nicht neutral zu bleiben, wenn Grundwerte angegriffen würden. „Neutralität hilft immer den Falschen.“

Zeitzeuge René Kaufmann im Gespräch mit Bürgermeister Christian Pröbst.
Zeitzeuge René Kaufmann im Gespräch mit Bürgermeister Christian Pröbst. (Foto: Regina Bluhme)
Gespräche und Schautafeln: Eröffnung der Ausstellung „Antisemitismus in Bayern“ an der Marie-Pettenbeck-Schule in Wartenberg am 81. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz.
Gespräche und Schautafeln: Eröffnung der Ausstellung „Antisemitismus in Bayern“ an der Marie-Pettenbeck-Schule in Wartenberg am 81. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz. (Foto: Regina Bluhme)

Aufklärung sei eines der wirksamsten Mittel gegen Hass, sagt Pröbst weiter. Umso wichtiger sei, dass an einer Schule die Ausstellung gezeigt werde. Schule sei eben nicht nur ein Ort des Lernens, sondern ein zentraler Ort der Demokratiebildung.

Seit mehreren Jahren gehören an der Grund- und Mittelschule in Wartenberg Vorträge von René Kaufmann zum Geschichtsunterricht. Kaufmann, Jahrgang 1937, verbrachte nach der Flucht seiner Eltern seine Kindheit in Belgien. Er erlebte mit, wie eine Tante verschleppt wurde und dann – wie fast der gesamte jüdische Teil der Familie – nach Auschwitz deportiert und getötet wurde. Kaufmann kehrte 1957 wieder nach Deutschland zurück, lebt heute in Langenpreising.

Er sei unlängst gefragt worden, ob er sich vor zehn Jahren das heutige Ausmaß an Feindseligkeit gegenüber Juden und Jüdinnen in Deutschland hätte vorstellen können. „Nicht im Traum hätte ich mir das vorstellen können. Heute ist es ein Albtraum“, erklärt Kaufmann bei der Ausstellungseröffnung. Aussagen der AfD erinnerten an düstere Zeiten, „es sind Schläge ins Gesicht von Zeitzeugen“.  Solange es seine Gesundheit zulasse, werde er weiter an Schulen über das Schicksal seiner Familie berichten, in der Hoffnung, dass Schüler und Schülerinnen sich später für demokratische Parteien entscheiden.

Jüdisches Leben ist heute in Deutschland sichtbar – und bedroht

„Antisemitismus endet nicht 1945. Er ändert seine Formen, aber nicht sein Wesen“, sagt Historikerin Melanie Falzetta. „Er ist eine Realität unserer Gegenwart.“ Die Grünen-Gemeinderätin aus Wartenberg und Doktorandin am Leibnitz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz  setzt sich schon seit Längerem mit jüdischer Geschichte und Antisemitismus auseinander. Ihre Masterarbeit widmete sie den „Displaced Persons“ in Wartenberg.

Darunter Menschen jüdischen Glaubens, die dem Holocaust entkommen waren und sich nun fern ihrem Heimatort befanden; sie wurden nicht selten als Belastung oder als Fremdkörper wahrgenommen, auch nach Ende der Naziherrschaft.  „Sie waren befreit – aber nicht angekommen“, sagt Falzetta. Von Anfang an sei jüdisches Leben in Deutschland mit der Frage verbunden gewesen: Bin ich hier wirklich sicher? Genau hier liege die Verbindung zur Gegenwart. Heute sei jüdisches Leben in Deutschland lebendig, vielfältig und sichtbar  – und zugleich oft bedroht.

Die Ausstellung sei keine Mahnung mit erhobenen Zeigefinger, sagt Falzetta.  Sie sei ein Angebot, „hinzusehen, nachzufragen, eigene Haltungen zu reflektieren“, erklärt die Historikerin. Gerade in Wartenberg. Jüdisches Leben sei hier, nach 1945, mitten im Ort „sichtbar und real“ gewesen. Menschen, die den Holocaust überlebt hatten, „lebten hier, arbeiteten hier, feierten ihre Feiertage“ und versuchten, wieder Vertrauen in eine Gesellschaft zu fassen.  „Diese Geschichte ist Teil der Geschichte Wartenbergs.“

Auch an der Wartenberger Schule sind schon Hakenkreuz-Schmierereien aufgetaucht

Dass diese Ausstellung an einer Schule gezeigt werde, sei ein starkes Zeichen, erklärt Melanie Falzetta. Es bedeute auch, dass junge Menschen sehen: Erinnerung ist nichts Abgeschlossenes. „Sie lebt davon, dass wir sie weitertragen. In Schulen, in Familien, in Gemeinden.“

„Wir wollen die Geschichte ins Hier und Jetzt holen“, betont Michael Braun, Schulleiter der Marie-Pettenbeck-Schule und zugleich Erdinger BLLV-Kreisvorsitzender. Auch an seiner Schule seien schon Hakenkreuz-Schmierereien aufgetaucht. Sich klar dagegen zu positionieren, sei Auftrag von Schule und Gesellschaft. Wichtig sei, „präventiv aktiv zu werden“, ist er überzeugt. Also, „aufklären mit der Hoffnung: Der stete Tropfen höhlt den Stein“. Eine wichtige Rolle im Geschichtsunterricht spiele seit Jahren René Kaufmann, fügt Braun hinzu. Seine Berichte bewegten die Schüler und sie bewegten die Lehrkräfte. Wenn Kaufmann erzähle, „dann sind hundert Kinder auf einmal mucksmäuschen still“.

„Antisemitismus in Bayern - Judenhass heute“, Ausstellung der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS Bayern), Marie-Pettenbeck-Schule, Zustorfer Straße 1, Wartenberg. Öffnungszeiten wochentags 8 bis 14 Uhr. Noch bis einschließlich 6. Februar.

Die mehrfach ausgezeichnete Arbeit „Jüdische Displaced Persons ab 1945 in Wartenberg“ von Melanie Falzetta kann auf der Seite des Historischen Vereins Erding (www.historischer-verein-erding.de) unter „Forum Geschichte“ eingesehen werden.

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