Bis vor einem Jahr war Annelies Sutter‑Stöttner in Dorfen nahezu vergessen. Dabei hatte die Alpinistin bereits in den 1930er- und 1940er-Jahren in den Alpen und im Himalaya erst Viertausender und später sogar Sechstausender bezwungen – ohne Sauerstoff und in einer Zeit, als der Extrembergsport noch eine reine Männerdomäne war. Der Schweizer Donat Graven, Enkel des Bergführers Alexander Graven, mit dem die Dorfenerin viele Gipfel bestieg, hat in den vergangenen Jahren die Geschichte seines Großvaters recherchiert und dabei vieles über das Leben von Sutter-Stöttner in Erfahrung gebracht. Seine Recherche führte ihn auch in das Dorfener Rathaus, wo er auf einen Flyer des Historischen Kreises stieß. Auf dessen Einladung stellte er nun die Geschichte der frühen Alpinistin im Dorfener Pfarrsaal vor.
Annelies Stöttner wurde am 19. Oktober 1918 in Dorfen geboren. Ihre Eltern besaßen die Niedermühle am Isenwehr, die die Familie in den 1930er-Jahren verkaufte, bevor sie nach München zog. Annelies interessierte sich früh für Kunst und Kultur sowie für die Bergwelt. Bereits als 20-Jährige reiste sie nach Zermatt, um den damals bereits renommierten Bergführer Alexander Graven aufzusuchen. Berühmt geworden war Graven durch die sogenannte Lauperroute an der Eiger‑Nordwand, die am 20. August 1932 erstmals bestiegen wurde – gemeinsam mit Hans Lauper, Alfred Zürcher und Joseph Knubel.
Doch zunächst zog es Stöttner nach Wien. Dort lernte sie den Schauspieler Alfred Lohner am Burgtheater kennen, den sie heiratete. 1938 zog das Paar in die Schweiz. „Spätestens 1938 wurde der Alpinismus dann ihr Hobby“, sagte Graven. „Es gibt etwa 80 Viertausender in den Alpen, rund 30 davon rund um Zermatt“, erläuterte er. Annelies Lohner bestieg zusammen mit Alexander Graven wohl über 20 Viertausender. Gipfelbilder bezeugten dies, sagte Graven.

Den Höhepunkt ihrer bergsteigerischen Unternehmungen markierte ihre erste Reise in den Himalaya. Teilnehmer neben Lohner waren André Roch, Alexander Graven, René Dittert und Alfred Sutter. Am 7. Mai 1947 flog die Gruppe von Amsterdam nach Karatschi. Am 26. Mai begann der Fußmarsch zum Basislager Nandanban in 4400 Metern Höhe, das sie nach 260 Kilometern durch steiles Gelände am 11. Juni erreichte.
Von Nandanban aus unternahm die Gruppe acht Touren. Zwar nahm sie Annelies Lohner nicht auf die Siebentausender mit, wohl aber auf einen Sechstausender, berichtet Donat Graven. Von Mitte Juni bis Mitte Juli stiegen die Alpinisten dreimal auf den 6940 Meter hohen Kedarnath. Am 1. August bezwangen sie den 7075 Meter hohen Satopanth, am 12. August folgte der 6102 Meter hohe Kalindi Peak, am 24. August der 6419 Meter hohe Balbala. Am 13. September erstiegen sie schließlich noch den 6310 Meter hohen Nanda Ghunti, ehe sie am 7138 Meter hohen Chaukhamba scheiterten. Am 11. Oktober 1947 trat die Gruppe den Rückflug von Bombay über Kairo nach Paris an.

Vor allem die Besteigung des Balbala hat auf Annelies Lohner einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. In der Schriftenreihe „Berge der Welt“ schildert sie unter dem Titel „Erfüllung eines Himalaya-Traumes“ dieses Abenteuer. Trotz Nebel und Schneefall entschließt sich die Gruppe zusammen mit ihrem Sherpa Tenzing Norgay um 7 Uhr zum Aufbruch. „Der Grat ist von weichem Neuschnee verblasen, und bei schlechter Sicht muss ein schweres Stück überwunden werden; es ist ein Rätselraten, ob man auf einer Wächte oder in der Wand ist. Querspalten klaffen wie schwarze Mäuler, jeder Schritt muss abgewogen werden.“ Um 10.30 Uhr erreichte die Gruppe den Gipfel des Balbala: „Umarmungen und Glückwünsche brechen aus dem Überschwall von Freude. Für mich ist dieser Gipfelsieg mehr als für die glücklicheren Kameraden die lange versagte und heiss ersehnte Genugtuung, der Preis für Mühen und Nöte, die Krönung meiner abenteuerlichen Himalayafahrt!“
Mit dem Sherpa Tenzing Norgay freundete sich die Gruppe an und lud ihn in die Schweiz ein, um sich dort als Bergführer ausbilden zu lassen. Im Jahr 1953 wurde er zusammen mit dem Neuseeländer Edmund Hillary berühmt, als Erstbesteiger des Mount Everest.

Annelies, die mittlerweile von Alfred Lohner geschieden war, bereiste den Himalaya 1949 ein zweites Mal und heiratete 1950 ihren Berggefährten Alfred Sutter, einen Putzartikelfabrikanten. Das Paar ließ sich in Münchwilen im Schweizer Kanton Thurgau nieder. Mit Dorfen blieb sie verbunden: Als 2011 wieder eine größere Sanierung der Etzkapelle anstand, trug auch eine großzügige Spende von Annelies Sutter-Stöttner zu deren Finanzierung bei.
Annelies Sutter-Stöttner starb am 7. Oktober 2012. Sie wollte aber nicht neben ihrem Ehemann in Münchwilen beigesetzt werden, sondern im Grab ihrer Eltern in Dorfen. Dieses Grab wäre vor Kurzem beinahe aufgelöst worden, weil es keine Nachkommen oder Verwandten gibt, die die Gebühren weiterhin zahlten. Ein laminiertes Schreiben an die Grabbesucher hing bereits Grabstein. Doch es existiert noch eine Stiftung ihres Mannes, von der Donat Graven wusste. Sie übernahm die Kosten – und so kann die kühne Pionierin weiterhin in ihrer Heimaterde ruhen.

